Rühen l Tag 3, meine letzte Etappe in der Altmark. Ich habe bisher vor allem Menschen getroffen, die mit denen „da drüben“ nichts zu tun haben wollen und ihnen den Schwarzen Peter für ihr eigenes Schicksal zuschieben. Das waren Menschen, die jedoch nicht direkt an, sondern nur in der Nähe der ehemaligen Grenze gelebt haben. Deshalb konzentriere ich mich heute auf zwei Ortsteile, die direkt an Niedersachsen grenzen. Hat die Ost-West-Brille hier eine andere Färbung?

Nach 17 Kilometern Fußmarsch erreiche ich Steimke. Ein kleiner Ortsteil von Jahrstedt, der 430 Einwohner und damit 100 mehr als noch 1990 hat. Elisabeth Bratke steht gerade mit ihrem Schwager Erhard am Hauseingang. Als ich beide anspreche, hebt Bratke kurz die Brille an. „Warten Sie mal, ich habe Se doch in der Zeitung gesehen. Kommen Sie rein.“ Gerne doch. In ihrer Küche erzählt sie mir von ihrer Leidenschaft zur Musik.

Keine Vorurteile

Seit 57 Jahren leitet sie den Steimker Frauenchor und hatte auch in Brome, in Niedersachsen also, bereits einen Kinder-Chor. Abgehängt? Betrogen? Damit kann sich Bratke nicht identifizieren. „Ich bin froh, dass es die Grenze nicht mehr gibt. Dieses Ost- und West-Denken mag ich nicht“, sagt die warmherzige 74-Jährige. „Wir kommen alle super miteinander klar, ich habe keine Vorurteile gegenüber Niedersachsen.“ Die Öffnung der Grenze war für Bratke eher ein Gewinn an Lebensqualität. Jammern? „Warum? Mir geht es doch gut.“

Ich würde gern noch bleiben, aber mein Zeitplan ist ambitioniert. An der Ortskirche bin ich mit Uwe Bock, Kunraus Ortsbürgermeister und lange wohnhaft in Böckwitz, sowie dem Ur-Steimker Horst Wienecke verabredet. Als beide per Fahrrad eintrudeln, kann ich ihre Skepsis spüren. „Gucken wir mal, was uns erwartet“, sagt Bock und lacht. Nicht viel. Nur ein paar Fragen, deren Antworten mir helfen sollen, besser zu verstehen, wie das damals eben alles so war.

Und Wienecke lässt sich nicht zweimal bitten. Klar, sagt er, beim Zusammenschluss seien Fehler begangen worden. „Alle wollten die D-Mark übernehmen, aber was da dranhing, dieser Pferdefuß, den konnte man nicht mehr zurückdrehen.“ Der „Pferdefuß“ traf vor allem ostdeutsche Betriebe, die sich von heute auf morgen der Konkurrenzsituation stellen mussten, darauf aber gar nicht vorbereitet waren. Die DDR-Mark erhielt eine enorme Aufwertung. Für die Betriebe schossen die Exportkosten in die Höhe, nur wenige Betriebe waren in der Lage, noch rentabel zu wirtschaften. So schrumpften die Ost-Exporte nach Osteuropa zwischen 1990 und 1993 um 79 Prozent, wie der Wirtschaftsatlas 1994 dokumentiert. Im Westen stiegen die Exportzahlen um 40 Prozent.

Eine Seite der Ost-West-Medaille

„Am Anfang waren sie überheblich“, sagt Wienecke. „In privaten Gesprächen meinten Niedersachsen zu mir: Habt ihr überhaupt gearbeitet? Ihr hattet doch kein Material, nichts.“ Aber das ist eben nur eine Seite der Ost-West-Medaille. So habe man eben auch schnell Kontakte geknüpft, sei es in Sportvereinen, in Chören und in den Feuerwehren.

Nach Brome in Niedersachsen sind es von hier aus vier Kilometer. Begünstigt durch ihre Lage, nur 30 Minuten von Wolfsburg und damit vom VW-Werk entfernt, herrscht in Orten wie Steimke im Vergleich zu vielen anderen in der Altmark fast schon buntes Treiben. „Wir können uns sicher nicht beschweren“, sagt Wienecke. Und das hat dann eben auch einen Einfluss auf die Ost-West-Perspektive. „Ich spreche von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt“, sagt Bock. Und Wienecke? Bezeichnet der sich noch als Ossi? „Nein, überhaupt nicht. Ich bin Sachsen-Anhalter und darauf auch stolz.“

Doch warum gibt es vor allem hier in der Altmark so viele Menschen, die sich abgehängt fühlen? „In den kleinen Orten rund um Diesdorf leben viele Zugezogene“, sagt Wienecke. „Die kamen mit der Hoffnung, dass alles besser wird, dorthin, mussten dann aber feststellen, dass das nicht so ist.“ Bock ergänzt: „Und dann wird eben schnell auf alles geschimpft.“ Der Ortsbürgermeister glaubt auch, dass viele ehemalige DDR-Bürger nach der Wende schlichtweg überfordert mit der neuen Freiheit waren. „Auf einmal musste man sein Leben selber in die Hand nehmen. In der DDR war ja doch alles klar reguliert und strukturiert“, sagt Bock. „Damit sind einige vieleicht nicht klargekommen.“

Mitten im Sperrgebiet

Anschließend wandere ich mit Bock noch zwei Kilometer die Landstraße entlang nach Böckwitz. Ein Dorf, das 500 Meter von der Grenze entfernt, mitten im Sperrgebiet lag. Hier wohnte der 63-Jährige zu DDR-Zeiten. „Da gab‘s auch schon schwere Zeiten, aber die vergisst man ja meist“, sagt er und lächelt. Freunde aus Steimke oder Jahrstedt durften ihn nicht besuchen. „Das habe ich als Kind natürlich nicht verstanden.“ Bock ist sich sicher, dass Menschen, die direkt an der Grenze gewohnt haben, die DDR noch einmal ganz anders erlebt haben. „Umso glücklicher war ich, als die dann endlich weg war.“

Alle Eindrücke während der Grenzwanderung teilt unsere Autorin im Live-Blog.