Magdeburg l Acht Wochen lang ist die neue Chefin des Magdeburger Fraunhofer-Instituts im Hintergrund geblieben. Gestern nun tritt Julia Arlinghaus in der Magdeburger Johanniskirche ins Rampenlicht. Im Stil des ehemaligen Apple-Chefs Steve Jobs legt sie mit einer dreidimensionalen Simulation vor Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft ihre Vision für die Zukunft des Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung vor.

Der Titel "Zeitenwende in Produktion und Logistik" kommt dabei bewusst unbescheiden daher. Arlinghaus, zugleich Professorin an der Uni, macht klar, dass sie mit dem Institut im Wissenschaftshafen keine kleinen Brötchen backen will.

Und: Die Wirtschaftsingenieurin kommt nicht mit leeren Händen. Erst eine Stunde zuvor hat sie mit Amtsvorgänger Michael Schenk, Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) den Grundstein für einen Erweiterungsbau an ihrem Institut gelegt.

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18,4 Millionen Euro Investition

Land, Bund und EU investieren im Wissenschaftshafen gleich neben der Elbe 18,4 Millionen Euro in ein "Zentrum für kognitive, adaptive Arbeitssysteme".

Dahinter verbirgt sich nicht weniger als die Blaupause für die Fabrik der Zukunft. 2021 soll die Einrichtung bezugsfertig und nutzbar sein.

Zentrum wird dabei eine "Technikum" genannte Halle: Auf flexiblen Bodenplatten sollen Maschinen je nach Bedarf immer wieder neu angeordnet werden können, erklärt Arlinghaus ihren Zuhörern. "Die Fabrik der Zukunft muss sich immer wieder neu erfinden können." Dazu gehört auch: Intelligente Roboter sollen ihre Umgebung wahrnehmen, untereinander kommunizieren und eigenständig Entscheidungen treffen.

Bis zu 40 neue Arbeitsplätze

Startups und größere Unternehmen sollen im Technikum Büros anmieten und mit Experten aller Disziplinen an der Weiterentwicklung der Modell-Fabrik sowie ihrer Übertragung auf die Realität forschen.

Das Fraunhofer-Institut mit seinen derzeit 190 Mitarbeitern könnte mit dem neuen Gebäude um 40 Arbeitsplätze wachsen.

Der Neubau ergänzt die bisherigen Institutsgebäude: Im Elbedome – dem Holodeck der Einrichtung – können Kunden schon jetzt Geräte, Produkte und ganze Werkhallen im virtuellen Raum simulieren. Im benachbarten alten Technikum trimmen Forscher und Unternehmer Maschinenparks auf Effizienz.

Doch wozu der Aufwand? "Viele Unternehmer im Land liegen heute nachts wach und grübeln über Billigkonkurrenz aus Fernost, den Trend zu immer individuelleren Produkten und eine alternde Belegschaft", sagt Arlinghaus. Der einzige Ausweg, um die Wirtschaft im Land langfristig konkurrenzfähig zu erhalten, sei die Industrie 4.0.

Produktivität wird erhöht

Mit ihr ließe sich die Produktivität auf einen Schlag um 30 Prozent erhöhen. 85 Prozent genauere Vorhersagen zum Rohstoffbedarf erlaubten ökologischeres und wirtschaftlicheres Arbeiten. Anwendungen seien in allen Branchen denkbar, von Landwirtschaft über die chemische Industrie bis zur Medizintechnik. Für drei Rechenzentren des Kommunikationsdienstleister T-Systems etwa erarbeitet das Institut demnächst Studien zur Energieoptimierung.

Arlinghaus weiß aber auch, der Weg zur Digitalisierung ist lang: "Bislang gleicht die Industrielle Revolution eher einer Evolution." Manche Firmen arbeiteten noch immer mit Karteikarten, sagt sie. Es gelte, Unternehmer dort abzuholen, wo sie stehen.

Anerkennung bekommt Arlinghaus unter anderem von Reiner Haseloff: "Wir wissen, was wir am Fraunhofer-Institut haben", sagt er. Gerade in Zeiten, in denen etwa die Autobranche in tiefer Verunsicherung über künftige Technologien zögere, brauche es die Wissenschaft als Begleiter und Politikberater.