Harsleben l 27. Juli: Das rote Kästchen auf dem Schiebekalender im Wohnzimmer von Ute Meldau wird nicht mehr verrückt. Aus gutem Grund, wie die 58-jährige Harslebenerin betont. In den Abendstunden jenes Schicksalstages brach über der Bewohnerin der Oberwasserstraße – allein der Name bekommt angesichts der damaligen Flutwelle einen sehr speziellen Anstrich – und vielen anderen Harslebern das blanke Chaos herein.

Der Goldbach schwoll rasant an und flutete im Umfeld zahlreiche Häuser. Besonders schlimm dabei: Während in Wernigerode und entlang der Holtemme bereits seit Tagen gegen die Hochwasserfluten gekämpft wurde und vielerorts Feuerwehr und Technisches Hilfswerk im Einsatz waren, traf es Langenstein, Teile Halberstadts und vor allem Harsleben ohne jede Vorwarnung.

Flut ohne Vorwarnung

Auch Ute Meldau, die seit vier Jahrzehnten in der Oberwasserstraße lebt, und Gabriele Bosse, die Nachbarin vom Grundstück gegenüber, bekamen mehr als nur nasse Füße. Die Erdgeschosse ihrer Häuser wurden buchstäblich geflutet, der Schaden war enorm.

Bilder

„Als gegen 18 Uhr jemand erzählte, dass gerade Langenstein absäuft, war klar, dass es auch uns treffen würde.“ Die Prognose sollte zutreffen. Bis zwei Uhr nachts sei der Pegel um schätzungsweise 70 Zentimeter gestiegen – „in 40 Jahren habe ich so etwas noch nicht erlebt“, erinnert sich Ute Meldau.

Frau stirbt in Holtemme-Fluten

Damals schockierten die Bilder aus Harsleben: Menschen, die verzweifelt – und letztlich ziemlich erfolglos – mit Sandsäcken gegen die Fluten kämpften. Gabriele Bosses Tochter Bianca, die Hündin „Lessy“ vom gefluteten Grundstück trug. Und Helfer, die nach dem tagelangen Kampf gegen die Fluten im Harz einfach nur am Ende waren. Denn vor dem Goldbach waren schon Zillierbach und Holtemme im Raum Wernigerode/Silstedt und Derenburg über die Ufer getreten. Mit besonders tragischen Folgen: Eine 69-Jährige, die in Wernigerode in die Holtemme gestürzt war, wurde später bei Derenburg tot aus dem Fluss geborgen.

Zurück nach Harsleben. Heute – ein Jahr danach – haben die Familien Meldau und Bosse die gröbsten Zerstörungen des Hochwassers beseitigt. Putz- und Fußbodenschäden in den Häusern sind verschwunden, bis auf wenige Restarbeiten sei es geschafft, berichten die Frauen. Die Angst, dass irgendwann ein weiteres Hochwasser wieder alles zunichte macht, ist freilich stets real.

Dennoch fällt die Antwort auf die Frage, ob sie damals nicht auch da­rüber nachgedacht haben, alles hinter sich zu lassen und dem riskanten Wohngebiet in der Goldbach-Niederung in Harsleben für immer den Rücken zu kehren, klar aus: ein doppeltes Nein.

Neustart dank Versicherung

Das unterscheidet Ute Meldau und Gabriele Bosse von Brunhilde und Rainer Erdmann, den Nachbarn vis-à-vis: Ebenfalls völlig abgesoffen – „das Wasser stand einen Meter hoch“, erinnert sich Brunhilde Erdmann. „Mein Mann hat schon damals gesagt, dass er hier einen Schlussstrich zieht und weggeht, weil wir bei jedem Starkregen das Wasser im Hof stehen haben.“

Das Glück für die Familie: Sie hatten dank Elementarschadenversicherung seit Jahrzehnten das Hochwasserrisiko mit abgedeckt und bekamen nach der Flut eine Zahlung, mit der sie sich unweit der Oberwasserstraße – aber entsprechend höher gelegen – ein anderes Haus kaufen und dort neu starten konnten. Ihr altes Grundstück wenige Meter neben dem Goldbach ist seither unbewohnt und wahrscheinlich über Nacht nahezu wertlos geworden.

Ein Schritt, über den Ute Meldau und Gabriele Bosse mit Blick auf ihre Grundstücke nicht spekulieren wollen. Sie leben hier und wollen – trotz der Unsicherheit, wann und wie stark das nächste Hochwasser kommt – bleiben.

Wie real diese Gefahr ist, wurde auch in diesem Jahr schon deutlich. Als am 1. Juni nach sintflutartigen Regenfällen die Innenstadt von Halberstadt überflutet wurde, stand auch bei ihnen und auf dem alten Grundstück der Erdmanns wieder das Wasser im Hof. Allerdings in einem Maße, mit dem „Ureinwohner“ wie Ute Meldau leben gelernt haben. Auf ihrem neuen Grundstück behielten die Erdmann trockene Füße.

Alles richtig gemacht – dank Versicherungszahlung. Auf die konnten Ute Meldau und ihr Mann Ralf nicht bauen, weil nicht abgeschlossen. Allein zweimal 500 Euro habe es für die zweiköpfige Familie als einmalige Soforthilfe vom Staat gegeben.

„Das war schon bitter“, erinnert sich die 58-Jährige. Die ersten Tage nach der Flut habe sie irgendwie funktioniert. Nach einer Woche sei ihr dann klar geworden, wie immens der Schaden ist. „Da hatte ich früh schon Tränen in den Augen.“ Die Küche zerstört, die Möbel im Wohnzimmer zu breit, um sie über die schmale Treppe schnell noch nach oben zu bringen. Erst nach Wochen, als langsam etwas Entspannung zu erkennen war, leichtes Aufatmen. Die Höhe des Schadens? „Keine Ahnung, was all das letztlich gekostet hat.“

Hier kann Gabriele Bosse zumindest eine Zahl nennen. Sie hatte Glück, weil im Januar 2017 der Versicherungsmakler angeklopft hatte, um mit ihr die Verträge anzupassen. Die damals „glücklicherweise“ abgeschlossene Elementarversicherung bescherte ihr 2017 ein Weihnachtsgeschenk: „Vier Monate nach der Flut und kurz vor Weihnachten war in Bad, Küche und Flur alles wieder soweit im Lot“, erinnert sie sich. Die Versicherung habe dafür rund 40.000 Euro gezahlt.

Überschaubare Prämie

Im Gegenzug, rechnet die 57-Jährige, zahle sie monatlich 71 Euro für Haus- und Hausratversicherung samt Elementarschutz. Macht 852 Euro pro Jahr und 2,34 Euro am Tag.

Ein Betrag, den auch Nachbarin Meldau – rückblickend betrachtet – gern gezahlt hätte. Mittlerweile hat auch sie ihre Versicherungen für Haus und Hausrat um diesen Baustein erweitert: „Aus Schaden wird man klug“, bringt sie es ganz pragmatisch auf den Punkt.

Eine Erkenntnis, die analog auch für Bärbel und Frank Wode gilt. Beide leben Im Gange 1, sind normalerweise Goldbach-Anrainer und versanken im Sommer mit ihrem Grundstück ebenfalls in den Fluten. „Wir waren gerade im Urlaub an der Ostsee, als wir davon erfahren haben“, erinnert sich die 62-Jährige. Als sie daheim ankamen, waren alle Messen bereits gesungen.

Mittlerweile haben sie Haus und Grundstück wieder he­rausgeputzt. Ein Kraftakt, wie sie sagen. Dank seiner handwerklichen Fertigkeiten konnte Frank Wode vieles selbst machen, hinzu kam Hilfe aus der Nachbarschaft. Ein Fakt, den auch Ute Meldau und Gabriele Bosse immer wieder erwähnen. Bei aller Tragik – die Hilfsbereitschaft untereinander und von teilweise wildfremden Menschen sei groß gewesen, das habe bis heute zusammengeschweißt.

Auch Wodes mussten teures Lehrgeld zahlen. Während der Hausrat versichert war und es schnell Entschädigungen gab, blieben sie beim Haus auf den Schäden sitzen. „Das war ganz klar unser Fehler“, räumen sie ein. Monate zuvor habe es entsprechende Hinweise gegeben, die im Alltagstrubel irgendwie untergingen. Längst haben auch sie reagiert. Denn das nächste Hochwasser – darin sind sich alle in Harsleben einig – sei nur eine Frage der Zeit.

Viele Baustellen im Ort

Das sieht auch Matthias Blessinger, Sachgebietsleiter Wasser bei der Kreisverwaltung, so. Deshalb tritt er aufs Tempo und kann die Sorgen und Kritik der Harsleber durchaus nachvollziehen. Die schmerzlich gewonnene Erkenntnis, Harsleben an sich sei bei Hochwasser ein Nadelöhr, bestätigen er und der Sachgebietsleiter Abwasser, Ulrich Kundler: Verengte Bachquerschnitte, enge und zu kleine Brücken, die schon bei Stark- regen zum Rückstau der Fluten führen. Ein Problempunkt: Die Brücke am Hundeplatz.

Risikostatus wird erwartet

Hinter den Kulissen sei binnen Jahresfrist allerdings einiges geschehen, betont Blessinger. Maßgeblicher Punkt: Dass der Goldbach zum Hochwasser-Risikogewässer wird, sei mittlerweile quasi beschlossene Sache. Im Dezember werde dieser Fakt sehr wahrscheinlich offiziell. Gleiches gelte übrigens auch für den Suenbach bei Ilsenburg, ergänzt Christoph Ertl vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW).

Das ist – mit Blick auf den Hochwasserschutz – eine große Chance. Für Risikogewässer werden hydrologische Untersuchungen angestellt und fußend auf den dabei erkannten Schwachpunkten in der Regie des LHW der Hochwasserschutz geplant. Problem beim Goldbach: Als Gewässer zweiter Ordnung – und das wird er wohl bleiben – sind für den Hochwasserschutz die Anrainer-Kommunen zuständig. Und die schauen hinsichtlich der Kosten und ihrer leeren Kassen auch zum Land.

Konkrete Pläne im Blick

Ob diese veränderte Risikobewertung letztlich auch die Versicherungsprämien steigen lässt, bleibt abzuwarten. Klar ist: Je höher das Risiko, desto teurer lässt es sich versichern. Und klar ist auch: Hochwasserschutz ist eine langwierige und teure Angelegenheit. Deshalb wagt niemand eine Prognose, wie lange es mit Blick auf Harsleben dauern wird. Aber: Blessinger macht Druck. Die Anrainerkommunen prüften gerade, ob sie sich zu einer Gewässerallianz zusammenschließen, um schnell entscheiden zu können. Denkbar sei auch, den Unterhaltungsverband zusätzlich mit dem Hochwasserschutz zu beauftragen. Dann aber müssten die Anrainer dafür zahlen.