Magdeburg l Idyllisch schaut es aus in Wenze. Nicht einmal 200 Menschen wohnen im kleinen Ortsteil von Klötze (Altmarkkreis Salzwedel), am nördlichen Rand des Naturparks Drömling. Die Straßen sind sauber, die Vorgärten gepflegt. Besondere Preziose im Ortskern: Der Kirchturm von 1736.

Seit April ist der allerdings eingezäunt. „Betreten verboten“, heißt es auf dem Warnschild davor. Teile könnten herunterfallen und Passanten verletzen, fürchtete Pfarrer Thomas Piesker. Nun, vor einigen Tagen, die nächste Warnstufe. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich der Turm weiter bewegt, so Piesker. Er drohe, auf die Landesstraße 20 zu kippen. Nun wartet der Geistliche auf einen Gutachtertermin. Der muss abklären, wo die Gründe liegen und wie gefährlich die Situation ist.

Trockene Sommer setzen Kirchen zu

Baufällige Kirchen sind kein Einzelfall in der Region und im Land. Der Baureferent des Kirchenkreises Salzwedel, Rainer Wellkisch, beobachtet, dass an Kirchen in seiner Region zuletzt häufiger der „Zahn der Zeit“ nagte. Er nennt baufällige Gotteshäuser in Klötze, Trippigleben oder Dannefeld. Probleme seien meist individueller Natur und dem Alter der Bauwerke geschuldet.

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Susann Bähre vom Baureferat der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) sieht das ähnlich. Bei den Fachwerk-Kirchen komme zudem häufig durch Feuchtigkeit Hausschwamm ins Spiel. In Bergbaugebieten seien wiederum sinkende Grundwasserstände für Probleme bei der Statik verantwortlich. Großes Problem zuletzt: Die warmen und trockenen Sommer. An Türmen und Kirchen zeigen sich Risse. Und wenn aufgrund von Trockenheit eine Lehmschicht unter einem Turm trockenfalle, führe das mitunter auch zu statischen Schäden.

1726 Kirchen in Sachsen-Anhalt gehören zur EKM, 18 davon sind derzeit wegen Baufälligkeit geschlossen. Grundsätzlich gelte: An den Kirchengebäuden müssten rund alle 50 Jahre Sanierungsarbeiten durchgeführt werden. Das tun die Kirchengemeinden auch kontinuierlich. Nimmt man es genau, sei rund die Hälfte aller Kirchen dennoch sanierungsbedürftig. Dabei ist die Kirche von Drittmitteln (etwa Denkmalförderung des Landes oder Leader-Mittel) abhängig, für einfache Instandsetzungen werden in der Regel eigene Mittel eingesetzt.

Für Baureferent Wellkisch führt an der Sanierung der Wenzer Kirche derweil kein Weg vorbei. Die Finanzierung müsse nun geklärt werden. Eine sechsstellige Summe steht im Raum. Bis auf weiteres bleibt die Kirche in jedem Fall abgesperrt, das Geläut bleibt stumm. Wie der Großteil der Wenzer, registriert auch Ortsbürgermeister Marco Wille den klaffenden Spalt zwischen Kirche und Schiff nun schon eine Weile. Man müsse den Spalt jetzt täglich im Auge behalten, sagt er. Und bei Gefahr Maßnahmen ergreifen.

Einige Kilometer weiter in Dannefeld, einem Ortsteil von Gardelegen: Auch dort steht eine Fachwerkkirche – entstanden ebenfalls im 18. Jahrhundert. Ein Statiker schätzte auch dort vor zwei Jahren die Standsicherheit erstmals als akut gefährdet ein. Die Sperrung und eine Notsicherung folgte. Im Moment wird das Schiff mit Stützen seitlich stabilisiert, der Turm ist eingerüstet und sieht aus „wie ein Gerippe“, sagt die Kirchenälteste Kornelia Schulz.

Gottesdienste fänden im Moment im Dorfgemeinschaftshaus oder in einem Fall auch schon mal „Open Air“, also unter freiem Himmel statt. Der Turm soll in diesem Jahr fertig werden. Bis das Kirchenschiff wieder in neuem Glanz erstrahlt, dürfte es noch länger dauern. Die Wurzel allen Übels liegt für Kornelia Schulz im „lebenden Material“ der Fachwerk-Kirche. Ein tragender Balken in der Dannefelder Kirche habe am Schluss ausgesehen wie Sägemehl, sagt sie. Beim Blick auf andere schiefe Kirchtürm im Land muss dem Betrachter im Übrigen nicht zwangsläufig bange werden. Einige wurden bereits saniert – und sind immer noch nicht ganz gerade.

Ein Beispiele für einen Kirchenturm mit empfindlicher Neigung: Der schiefe Turm der Salzwedeler St. Marienkirche. Das etwas krumme Wahrzeichen der Jeetzestadt hat mit einem erbosten Riesen zu tun – heißt es zumindest in einer Sage. Als der Kirche noch vor der Reformation ein mächtiger Turmhelm spendiert wurde, sei der Riese Jan Kahle derart erzürnt gewesen, dass er einen gewaltigen Stein in Richtung des Turms geschleudert habe. Der habe das Bauwerk verfehlt, der Turm habe sich trotzdem gekrümmt und sieht heute etwas windschief aus. Saniert wurde die Kirche vor einigen Jahren. Gefährlich sei die Neigung des Turms nicht, sagt der Baureferent des Kirchenkreises Salzwedel, Rainer Wellkisch.

Um mehrere Zentimeter gerade gerückt

Andernorts im Altmarkkreis Salzwedel hat man seinem schiefen Turm unlängst ein Lifting verpasst. In der Arend- seer Johanniskirche wurde der Turm vor einigen Jahren um mehrere Zentimeter gerade gerückt. Das Dach bröckelte zu dieser Zeit empfindlich, erinnert sich die Vorsitzende des Kirchspiels Arendsee, Yvonne Hänsel.

Einen sichtbaren Überhang von knapp einem Meter hat auch der Turm der romanischen St.-Katharinen-Kirche in Oebisfelde (Landkreis Börde). Unweit von der aus Bruchsteinen errichteten Kirche lehnt ein älterer Herr entspannt vor seinem Fachwerkhaus: „Den Turm fotografieren sie besser von der anderen Seite. Da sieht man wirklich, wie schief er ist.“ Saniert wurde der Kirchturm 2011. Gefährlich ist seine Neigung nicht, Wellkisch vermutet, dass sich in diesem Fall der sich neigende Baugrund schuld ist.

Ein Beispiel für einen besonders schiefen Turm gibt es auch aus dem Süden Sachsen-Anhalts: Die spätgotische Kirche St. Jacobi in Sangerhausen beeindruckt von außen durch eine vergoldeten Monduhr – und durch den 61 Meter hohen und schiefen Kirchturm. Auch durch seine starke Neigung von 1,71 Metern hat er es zum Wahrzeichen der Stadt im Landkreis Mansfeld-Südharz gebracht.

Ein weiterer Turm im Salzlandkreis ist durch seine extreme Neigung legendär geworden – es gibt ihn allerdings nicht mehr. Der im Volksmund „Schiefe Turm von Staßfurt“ genannte Turm gehörte eigentlich zur St.-Johanniskirche.

1948 war das Schiff durch einen Brand beschädigt worden. 1965 wurde der Turm abgerissen. Infolge von Erdsenkungen durch den Salzbergbau hatte sich das 64 Meter hohe Bauwerk seit Mitte des 19. Jahrhunderts nach und nach abgesenkt. Zuletzt stand der Turm 4,65 Meter aus dem Lot.