Magdeburg | Der kleine graue Klumpen unter dem Glas der Vitrine ist eher unscheinbar anzusehen. Und doch ist er etwas Besonderes unter den Ausstellungsstücken des Museums für Naturkunde Magdeburg. „Auf diesen Fund bin ich sehr stolz“, sagt Museumsleiter Dr. Hans Pellmann.

Das Sedimentgestein stammt aus Grönland und gelangte dank der Vermittlung eines dänischen Wissenschaftlers nach Magdeburg. Es ist 3,7 Milliarden Jahre alt und damit das älteste von der Erde stammende Stück Natur, das im Museum zu sehen ist. Die Einschränkung auf seine irdische Herkunft ist allerdings wichtig. Denn nur wenige Schritte weiter wartet ein anderer Klumpen auf die Besucher. Dieser ist größer als der erste, aus Eisen und sogar 4,5 Milliarden Jahre alt. Als Teil eines Meteoriten fiel er gewissermaßen vom Himmel. Auch andere Museen besitzen Stücke dieses außerirdischen Fundes. Dagegen ist der grönländische Sedimentbrocken selbst in der weiteren Entfernung von Magdeburg einzigartig.

Magdeburger Museumsschatz

Das Museum verfügt inzwischen über rund 350.000 Funde. Sie können natürlich nicht alle auf einmal gezeigt werden, weshalb die meisten der Funde in Magazinen lagern. Dass diese überhaupt nach Magdeburg kamen und heute zum Museumsschatz gehören, ist in zahlreichen Fällen einzig der Sammelleidenschaft und der Freigiebigkeit Magdeburger Bürger zu verdanken. Was in Residenzstädten der Hof besorgte, übernahm in Magdeburg ein ans Wohl der Allgemeinheit denkende städtische Bürgertum.

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Auf den heutigen Tag genau vor 150 Jahren schlossen sich in der aufstrebenden Industriestadt naturwissenschaftlich begeisterte Bürger zusammen und gründeten den Naturwissenschaftlichen Verein. Dass dies am 100. Geburtag Alexander von Humboldts geschah, darf wohl als Zeichen gewertet werden, in seinem Sinne für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sorgen zu wollen. Dies sei auch bei der Wiedergründung des Vereins im Jahr 2002 ausdrücklich in der Satzung festgeschrieben worden, betont Prof. Detlef Siemen. Er ist heute Vorsitzender des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Magdeburg. „Wir wollen die Bevölkerung für naturwissenschaftliches Wissen interessieren.“ Wohl auch, weil Angst vor bestimmten Entwicklungen Folge von Unaufgeklärtheit ist.

Spuren der Gründung folgen

Für einen Beitrag in der Jubiläumsschrift des Vereins ist Wolfgang Bischoff den Spuren der Gründung gefolgt. Nach Rückkehr in seine Heimatstadt ist er heute Zweiter Vorsitzender des Vereins. Er schreibt: „Eigentlicher Auslöser für die Idee, auch in Magdeburg einen Verein zu gründen, der sich naturkundlichen Fragen in ihrer Gesamtheit widmet, war eine sogenannte Wanderversammlung des in Halle ansässigen ,Naturwissenschaftlichen Vereins für Sachsen und Thüringen‘.

Als treibende Kraft dafür nennt der langjähriger Mitarbeiter des Forschungsmuseums Alexander König in Bonn den damaligen Direktor der Gewerbeschule Carl Paulsieck. Offene Ohren fand er für seine Idee beispielsweise bei Stadtschulrat Ernst Grubitz und bei Kommerzienrat Hermann Gruson.

Gegründet wurde der Verein am Abend des 14. September. Noch am Tag zuvor war in der Magdeburgischen Zeitung des Faberverlages unter der Überschrift „Naturwissenschaftlicher Verein“ die Werbetrommel gerührt worden: „Alle, welche ihren Beitritt erklärt haben oder noch erklären wollen werden ersucht, sich Montag den 13ten September Abends 6 Uhr im Oppermann‘schen Saale am Fürstenwall zum Abschluß der Constituierung des Vereins einzufinden.“

Bevor es aber zur Gründung kam, wurde Humboldt gefeiert: „I. Zum Festactus im Rathaussaale den 14. September, Mittags 12 Uhr. Die für Herren und Damen gültigen Eintrittskarten, von denen die Mitglieder des naturwissenschaftlichen Vereins je zwei erhalten, sind aus der Schäferschen Buchhandlung abzuholen. II. Festdiner im Saale der Gesellschaft ‚Vereinigung‘, Neue Weg 5.“

Die eigentliche Vereinsgründung erfolgte am Abend im Rahmen einer weiteren Humboldt-Feier im Bürgersaal des Alten Rathauses. „Im Beisein von Oberbürgermeister Gustav Hasselbach, der auch Gründungsmitglied wurde“, schreibt Wolfgang Bischoff, „gründeten anschließend mehr als 200 anwesende Magdeburger Bürger den ,Naturwissenschaftlichen Verein zu Magdeburg‘“.

Fabrikbesitzer Hermann Gruson wird der erste

Im Dezember wurde der Vorstand gewählt. Erster Vorsitzender wurde Hermann Gruson. Damit hatten sich die Vereinsmitglieder für einen Mann entschieden, dessen Name nicht nur in der Industrie sondern auch in der Naturwissenschaft einen guten Klang hatte. Die einen schätzten den seiner Fabrik entwickelten Hartguss, der beim Bau von Eisenbahnschienen, von Eisenbahnrädern und in der Rüstung zum Einsatz kam, die anderen achteten seine Verdienste für die Astronomie und die Botanik.

Gruson besaß die umfangreichste Kakteensammlung in Europa. Seine Verdienste um die Kakteenforschung wurden auf besondere Weise gewürdigt: Der Goldkugelkaktus erhielt den wissenschaftlichen Namen Echinocactus grusoni. Ob dies allerdings in allen Teilen der grusonschen Verwandschaft Freude auslöste, mag bezweifelt werden, trägt doch der Kaktus – vermutlich wegen seiner Stachligkeit – auch den Beinamen Schwiegermutterstuhl.

Später vermachte Gruson der Stadt Magdeburg testamentarisch die Gewächshäuser am Klosterbergegarten zuzüglich einer hohen Summe zum Erhalt der Anlage. Grusons Gewächshäuser sind heute eine Sehenswürdigkeit der Stadt.

„Ohne den Naturwissenschaftlichen Verein gebe es kein Museum für Naturkunde in Magdeburg“, sagt Hans Pellmann. Und das ist durchaus keine höfliche Floskel, sondern sehr wörtlich zu nehmen. Von Anfang an waren die einzelnen Sektionen des Vereins bemüht, Sammlungen anzulegen, aus denen ein Museum entstehen könnte. 1875 war es soweit. Im Dachgeschoss des Realgymnasiums in der Brandenburger Straße wurde ein erstes vereinseigenes Museum eingerichtet. Es wuchs so schnell, dass 1891 Dr. Willy Woltersdorff als Sammlungskonservator eingestellt wurde. Zwei Jahre später zog das Museum ins Obergeschoss des Hauses Dom- platz 5. 1904 übereignete der Verein das Museum der Stadt als Schenkung.

Ein eiszeitlicher Riesenhirsch aus einem iris

Kurz zuvor - zwischen 1900 und 1904 – hatte der Verein noch ein Objekt erworben, das bei Besuchern des Museums für Naturkunde als eines der spannendsten empfunden wird, das Skelett eines eiszeitlichen und inzwischen ausgestorbenen Riesenhirsches mit einem gewaltigen Geweih. Es war beim Torfstechen in Irland entdeckt worden. „Wir haben ein vollständiges Exemplar, ein komplettes Individuum“, freut sich Hans Pellmann. Das sei selten.

Während des Krieges wurde das Haus Domplatz 5 zerstört. Auch viele der von Vereinsmitgliedern gesammelten Stücke verbrannten im Haus oder am Auslagerungsort in den Staßfurter Salzschächten. Darunter auch zwei seltene Skelette des Moa, eines ausgestorbenen neuseeländischen Riesen-Laufvogels. Die Reste der naturkundlichen Sammlungen kamen nach dem Krieg ins Kulturhistorische Museums. In der Hoffnung auf einen Wiederaufbau des Gebäudes am Domplatz wirkte die Naturkundeausstellung lange Jahre wie ein Provisorium.

Ende des Vereinslebens und ein Neuanfang

Der Krieg brachte das Vereinsleben zum Erliegen. Das blieb auch so in der DDR. Erst 2002 kam es, wieder an einem 14. September, zur Neugründung. Angeregt hatten das Harald Müller und 40 weitere naturkundlich interessierte Bürger.

„Wir unterstützen als Förderverein das Museum“, sagt Detlef Siemen, „aber ohne das Museum würde es im Verein nicht laufen.“ Es sei ein Wechselspiel, in dem manches schwieriger ist, als vor 150 Jahren. „Das Interesse für Naturwissenschaft ist nach wie vor da, aber es teilt sich mit dem an PC-Spielen beispielsweise oder mit dem am Fußball.“ Und die Nachfolger der spendefreudigen Vereinsmitglieder von damals, gibt es sie noch? Heute seien Mäzene weniger einzelne Personen sondern eher Firmen oder Banken. Viele helfen. „Dafür bin ich unheimlich dankbar.“