Welsleben l Morgens kurz vor 9 Uhr in Welsleben. Trabi, Renault, Opel oder Mercedes, ohne Unterschied reihen sich die Autos friedlich aneinander. Im Kofferraum, auf den Rücksitzen oder im Anhänger transportieren die Fahrzeuge Riesenmengen an Äpfeln. Das Bild hat sich über die Jahrzehnte hinweg nur in Nuancen verändert, lediglich die Zahl der Handwagen ist nach 1990 deutlich geringer geworden. Im kleinen Dorf in der Nähe von Schönebeck wird traditionell Most gepresst. Das Familienunternehmen „Natho’s Säfte GmbH“ kann sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen, auch in diesem Punkt gibt es praktisch keine Veränderung.

Munter purzeln die gerade angelieferten Äpfel in eine riesige Rinne. Schön müssen sie nicht sein, wichtig ist das Aroma. Laub und andere Schmutzteile werden anschließend weggespült, rotierende Bürsten reinigen die Früchte zusätzlich. „Keine Angst, faules Obst übersteht den Wassertest nicht. Wegen seines anderen Gewichts lässt es sich leicht abtrennen und geht in unserer großen Badewanne einfach unter“, erläutert Dirk Natho.

Fruchtsaft ohne Zusätze

In einer Saftpresse geben die gründlich gesäuberten Äpfel ihre Flüssigkeit ab. Die verbleibenden Reste wandern auf einen Anhänger. Bauern sind dankbare Abnehmer dafür und nutzen diese Fruchtmasse als Futter in der Tiermast.

Ohne weitere Zusätze, ohne Zucker, ohne Wasser, ohne Farb- oder Konservierungsstoffe fließt der reine goldgelbe Saft in riesige Edelstahltanks, schonend nur durch kurzes Erhitzen haltbar gemacht. Damit das gesamte Jahr die Produktion gesichert ist, findet der nicht sofort abgefüllte Most seinen Platz im Tanklager mit einer Kapazität von rund 400.000 Litern. Ein Teil der Anlagen ist unterirdisch angelegt.

Zu DDR-Zeiten konnten wir nur mühsam alle Wünsche erfüllen. „Die Flaschen mit Apfelsaft wurden uns fast noch warm aus den Händen gerissen“, erinnert sich Dirk Natho. Da war es ganz egal, ob schon das Etikett auf der Flasche klebte oder nicht. Schon lange vor dem Aufstehen reihten sich damals die Kunden in die Schlange der Wartenden ein. Sie lieferten aus ihren Kleingärten alles ab, was entbehrlich war: Kirschen, Äpfel oder Stachelbeeren. Der volkseigene Einzelhandel schwächelte bei der Versorgung mit fruchtigen Säften. So stopfte die Mosterei eine Lücke im kargen Angebot des Einzelhandels.

Schwere Privatwirtschaft zu DDR-Zeiten

Die Planwirtschaft setzte auf solche privaten Produzenten, sagt Holger Natho, der mit seinem Bruder heute die Geschicke des Unternehmens in der fünften Generation leitet. 1906 war es als Molkerei gegründet worden, lieferte Milch, Butter und Harzkäse. Im Dritten Reich dann eine von oben verordnete Umstrukturierung. Genossenschaften waren angesagt, die kleinen Betriebe nicht mehr gefragt. Urgroßvater Otto Harzer entschloss sich deshalb Anfang der 1930er Jahre, künftig auf Most zu setzen. Eine Reihe der Anlagen ließ sich problemlos für die neue Produktion nutzen.

In der DDR gab es dann große und kleine Hürden zu überwinden. Der „Private“ wurde schlechter mit Material und Maschinen ausgestattet. „In der Nacht sind wir mitunter losgefahren, um Kronkorken zu ergattern“, erinnert sich Dirk Natho. Oft blieb nur die 3. Wahl übrig und die Familie saß stundenlang, um die brauchbaren Exemplare herauszufinden.

Der in der Lebensmittelbranche übliche Einbruch nach der Währungsunion 1990 traf auch die Nathos. Gut ein Jahr stagnierte der Absatz. Die Kleingärtner reisten lieber, kümmerten sich um den Job statt um ihr Obst. Es gab ja auch alles zu kaufen.

Natur wertschätzen

Schnell aber wurde klar, dass Fruchtsaft nicht gleich Fruchtsaft ist. Es begann mit Klinkenputzen bei kleinen Einzelhändlern. Inzwischen verkaufen fast alle Lebensmittelketten der Region die Erzeugnisse aus Welsleben. Daneben schwören Krankenhäuser, Seniorenheime und Kindergärten darauf. „Sogar das renommierte Herrenkrug-Hotel in Magdeburg ist unser Kunde“, ergänzt sein Bruder. Die wurden schon vor dem Krieg beliefert. Damals allerdings hatten Säfte noch einen hohen Stellenwert. Jede Flasche sei in Seidenpapier eingewickelt worden.

Wertschätzung der Natur, das wünscht sich Dirk Natho auch heute. Das Übermaß an Windrädern in der Region ist ihm beispielsweise ein Dorn im Auge. Als Mitglied im Ortschaftsrat sucht er nach Verbündeten, um der weiteren „Verspargelung“ der Landschaft Einhalt zu gebieten. Abends sitzt er mit Gleichgesinnten lange zusammen, will die Bürger aufklären. Das Wort des gestandenen Unternehmers zählt dabei.

Zehn Mitarbeiter haben die Nathos. Zehn Aufkaufstellen unterhalten sie in der Umgebung. Das Obst wird frisch aufgekauft. Vertraglich gebundene Bauern liefern schwarze Johannisbeeren, Kirschen und Holunder. Landschaftspflegeverbände haben in den vergangenen Jahren die Anlage von Streuobstwiesen in den Elbauen forciert. Diese Vielfalt der Sorten zaubert einen besonderen Geschmack. „Wir haben tolle Früchte vor Ort“, sind sich die beiden Brüder einig.

40 Sorten Most im Hofladen

Für zehn Kilogramm Obst gibt es acht Flaschen Most aus dem gesamten Sortiment, ganz nach freier Wahl. Weit unter einen Euro muss der Kunde für die Verarbeitung drauflegen.

An die 40 Sorten Most und Wein stehen im eigenen Laden auf dem Welsleber Hof, der allein jährlich etwa 5000 Kunden zählt. Rhabarber steht in der Gunst ganz oben. Um der Nachfrage gerecht zu werden, bauen Nathos Rhabarber vor der Haustür selbst an. Exotische Sorten haben ihre Wurzeln im Ausland und werden erst in Sachsen-Anhalt gepresst. Mangopüree dafür stammt aus Indien, passierte Tomaten kommen aus Südtirol.

In der DDR war Obstwein ein Renner. Und ist es bis heute geblieben. 60 Prozent der Produktion fließt in Weinflaschen. In vollem Gang ist gerade das Mischen von Glühwein. Was Ende der 1980er Jahre mit dem Kirschglühwein „Hexenfeuer“ begann, hat sein Nischendasein überwunden. Acht Sorten sind im Angebot, kurz vor dem Jahreswechsel kommt eine weitere dazu, über dessen Geschmacksrichtung sich Nathos keine Silbe entlocken lassen. Jede fünfte Flasche Most wird aus Äpfeln gemacht, Kirsche und Schwarze Johannisbeere folgen in der Beliebtheitsskala.

In Sachsen-Anhalt gibt es gerade einmal eine Handvoll solcher privaten Lohnmostereien wie die in Welsleben. Der Trend zur gesundheitsbewussten Ernährung hilft ihnen, gegen die großen Mitbewerber zu bestehen. „Öko können wir zwar nicht auf unsere Flaschen schreiben, aber die verarbeiteten heimischen Früchte werden nicht Tausende Kilometer weit transportiert“, sagt Holger Natho. Das sei „bester Umweltschutz“. Noch bis Ende Oktober werden Äpfel und Quitten angenommen.