Magdeburg l In einer alten Villa am Magdeburger Elbufer öffnete 1945 eine der ersten Magdeburger Nachkriegskitas. Die Kita am Wasserfall, jetzt Kita „Kumquats“ genannt, hält bis heute ihre Türen für Ein- bis Sechsjährige offen. Die rund 70 Plätze sind restlos belegt. Kita-Leiterin Ilona Hennings trat ihren Beruf als Erzieherin 1979 an. Die Berufserfahrung der Frauen im Kita-Team reicht drei bis 45 Jahre zurück. Was unterscheidet die Kita von gestern und heute?

„Wir hatten damals einen stark durchstrukturierten Tagesablauf. Es war festgelegt, wie lange ich mit den Kindern im Waschraum sein durfte, wie lange die Kinder spielen. Da musste man sich straff dran halten“, erzählt Evelin Höpfner, Erzieherin seit 1974. Die Ausbildung zu DDR-Zeiten sei topp gewesen, was jeder daraus gemacht habe, aber eine Frage der persönlichen Einstellung. Wie heute. „Evi“, wie die Kinder sie freundschaftlich nennen, liebt ihren Beruf. Gleich am Beginn ihrer Berufstätigkeit ging sie durch eine harte Schule. „Ich habe zwölf Jahre in der damals größten Einrichtung Magdeburgs gearbeitet – 12 Kindergartengruppen mit je 20 bis 22 Kindern.“ Teilweise seien die Kitas so überfüllt gewesen, dass Gruppen im Keller und Schlafplätze in der Garderobe untergebracht waren, erinnert sich Ilona Hennings.

Raumknappheit herrscht heute wieder. Zwar muss bei den „Kumquats“ keiner in der Garderobe schlafen, aber Horträume im Schulkeller sind in Zeiten wachsender Geburtenzahlen und Zuwanderung wieder Realität. Auf den Rückbau der Betreuungslandschaft wegen des Geburtenrückgangs nach der Wende folgt der Wiederaufbau. 1991 unterhielt Magdeburg 212 Kindertageseinrichtungen mit 21 000 Plätzen. Inzwischen werden wieder fast 18.000 Kinder in 140 Krippen, Kitas und Schulhorten betreut.

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Mehr noch als räumlich hat sich die Kinderbetreuung nach der Wende programmatisch gewandelt, erzählt Kita-Leiterin Hennings. „Das freie Spiel gab es nicht, generell wenig Freiraum, sondern Beschäftigung nach vorgeschriebenem Bildungsplan. Daran hatten alle Kinder teilzunehmen und alle machten den gleichen Marienkäfer mit sechs Punkten.“ Heute wird in der Einrichtung – getragen von der Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis – viel Wert aufs freie Spiel und auf Mitbestimmung gelegt. Eltern entscheiden im Kuratorium über den Kita-Alltag mit. Es gibt Kinderkonferenzen und ein Kinderparlament, in dem Wünsche und Themen aus den Gruppen besprochen werden.

„Kurz nach der Wende war die Verunsicherung groß“, erzählt Ilona Hennings. Regeln standen auf dem Prüfstand, sogar die Tischsitten. „Statt des gemeinsamen Frühstücks wurde das offene Frühstück eingeführt, jeder wann er mag. Das gab eine Riesendiskussion.“ Inzwischen sei man längst wieder vom Wert der Tischsitten überzeugt. Alle sitzen am Tisch. Es wird gemeinsam abgeräumt. Neben dem freien Spiel gibt es natürlich auch Lernangebote. Elementare Bildung gewinnt an Gewicht in den Kitas.

Tatsächlich bis heute ein Thema – die Erziehung zur Sauberkeit. „Es gab zu DDR-Zeiten tatsächlich die Anweisung, dass die Kinder bis zum ersten Lebensjahr sauber zu sein hatten. Das haben wir nie bei allen geschafft“, so Hennings. Heute würden andererseits Mütter gelegentlich durch ihre Mütter verunsichert. Sie könnten nicht verstehen, dass das Enkelkind mit zwei noch immer die Windel trägt. Die Entscheidung, wann es das Töpfchen tut, liege heute bei den Eltern und vor allem beim Kind selbst.

Die jüngeren Kita-Erzieherinnen verfolgen aufmerksam die Berichte der Älteren. Sandra Schmüser hat sich im Studium mit den Unterschieden der Kitas damals und heute befasst. „Das Bildungsverständnis hat sich grundlegend verändert. Wenn man die Lehrbücher vergleicht: Im DDR-Programm wurde das Kind gelehrt und ausgebildet. Es gab ganz strenge Vorschriften, was die Erzieherin zu lehren hat. Heute werden die Kinder viel mehr dabei begleitet, ihre eigenen Fähigkeiten selbst zu entdecken.“

So sehr Kita-Leiterin Ilona Hennings die selbstbestimmtere Arbeitsweise, die größere Freiheit zur individuellen Entfaltung beim Kind und das entschieden gewachsene Mitspracherecht von Kindern und Eltern schätzt, manches wünschte sie sich zurück aus der DDR-Kita. „Jede Einrichtung hatte eine eigene Küche samt Personal. Das würden sich heute viele Eltern wünschen, dass in der Kita selbst gekocht wird.“

Kita-Erzieherinnen brauchen langen Atem auf dem Weg zum Berufsabschluss – in der Regel fünf Jahre. Zu lange, findet Mandy Weske, die berufsbegleitend noch ein Jahr draufpacken musste. „Das war hart, zumal ich auch schon Mutter war. Ich habe manchmal bis nachts um vier gelernt und eine Stunde geschlafen.“ Die neue Selbstbestimmtheit, die nach der Wende in die Kita Ost einzog, brachte mehr Arbeit – auch bürokratische – mit sich. „Für die Vor- und Nachbereitung reicht die Zeit hinten und vorne nicht“, sagt Erzieherin Sandra Schmüser. Alle Kolleginnen nicken. Immerhin: Die jüngste Bertelsmannstudie kommt zum Ergebnis, dass Sachsen-Anhalt in den vergangenen fünf Jahren so stark wie kein anderes Bundesland aufgeholt habe in Sachen Kita-Qualität und Personalschlüssel. Allerdings sei das nicht genug. Ausreichend Betreuungsplätze und personell besser ausgestattete Kitas sind und bleiben ein politischer Dauerbrenner – heute in ganz Deutschland.