Magdeburg l Ich bin jetzt zwölf Jahre wahlberechtigt. Im Klartext heißt das: Bei drei Bundestagswahlen, drei Landtagswahlen, drei Kommunalwahlen und drei Europawahlen konnte ich meine Stimme abgeben.

An wie vielen ich teilgenommen habe? Genau weiß ich es nicht, aber es waren wenige. Die Wahlen, an denen ich beteiligt war, liefen ungefähr so ab: Ich, der Teenager sitze, wahrscheinlich bockig, sonntags vor dem Fernseher und gucke wahrscheinlich MTV, als meine Mutter sagt: „Zieh dir eine Jacke an, wir gehen zur Wahl.“ Dann trabe ich brav und unvorbereitet neben meinen Eltern zur integrierten Gesamtschule nebenan und mache mein Kreuzchen bei unserer Nachbarin, weil ich ihren Namen erkenne. Eine mehr oder weniger gelungene politische Partizipation, aber wenigstens war ich da.

Dann zog ich aus, dauernd um, machte ein Auslandssemester, dann noch eins. An welchen Adressen meine Wahlunterlagen im Papierkorb landeten, will ich gar nicht wissen. Die meisten flatterten wohl bei meinen Eltern ins Haus, die sich ohne mich zur Gesamtschule aufmachen mussten.

Ich wäre ja gerne gegangen, denke ich, aber ich war verhindert. Warum ist die Europawahl immer im Juni, wenn ich im Urlaub bin? Na klar, es gibt die Briefwahl, aber der Briefkasten ist mein Feind, und die Öffnungszeiten des Rathauses passen nicht zu meinem Biorhythmus.

Sozialforscher Tobias Jaeck hat eine andere Erklärung für mich, als ich ihm am Telefon meine Nichtwähler-Eskapaden gestehe. Der Wissenschaftler von der Martin-Luther-Universität Halle hat am Nichtwähler-Monitor mitgeschrieben, der in Sachsen-Anhalt erstmals 2015 erschienen ist.

„Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht für Sie nicht auf“, sagt er. Ich denke, bescheinigt er mir, dass es nicht genügend gute Gründe für die Wahl gibt. Zumindest nicht genug, um den relativ geringen Aufwand zu rechtfertigen. Tobias Jaeck sagt, dass es viele verschiedene Gründe gibt, warum Menschen nicht zur Wahl gehen. Die Gründe treffen auf alle Wähler zu, aber manche betreffen junge Wähler mehr.

1. Ich habe einfach keine Stammpartei

Wer Parteianhänger ist, geht mit einem klaren Ziel zur Wahl: Die favorisierte Partei unterstützen. „Gerade bei jungen Wählern gibt es gar keine Bindung mehr“, sagt Tobias Jaeck. Früher war man Sozialdemokrat oder CDU-Anhänger, oft ein ganzes Leben lang. Jüngere tun sich schwer mit der Parteibindung. „Wenn sie sich mit gar keiner Partei identifizieren können, wird eine Wahlbeteiligung unglaublich schwer“, sagt Tobias Jaeck.

2. Ich interessiere mich für politische Themen

Auch Nichtwähler haben eine Meinung zur Energiewende, zum Kampfhundeverbot oder zur Asylpolitik. Sie haben keine Meinung zu Parteien und Politikern, die sie bei der Wahl aussuchen sollen. Menschen, die direkte Demokratie unterstützen, gehen eher nicht zur Wahl. Nur 17 Prozent aller 12- bis 20-Jährigen in Deutschland finden, dass Parteien ein wichtiges Thema sind. Politische Themen wie soziale Gerechtigkeit, Krieg und Umweltschutz finden trotzdem knapp die Hälfte sehr wichtig. Das fanden Forscher des Münchner Instituts für Medienpädagogik heraus.

3. Ich bin mit der Politik zufrieden

Nichtwähler werden oft als unzufriedene Bürger charakterisiert, die aus Protest nicht zur Wahl gehen. Das Gegenteil ist ebenfalls wahr. „Man denkt, es funktioniert doch alles trotzdem“, sagt Tobias Jaeck.

4. Mein Wahllokal ist langweilig

Die alte Gesamtschule mit den zusammengeschobenen Tischen war schädlich für mich. Manche Menschen schrecke die förmliche Atmosphäre in Wahllokalen ab, sagt Tobias Jaeck. Das sind eher Leute, die auch sonst wenig an formellen Anlässen teilnehmen. Aber auch bei allen anderen könnte eine nachbarschaftliche Atmosphäre Interesse wecken. Früher waren Wahllokale echte Lokale, in denen man andere Wähler traf. „Das erhöht auch die soziale Kontrolle“, sagt Tobias Jaeck. Wer nicht auftauchte, fiel damals negativ auf.

5. Ich fühle mich nicht schuldig

Eigentlich ist die Wahl für den Wähler ein Paradox, sagt Tobias Jaeck. Ob ein einzelner Mensch zur Wahl geht oder nicht, scheint das Endergebnis nicht maßgeblich zu ändern. Der wichtigste Grund, wählen zu gehen, ist deswegen, dass wir gelernt haben, wählen zu gehen. Unser Pflichtgefühl ist am Ende das einzige, das uns zur Wahlurne treibt. So vermeiden wir, dass wir uns später schuldig fühlen. Nur wer Wahlroutine entwickelt, bleibt dauerhaft Wähler.

Je öfter jemand nicht zur Wahl geht, desto schwieriger ist es, wieder anzufangen, sagt die Statistik des Nichtwähler-Monitors. Ich befinde mich demnach schon in einem gefährlichen Stadium. Deswegen bin ich wild entschlossen, am 13. März wählen zu gehen. Gerade bin ich wieder mal umgezogen. Zuhause stehen noch die Kisten. In welcher die Wahlbenachrichtigung ist? Ich weiß es nicht, aber ich werde suchen.