Magdeburg l Im letzten Monat wurde es urst urban in Magdeburg. Miriam Neßler (22) verwandelte den Breiten Weg 31 in einen Freiraum, der an 24 Tagen mit mehr als 50 Veranstaltungen und jeder Menge Kreativität belebt wurde. Am Sonnabend endete das Projekt mit einer Kundgebung für mehr Urbanität, Freiräume und gegen Vorurteile. Kevin Lüdemann sprach mit der Initiatorin und blickte auf das Projekt zurück.

Volksstimme: Warum hast du Urst Urban gestartet?

Miriam Neßler: Ich hatte Zeit, drei Monate mal etwas Eigenes zu machen, Freiraum selber zu gestalten, dazu zu forschen und das war mir sehr wichtig. Eigentlich war es ein Selbstläufer, denn in meinem persönlichen Umfeld hatten viele Lust und die Wobau war aufgeschlossen und hat sofort Unterstützung zugesagt. Ich habe mich eine Woche mit ganz vielen Menschen getroffen und dann hat es sich total schnell verbreitet. Der Kulturanker hat viele Leute vermittelt und auch die GWA war aufgeschlossen. Aber auch Schulen waren dabei und haben zum Beispiel Kuchen vorbeigebracht und die IG Altes Magdeburg hat den Ort für sich und Ausstellungen entdeckt.

Was war dein schönstes Erlebnis?

An einem Sonnabend war eine besonders schöne Stimmung mit viel Freude und man kann schon sagen, Liebe in der Luft. Es gab einen ganz spontanen syrischen Tanzkurz, der dann mit dem geplanten Swing-Tanzkurz kombiniert wurde. Außerdem gab es leckeres Essen und einen tollen Austausch zwischen allen. Natürlich war auch das Politiker-Poker ein Highlight und es war super, dass gerade so viele junge Leute kamen. Am Schönsten ist es, wenn immer wieder Leute reinkommen und sich kennenlernen, die sich sonst nicht begegnen würden.

Was ist richtig schief gelaufen?

Es ist nichts Negatives passiert und darüber freue ich mich besonders. Es gab eine Frau, die sich das Projekt angeschaut hat und sich nicht damit identifizieren konnte und es nicht gut fand - das war das einzig negative Feedback.

Wie ist die Resonanz der Bevölkerung gewesen?

Die war auf jeden Fall positiv und ich bin super zufrieden, dass so viele Menschen da waren. Ich habe Strichliste geführt und 100 Menschen waren pro Tag in jedem Fall da. Es sind natürlich nicht immer wieder 100 neue, aber das hängt auch von der Art der Veranstaltung ab. Gerade bei den ganz unterschiedlichen Konzerten kamen immer andere Zielgruppen, aber auch beim Brunch und den Tanzkursen, während bei den Sprachcafés häufig die gleichen Leute kamen. Die meisten Menschen kamen durch Facebook, die Zeitung, Mundpropaganda und die mehr als 50 Partner, Vereine, Künstler, Organisationen und engagierte Einzelpersonen.

Welches Bild hast du von Magdeburg und hat es sich durch das Projekt verändert?

Ich habe gemerkt, dass es auf der einen Seite viele Menschen gibt, die sagen, dass hier niemand etwas macht und wenig los ist, auf der anderen Seite gibt es aber ganz viel engagierte Menschen, die etwas machen. Urst Urban hat gezeigt, dass es teilweise nur einen Raum braucht und er sofort von vielen Menschen gefüllt wird.

Wie geht jetzt mit dem Projekt weiter?

Es gibt Interessierte, die das Projekt weiterführen möchten, zum Beispiel in Neu Olvenstedt und auch Schüler hätten dort ebenfalls Interesse. Sie können auch gern alles übernehmen, wie Name und Logo. Mein Wunsch wäre schon, dass es weitergeht und es immer wieder an unterschiedlichen Orten einen Freiraum gibt, der jedes Mal von anderen gemacht wird. Es muss gar kein stationäres Angebot geben und vielleicht wäre das sogar schlecht, damit es Wandel und Freiraum gibt. Wir haben auch jeden Tag komplett umgeräumt, damit es keinen Alltag gibt und jeder immer wieder die Chance hat etwas Neues zu machen.

Was braucht es dafür?

Für dieses Format eignet sich natürlich ehrenamtliches Engagement super. Es braucht ein bis zwei Personen, die es richtig in die Hand nehmen und das Projekt leben, dafür stehen und mit denen sich die Menschen identifizieren - eigentlich ein Vollzeitengagement für einen kurzen aber intensiven Zeitraum. Für einen Monat Freiraum wären ca. 2000 Euro für Material, Versicherungen und andere Unkosten gut. Dann braucht man noch eine Liste mit leeren Läden und prüft sie auf die Freiraumqualität, denn es muss schon gut erreichbar und stark frequentiert sein.

Welchen Tipp hast du noch und was wünschst du dir für die Zukunft?

Das persönliche Gespräch ist wichtig, und dann gibt es auch immer eine Lösung. Ich wünsche mir Freiraum und Urbanität und dass es keine Angst vor dem Fremden gibt.

Wirst du nach deinem Studium in Hamburg nach Magdeburg zurückkehren?

Erstmal nicht, weil ich noch einmal ins Ausland und einen Master machen möchte. Danach muss ich mal gucken, wo es mich hinzieht. Ich schließe es auf keinen Fall aus und finde es cool hier und man kann noch viel machen.

Wer hat euch unterstützt?

Die Wobau hat uns den Laden mietfrei gegeben, von Durchstarten, der GWA und den Städtischen Werken haben wir finanzielle Unterstützung bekommen und Edeka hat uns mit Infrastruktur und Verpflegung unterstützt. Außerdem natürlich alle, die hier etwas gemacht und sich hier aufgehalten haben.