Magdeburg l Seit knapp vier Monaten ist Dr. Wolfgang Schneiß Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus. Im Interview sprach Schneiß über wachsende Feindseligkeit gegenüber Juden in Sachsen-Anhalt und äußerte sich zum „Judensau“-Urteil.

Würden Sie Juden in Sachsen-Anhalt davon abraten, die Kippa öffentlich zu tragen?
Wolfgang Schneiß: Ich bin an dieser Stelle zurückhaltend und möchte keine Ratschläge aussprechen. Es muss unser Ziel sein, dass jeder Mensch die Kopfbedeckung tragen kann, die er tragen möchte. Wir wollen weder alten noch neuen Antisemitismus und auch sonst keine Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Klar ist aber auch, dass es eine wachsende Beunruhigung in der jüdischen Gemeinschaft auch in Sachsen-Anhalt gibt, weil in ihr Antisemitismus verstärkt wahrgenommen wird. Das ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft.

Welche Gründe gibt es dafür?
Es gibt eine allgemeine Enthemmung in unserer Gesellschaft, die sich im Internet besonders deutlich zeigt. Hate Speech (Hassrede, Anm. d. Red.) ist ein ganz großer Faktor. Auf einmal äußern sich Menschen in einer Art und Weise, die es früher nicht gab, und verstecken sich hinter ihrer Anonymität. Populistische Bewegungen haben Zulauf und bieten scheinbar einfache Antworten an. Antisemitismus war schon immer ein einfaches Feindbild, das wieder verstärkt benutzt wird.

Soziale Medien sind also die neue Brutstätte für Antisemitismus?
Sie sind zumindest ein wichtiger Faktor. Man muss das Wort ‚sozial‘ hier ja fast in Anführungsstriche setzen. Die Frage ist, muss man Hate Speech klaglos hinnehmen? Ich habe diese Frage an die Landesmedienanstalt herangetragen, um herauszufinden, was wir machen können. Zurzeit herrscht noch eine große Unsicherheit hinsichtlich der Frage: Sind wir chancenlos gegen Antisemitismus im Netz? Ein weiterer Grund für wachsenden Antisemitismus ist aber auch das fehlende Bewusstsein dafür, welche Bedeutung die jüdische Kultur und Geschichte für unser Land haben. Ein großes Stück historisches und kulturelles Gedächtnis ist in der Bevölkerung verloren gegangen.

Inwiefern?
Man weiß heute viel zu wenig darüber, wie sehr jüdische Kultur auch Sachsen-Anhalt geprägt hat. Dessau ist der Geburtsort von Moses Mendelssohn, dem Wegbereiter der Aufklärung. In Gröbzig steht eine Landsynagoge, gut sichtbar an der Straße und mit einer hohen Kuppel. Das zeigt das Selbstbewusstsein einer ehemaligen ländlich jüdischen Gemeinde.

Halberstadt hatte eine starke jüdische Gemeinde, deren Nachfahren bis heute in Israel und Amerika gut vernetzt sind. Und natürlich gab es auch in Magdeburg und Halle selbstbewusste jüdische Gemeinden, die sich ins Stadtgeschehen eingebracht haben. Wir müssen wieder mehr Bewusstsein dafür schaffen. Jüdische Kulturtage, die vielerorts bereits stattfinden, helfen dabei. Auch der Neubau einer Synagoge in Magdeburg soll dafür ein wichtiges Signal sein.

Das „Judensau“-Relief an der Wittenberger Stadtkirche darf hängen bleiben. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?
Natürlich ist das Relief eine Missachtung von Juden. Das Gericht sagt aber, es ist keine Missachtung im Sinne des Strafgesetzbuches. Das halte ich für nachvollziehbar. Würde man das Relief abnehmen, das dort seit über 700 Jahren hängt, so setzte man sich den Vorwurf der Geschichtsfälschung aus. Daran sieht man: Hier gibt es kein richtig oder falsch. Entscheidend sind die Kontextualisierung und Vermittlung als Ort öffentlicher Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Diese Auseinandersetzung muss geführt werden. Unterhalb der Schmähplastik befindet sich seit 1988 eine Gedenkplatte. Sie weist auf die Folgen des Judenhasses hin und ist zugleich eine Mahnung an die Lebenden, nie zu vergessen, wohin Fanatismus und Hass führen können.

Was macht den Hauptanteil Ihrer Arbeit aus?
Ich übe diese Tätigkeit zusätzlich zu meiner Tätigkeit als Referatsleiter in der Staatskanzlei aus. Mein Schwerpunkt ist zunächst einmal, landesintern ein Netzwerk aufzubauen mit guten Verbindungen zur jüdischen Gemeinschaft im Land, mit festen Ansprechpartnern in allen Ministerien. Derzeit werden Antisemitismus-Beauftragte in allen Ländern bestellt mit dem Ziel, deutschlandweit ein gemeinsames Meldesystem für antisemitische Vorfälle, auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze, aufzubauen. Am Ende wird eine Stelle gebraucht, bei der diese Fälle ankommen. Das wird keine staatliche Stelle sein, da Betroffene sich nicht unbedingt an die Staatskanzlei wenden bei Vorfällen. Bis Jahresende möchte ich dahingehend einen Vorschlag präsentieren. Ziel ist es nicht, neue Datenbanken aufzubauen, sondern Betroffenen zu helfen und den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft genauer sagen zu können: In diesen Punkten müssen wir etwas tun.

Das heißt aber auch, dass das Beratungsangebot bisher nicht ausreichend ist, oder?
Die Opferberatungsstellen im Land machen einen tollen Job. Bisher gibt es aber zu wenige Angebote, die speziell auf Antisemitismus ausgerichtet sind. Der Zentralrat der Juden hat Angebote, die in Sachsen-Anhalt noch nicht genug bekannt sind. Fortbildungen bei der Polizei und in der Justiz sind wichtig. Wie gehe ich mit Betroffenen um? Was ist überhaupt Antisemitismus? Von Länderseite muss in diesem Bereich mehr passieren. Schule ist Ländersache. Auf Schulhöfen gibt es antisemitische Vorfälle. Lehrer sollten Fortbildungen erhalten, um angemessener reagieren zu können. Antisemitische Vorfälle bei Sportveranstaltungen sind ein Thema, bei dem wir einhaken sollten.

Was ist Ihre Hoffnung für die jüdische Gemeinde in Sachsen-Anhalt?
Ich freue mich, dass sich jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt heute wieder neu entfaltet, und ich wünsche mir, dass dies so selbstverständlich wird, dass in einigen Jahren kein eigener Ansprechpartner gegen Antisemitismus nötig ist.