Tangermünde (dpa) l Ein sommerlicher Nachmittag im altmärkischen Tangermünde. Es herrscht Gewimmel in den Gassen. Die Kaiserstadt an der Elbe ist wegen ihres mittelalterlichen Flairs und der fast vollständig erhaltenen Stadtmauer bei den Touristen beliebt. Insgesamt 1,8 Kilometer lang, umgibt das mächtige Bauwerk den historischen Kern der Stadt im Landkreis Stendal. Doch ausgerechnet in der Mauerstraße fehlte ein Stück. Auf rund 40 Metern wurde das Bauwerk im 19. Jahrhundert abgerissen, die Lücke viele Jahre mit einem Zaun kaschiert. Nun steht auch an dieser Stelle wieder eine Mauer.

"Keine historische Rekonstruktion, sondern ein Neubau", wie der Vorsitzende des Gründungsvereins Stadtstiftung Tangermünde, Erik Weber, betont. Alte Pläne waren nicht mehr vorhanden. Exakt 3,90 Meter hoch und 40 Zentimeter breit, schließt das Mauerstück nun die Lücke. Rund 20.000 Ziegel wurden eigens dafür gebrannt, darunter mehr als 600 Stifter-Steine mit Namenszügen. Seit 2016 haben sich Weber und seine 20 Mitstreiter im Verein für den Lückenschluss ins Zeug gelegt. Zahlreiche Spender ermöglichten das Projekt.

Der Löwenanteil wurde bei einem großen Benefizkonzert im Mai 2017 gesammelt. Nicht nur die Einwohner, auch ehemalige Tangermünder und Freunde der 11.000-Einwohner-Stadt aus allen Teilen der Bundesrepublik und darüber hinaus beteiligten sich. "Sogar ein Ehepaar aus dem Süden des Landes, das noch nie in Tangermünde war, spendete etwas. Sie hatten von der Aktion gehört und waren von der Idee begeistert", berichtet Weber.

Bilder

Knapp 46.000 Euro kamen bei der Spendensammlung zusammen. Mit dem Geld konnte die Kommune den 20-prozentigen Eigenanteil für das Bundesförderprogramm "Städtebaulicher Denkmalschutz" stemmen. Insgesamt knapp 280.000 Euro kostet der Mauerbau. Der Erlös aus den Stifter-Steinen kommt dem Vereinszweck zu Gute. "Wir wollen eine Bürgerstiftung aufbauen, die Einwohner bei ähnlichen Projekten zum Erhalt alter Bausubstanz unterstützt", erläutert Weber. Ziel sei es, "die Stadt als Gesamtkunstwerk lebens- und erlebenswert zu erhalten".

Bürgermeister Jürgen Pyrdok (parteilos) ist von dieser "wunderbare Initiative der Bürgerschaft" begeistert. "Ursprünglich sollten Mauern vor wilden Tieren, Feinden oder Ganoven schützen. Gerade in diesem Jahr denken wir aber auch an eine Zeit, in der Mauern dazu dienten, Menschen nicht rauszulassen", sagt er. "Unsere Mauer ist ein wichtiges Stück Stadtgeschichte und ein Magnet für Besucher." Der Tourismus ist ein Hauptwirtschaftszweig der Stadt, die im 14. Jahrhundert einige Jahre Zweitsitz Kaiser Karls IV. war.

Auch Weber zieht den historischen Bogen: "Früher haben die Bürger zusammengelegt, um sicher leben zu können. Heute bedeutet diese Mauer konkrete Wirtschaftsförderung", sagt der Freiberufler. Ihm gehe es darum, Positives für seine Stadt zu erreichen. "Ich bin jetzt in dem Alter, in dem man dran ist, sich zu kümmern. Nix kommt von allein", begründet der 51-Jährige sein Engagement. Das Projekt sei etwas Bleibendes, das vielleicht auch einmal in den Chroniken stehe, meint Weber.

Baubeginn für den Lückenschluss war im April 2019. Die Arbeiten durch eine im Denkmalschutz versierte Firma verliefen reibungslos. Selbst das Fundament brachte keine Überraschungen. "Archäologisch war der Bau völlig uninteressant. Nicht mal so etwas wie ein alter Kamm von Kaiser Karl wurde gefunden", wundert sich der Bürgermeister. Ansonsten muss man in Tangermündes Altstadt nur einen Spaten in die Erde stecken, um auf Spuren der Vergangenheit zu stoßen. Inzwischen wurde der letzte Stein der Mauer gesetzt. Mit einer großen Party soll die Vollendung am 22. Juni gefeiert werden. Eingeladen sind die Bürger der Stadt, ihre Gäste und natürlich die Stifter der Steine.