Halle l Relevante Berufserfahrung, diverse Praktika und wenn es geht, bitte auch noch sozial engagiert – aber nicht erst seit gestern, sondern im Idealfall bereits seit der erste eigene Personalausweis aus der Druckpresse gesprungen ist. Was nach viel klingt, ist in Wirklichkeit nicht mehr als die Beschreibung eines in Deutschland gewöhnlichen Anforderungsprofils für einen Job.

Dass das Leben nicht immer die idyllische Gipfelbesteigung bei knallendem Sonnenschein ist, spielt keine Rolle. Darf keine Rolle spielen. Wer will schon wissen, dass die Praktika auf der Strecke geblieben sind, weil Doppelschichten als Kellner das Studium finanzieren mussten? Niemand. Nicht im Arbeitsleben und auch nicht auf der WG-Party, bei der man dem Fremden doch viel lieber vom letzten Trip nach Spanien erzählt als davon, dass die nächste Woche Sparflamme angesagt ist, weil der Monat wieder einmal viel zu viele Tage für das viel zu mager bestückte Konto hat.

Erfolg. Darüber redet jeder gern. Fehler. Das ist noch immer ein Tabu-Thema. Versagen hat eben keinen Charme, spiegelt unser junges, nur so vor Selbstbewusstsein strotzendes Ich nun mal so gar nicht wider. Und die Reisebegleitung Mitleid? Die kann bitte gleich zu Hause bleiben.

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Konzept kommt ursprünglich aus Mexiko

Der Alltag hat keinen Raum für Fehler. Zumindest keinen öffentlichen. Doch so ganz stimmt das nicht mehr. Zumindest ist das alte Xenos-Kaufhaus in Halles Altstadt an diesem Abend mit mehr als 200 Besuchern gut gefüllt. Zum zweiten Mal erzählen drei Redner bei der „FuckUp“-Night ihre persönliche Geschichte vom Scheitern. Organisiert wird die Veranstaltung vom Transfer- und Gründerservice der Martin-Luther-Universität und dem Designhaus, dem Existenzgründerzentrum der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Das Konzept stammt aus Mexiko, 2014 fand das erste Event in Deutschland statt. Bei der Premiere 2019 in Halle war die Veranstaltung bis auf den letzten Platz ausgebucht. „Es macht Mut, zu hören, wie das vermeintliche Scheitern einer neuen Chance die Tür geöffnet hat“, sagt Designhaus-Sprecherin Katharina Lipskoch. „Glatte Erfolgsstories sind nicht nur viel langweiliger, sondern auch viel weniger lehrreich.“

Und so steht am Ende dieses Abends jeder Redner auch für eine eigene Botschaft. Die vielleicht emotionalste sendet Lucius Bobikiewicz, als er während seines Vortrags kurz innehält und die PowerPoint-Präsentation eine Folie weiter schliddert: „...es gibt Wichtigeres im Leben als Geld“, steht auf einem Bild, das die Silhouette einer Frau zeigt. „Das war das einzige Mal, dass sich meine Frau zu dem Schlamassel geäußert hat“, sagt Bobikiewicz. Kurze Stille. Applaus.

Das war vor rund acht Jahren. Es war der Moment, in dem der 55-Jährige seiner Frau beichten musste, dass das ersparte Geld weg und das Ehepaar jetzt verschuldet ist. Schicke Wohnung im Paulus-Viertel, zwei schulpflichtige Kinder, „ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll“. Ausgerechnet er. Der, der bereits vier Unternehmen gegründet und erfolgreich verkauft hatte. „Ich war mir sicher, ich weiß, wovon ich rede.“ Seine Idee damals: Reich werden mit IBM Lotus Notes. Ein Datenbanksystem, das damals von allen großen Banken und Unternehmen genutzt wurde, um den Arbeitsalltag zu organisieren. Der Aktenordner für den PC sozusagen.

Bobikiewicz hatte schnell erkannt, dass die Nutzerfreundlichkeit zu wünschen übrig lässt. Also baute er ein Offshore-Team auf, das einen digitalen Assistenten zur Schulung von Mitarbeitern für Lotus Notes entwickeln sollte. Designer in Isreal, Software-Entwickler in der Ukraine, Skript-Autoren in Großbritannien. „Wir mussten die Skripte immer wieder testen und auf einmal hatten wir aus Versehen ein ganz anderes Produkt entwickelt.“ Ein Tool zum Testen von neuen Anwendungen für Lotus Notes. Damals einzigartig. „Also muss man reagieren, das ist als Gründer nun mal so, und wieder umdenken.“

Verkauft war bis dato noch nichts. „Die Leute mussten bezahlt werden und so verbrannte ich immer mehr Geld.“ Zwar verwendete unter anderem die Deutsche Flugsicherung die Anwendung zum Testen der Software, „aber es gab immer einen Haken, wir haben das Tool einfach nicht marktreif bekommen“. Zudem verdrängt Microsoft zunehmend Lotus Notes. „Die Stimmung in der Branche war negativ.“

Nach zwei Jahren musste der Unternehmer feststellen: „Wir müssen aufhören, es funktioniert nicht.“ Bobikiewicz hatte viel verloren. Vor allem finanziell. Und dennoch sind seine „lessons learned“ am Ende nicht negativ geprägt. 1. Soll man in einen Markt investieren, aus dem andere rausgehen? „Tja, meine Bankberaterin hat letztens ihr Programm auf dem PC geöffnet und was war da: Lotus Notes.“ Bobikiwiecz will sagen: Ja, glaub an deine Idee.

Und indirekt sagt er damit auch: Nehmt Fehler in Kauf. Doch das ist eben die Ausnahme. Dieses Event ist noch immer eine Ausnahme, wenn es um das Thema „Deutsche Fehlerkultur“ geht. Und das hat tiefgreifende Gründe. „Die Null-Fehler-Kultur ging in unserer Industrienation lange Zeit gut, die Dinge haben sich positiv entwickelt“, erklärt Andreas Gebhardt, einer der bundesweit renommiertesten Experten und Redner zum Thema „Fehlerkultur“. Er sagt: „Diese Null-Fehler-Toleranz hat dazu geführt, dass man irgendwann gemerkt hat, dass Innovationen nicht mehr so leichtfallen. Vermeidet man Fehler, verhindert man damit Innovation.“

Und so ist Gebhardt gut gebucht, spricht vor Mitarbeitern der Deutschen Bahn oder bei Audi über den offenen Umgang mit Fehlern. Doch das ist noch immer alles andere als selbstverständlich. „Ich habe es auch schon erlebt, dass Unternehmen mich zum Thema Fehlerkultur gebucht haben, aber meinten: ‚Könnten Sie bitte das Wort Fehler weglassen‘.“

Ein weiterer Grund dafür ist unser Bildungssystem. In der Schule wird uns vermittelt: Drei Fehler gemacht, das ist schon keine Note eins mehr. Es heißt eben nicht: Nur drei Fehler gemacht, eine gute Note zwei.

Eine frühe Prägung von Denkmustern, in denen Misserfolg am besten gar nicht thematisiert wird, und die sich weiter entwickelt. „Es beginnt bereits mit der Standard-Frage ‚Wie geht‘s dir?‘ Da wird mit der Standardantwort ‚Danke, kann nicht klagen‘ entgegnet. Wir sind oft auf Negatives gar nicht vorbereitet“, sagt Stefan Dudas. Der Schweizer ist Business-Experte für Sinngebung in Unternehmen. Er glaubt, dass man das Wort „Scheitern“ erst einmal analysieren sollte, bevor man es benutzt. So hatte Dudas einen Coaching-Kunden, der das Scheitern seiner Ehe als größten Misserfolg betitelte. Aus dieser Ehe sind zwei Kinder entstanden. Auf die Frage, ob er diese Kinder auch als Misserfolge betiteln würde, verneinte der Kunde vehement.

Null-Fehler-Toleranz in Industrienationen

Doch neben der frühen Prägung im Kindesalter und der lange Zeit geltenden Null-Fehler-Toleranz in Industrienationen ist der Umgang mit dem Scheitern immer auch eine Frage der Grundmotivation. „Es ist entscheidend, ob ich nur arbeite, um Fehler zu vermeiden oder weil ich aktiv ein Ziel erreichen will“, sagt Gebhardt.

Diese Botschaft sendet auch die FuckUp-Night in Halle. „Macht Fehler, traut eurem Instinkt“, sagt Thomas Mehl. Der Geschäftsführer von Metrix Media musste dabei zusehen, wie sein Unternehmen 2013 dem Hochwasser zum Opfer fiel. 700 Quadratmeter Fläche mit sechs Tonstudios. Teure Technik, vor allem aber das kreative Herzstück seiner Arbeit gingen wortwörtlich baden. „Ohnmächtig habe ich mich gefühlt, irgendwie gelähmt, aber es musste ja weitergehen“, sagt Mehl, der feinste Entertainer-Qualitäten besitzt und somit das Publikum ein ums andere Mal zum Lachen bringt. Für ihn damals entscheidend: Gute Freunde und die Liebe zur Kreativität. Heute produziert er wieder die digitale Soundnachbearbeitungen bei großen TV- und Rundfunk-Produktionen. Sein neues Studio liegt mittlerweile in sicherer Entfernung zur Saale.

Ähnlich wie Mehl, hatte zwar auch Erik Kort vor mehr als zehn Jahren viele gute Freunde. Doch auch die konnten ihn nicht vor dem finanziellen Desaster bewahren. Der Niederländer setzte viel Geld in den Sand, als er ein auf GPS-Daten beruhendes elektronisches Fahrtenbuch auf den Markt bringen wollte. Finanzierungen scheiterten immer wieder an damals auch technischen Hürden, Geld kam zu spät oder gar nicht und „ich war etwas zu optimistisch, dachte, das klappt schon irgendwie“. Blauäugig. Und so scheiterte auch das Projekt des Wahl-Hallensers – aber eben nicht ohne einige wichtige Lektionen. Eine davon: „Spiel immer mit offenen Karten, vor allem deinen Mitarbeitern gegenüber.“ Eine Frage aus dem Publikum zum Abschluss: „Würdest du es wieder machen?“ Kort: „Ja, sofort.“