Havelberg l Dass er nur eine Woche nach seinem 114. Geburtstag seine Augen für immer schließt, ist für viele Havelberger und Menschen weit über die Hansestadt hinaus dann doch etwas überraschend gekommen. Denn Gustav Gerneth wollte das nächste „runde“ Jubiläum, den 115. Geburtstag, wieder groß feiern. Doch seine Kräfte haben ihn verlassen. Er ist, ganz nach seinem Wunsch, in der Nacht zu Dienstag friedlich zu Hause in seiner Wohnung eingeschlafen. Der als älteste Mensch im deutschsprachigen Raum und älteste Mann der Welt geltende Gustav Gerneth lebt nicht mehr.

Zurückblickend auf sein Leben, hat er gern von seiner Zeit als Maschinist auf großen Schiffen zur See oder in der Binnenschifffahrt berichtet, von den vielen Jahren im Havelberger Gaswerk. Oder von seiner Leidenschaft Fußball. Überhaupt war er sehr sportinteressiert, hat viele Wettbewerbe im Fernsehen verfolgt. Vielleicht, weil er sich selbst auch gern bewegt hat. Selbst als über Hundertjähriger hat er noch einige Zeit seine Wohnung selbst sauber gehalten und sich gern auch mal ein Steak in die Pfanne gehauen. In den vergangenen Jahren kümmerte sich hauptsächlich seine Enkelin Christine Rattay um Opa Gustav. Aß er zu Mittag, las sie ihm aus der Volksstimme vor. Ja, er nahm immer noch teil am Leben in der Stadt, die ihm mit seiner Frau und den drei Söhnen – sie sind bereits verstorben – nach Ende des Zweiten Weltkrieges zur Heimatstadt geworden war.

In Stettin ist Gustav Gerneth am 15. Oktober 1905 geboren. Dort lernte er den Beruf des Maschinenschlossers. Um Maschinist zu werden, absolvierte er die erforderlichen Pflichtjahre in einer Reederei, bevor er 1924 sein Patent erhielt und in der See- und Binnenschifffahrt auf allen großen deutschen Flüssen und auf der Ostsee zu Hause war. Auf Elbe, Donau, Havel, Rhein und sehr gern auf der Peene war er unterwegs. „Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, wie das damals war“, berichtete er zu seinem 100. Geburtstag. Durch die Schifffahrt lernte er in der Silvesternacht 1930 seine spätere Frau Charlotte kennen. Ihr Vater Friedrich Grubert kam aus Havelberg und hatte zwei Schiffe. Geheiratet wurde in Havelberg, drei Söhne wurden geboren. Als die Jungs ins Schulalter kamen, zog die Familie nach Stettin. Gustav Gerneth arbeitete als Flugzeug- und Bordmechaniker. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann sein Militärdienst. Nach zweieinhalb Jahren in russischer Gefangenschaft fand er seine Familie 1947 in Havelberg wieder. Bis zur Schließung des Gaswerkes 1972 arbeitete er dort und ging mit 67 Jahren in Rente. Bis in die 1950er Jahre wartete er noch Gaslaternen in Teilen Havelbergs.

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„Auf den Hintern soll man sich nicht setzen, da wird man steif“, verriet er zu seinem 100. Geburtstag seine Devise. Und auch, dass ihm seine Mittagsruhe heilig war. „Da kann es klopfen oder klingeln, von zwei bis vier ist Ruhe.“ In seiner Wohnung standen noch immer Blumen- und Kerzenständer aus Kupfer und Messing sowie Lampen, die er selbst gebaut hat. Von seinem Wohnzimmerfenster aus verfolgte er per Fernglas das Geschehen am Stadtgraben oder oben auf dem Domberg. Da war zur Buga 2015 Havelregion besonders viel los. Und Gustav Gerneth somit ein bisschen mit dabei, erzählte er an seinem 110. Geburtstag, den er in dem Jahr feierte.

Sein geschichtliches Wissen ist in den heimatgeschichtlichen Buchreihen „Havelschiffahrt unter Dampf“ von Herbert Stertz und „Historisches Havelberger Allerlei“ von Wolfgang Masur festgehalten. Über seine Zeit als Maschinist berichtete er zum Beispiel über sein Wettrennen auf der Havel in den 1920er Jahren. „Es war sportlicher Ehrgeiz, der mich beinahe zu Fall gebracht hätte. Wir lagen bei Havelort, wo neben unserem Schleppzug ein zweiter zusammengestellt wurde. Es war ein starker Schlepper, der zügig mit seinem Anhang auf Fahrt ging. Da ritt mich der Teufel und ich ließ tüchtig auflegen, um den anderen zu überholen. Schmunzelnd zogen wir an der ,Hildegard‘ vorüber und erreichten Havelberg noch vor ihm.“ Gustav Gerneth hatte die Rechnung jedoch ohne den Schiffer der „Hildegard“ gemacht. Da dieser die Leistungsfähigkeit beider Maschinen abschätzen konnte, konnte er der Polizei nachweisen, dass das andere Schiff mit unzulässigem Überdruck gefahren sein musste. Der Strommeister forderte die Entlassung des Maschinisten. Doch Gustav Gerneth hatte Glück, er wurde von der Reederei nur auf ein anderes Schiff versetzt.

Für Scherze war er immer zu haben, plauderte bei den Geburtstagsrunden gern auch mit dem Bürgermeister. Zuletzt vor einer Woche zum 114. Geburtstag. Sein Rezept für ein langes Leben: „Ich habe immer gut gelebt und gegessen. Keine Diät. Immer Butter, keine Margarine. Ich habe mein Leben lang keine Zigarette angerührt und Alkohol nur zu Feiern getrunken.“