Magdeburg l Barbara Druener und Benjamin Graue begutachten die Waren, die in den schlichten Holzregalen der Magdeburger Food Coop auf Käufer warten. Interessiert nehmen sie die eine oder andere Flasche Saft oder auch mal ein Glas Brotaufstrich in die Hand, lesen aufmerksam das Etikett. Das exotischste und gleichzeitig eines der beliebtesten Produkte des kleinen Ladens in der Thiemstraße ist Kaffee. Kaffee, der von einem zapatistischen Kollektiv in Mexiko angebaut wurde. Viele der Produkte hier kommen aber aus der Region rund um Magdeburg.

Barbara Druener und Benjamin Graue haben von dem Kennenlerntreffen in der Magdeburger Food Coop erfahren und wollen sich anhören, wie das Modell funktioniert und was es hier zu kaufen gibt. Die Kunsttherapeutin wohnt in der Nähe und setzt sich schon seit langer Zeit damit auseinander, wie ihre Lebensmittel produziert werden. Sie versucht biologisch angebaute und fair gehandelte Erzeugnisse einzukaufen und will das noch weiter ausbauen. Die Food Coop bietet ihr dafür eine Möglichkeit. Der Medizinstudent kennt das Modell der Kooperativen aus seiner Heimatstadt Berlin. Ihm gefällt das Konzept, und so freut er sich, dass er so eine Food Coop nun in seiner Studienstadt gefunden hat, in der er mit gutem Gewissen einkaufen kann.

Nachhaltige Alternative zum Einzelhandel

„Das ist einer unserer Ansätze“, erklärt Hannes Kühn. „Wir versuchen, eine ökologische und nachhaltige Alternative zum Einzelhandel zu sein. Eine, die nicht kapitalistisch geprägt ist und so viel wie möglich Gewinn erwirtschaften will. Viele unserer Produkte stammen von Herstellern aus der Region. Der überwiegende Teil wurde biologisch angebaut und/oder ist fair gehandelt. Ein Großteil ist vegan.“

Die Tür zum Geschäft ist mit einem Code gesichert, den jedes Mitglied kennt.

Hannes wurde 2015 gemeinsam mit seiner ganzen Wohngemeinschaft Mitglied der Kooperative. Damals war er noch Student und musste auch aufs Geld achten. Mit Nachhaltigkeit und Ökologie hatte sich der Entwicklungsingenieur, der seit seinem Studienabschluss im Frühjahr in Barleben an Lösungen für die Elektromobilität tüftelt, schon länger beschäftigt. Vor allem auch mit dem, was selbst verwaltete Kooperativen tun. „So sechs, sieben Jahre geht das schon“, erzählt er. „Damals war ich noch Maschinenbaustudent. Ich habe Ökoerzeugnisse gekauft, so oft ich es mir leisten konnte.“

Hannes, der fürs Studium von Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern nach Magdeburg gezogen war, kaufte oft im Bioladen ein. Damals hatte Hannes begonnen, sich dafür zu interessieren, wie Lebensmittel hergestellt werden. Er befasste sich mit Tierhaltung und Umweltbeeinträchtigungen durch den Menschen. „Ich bin schnell zu dem Schluss gekommen, dass es so nicht weitergehen kann, wurde Vegetarier und habe viel bewusster eingekauft.“ Der Schritt in die Kooperative erfolgte fast zwangsläufig. Seitdem kauft Hannes Kühn nicht nur in dem kleinen Laden in der Thiemstraße, sondern bringt sich hier auch sehr ein.

Selbst verwaltete Kooperativen, die ökologisch angebaute Lebensmittel und fair gehandelte Produkte anbieten, gibt es in den meisten größeren Städten. Auch in Halle und Magdeburg. Zwischen 300 und 500 sind es deutschlandweit, schätzt Tom Albrecht von der Bundesarbeitsgemeinschaft Foodkooperative. Albrecht hat einen groben Überblick über die dynamische Branche durch die Internetplattform „Foodcoopedia“, auf der sich Foodkooperativen eintragen, aber auch nützliche Tipps rund um die Gründung bekommen können. 1976 hat er in der Bergmanstraße in Berlin-Kreuzberg selbst eine mitgegründet. Seines Wissens nach war die erste der „Kernbeisser“ in Braunschweig.

Historische Vorläufer dieser Verbraucherzusammenschlüsse gab es mit den Konsumgenossenschaften aber schon im 19. Jahrhundert. Die Idee dahinter: In der Gruppe kauft man Produkte günstig zum Großhandelspreis ein und verkauft sie genauso günstig weiter.

In großen Behältern im Magdeburger Verkaufsraum lagern Nudeln, Reis und andere Lebensmittel, die in eigene, mitgebrachte Behälter gefüllt werden können. Das spart Verpackungsmaterial. Und entlastet so die Umwelt.

1998 in Magdeburg-Buckau gegründet

Die Food Coop in dem einstigen Arbeiterviertel Magdeburg-Buckau gründete sich 1998. Damals trafen sich ein paar Enthusiasten, die die Welt ein kleines bisschen besser und fairer machen wollten. Sie schlossen sich zur Kooperative zusammen, einer Einkaufsgemeinschaft, die sich selbst verwaltet und keinen Gewinn erwirtschaften will.

Im Vordergrund steht die Idee, nachhaltig zu konsumieren und dabei fair, ökologisch und nachhaltig zu agieren. „Viele Produkte kaufen wir direkt beim Hersteller.“ Hannes zeigt auf Apfelsaft aus biologisch angebauten Früchten von der Katholischen Erwachsenenbildung in Magdeburg, auf eine Kräuterteemischung vom Hollerbuschhof in der Altmark und auf Honig von einer Imkerin aus Magdeburg, die selbst Mitglied der Kooperative ist.

Mit den Herstellern pflegt die Food Coop eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Das soll künftig noch stärker ausgebaut werden, und so werden ständig neue Kontakte zu Herstellern aus der näheren und weiteren Region geknüpft. Eines davon ist etwa die Tofurei im Wendland, 130 Kilometer nordwestlich von Magdeburg. Mit dem Verkauf regionaler Erzeugnisse sollen Transportwege verkürzt und somit negative Einflüsse auf die Umwelt verringert werden.

Dass der Laden der Food Coop im gleichen Gebäude wie das alternative Wohnprojekt Thiembuktu untergebracht ist, ist kein Zufall. Die Kooperative hat die Ladenfläche beim Thiembuktu gemietet. Einige der Bewohner des Thiembuktu kaufen hier ein. Der kleine Laden ist rund um die Uhr zugänglich für Mitglieder. Auch nachts, wenn außer Tankstellen nichts mehr geöffnet hat, können sie hier einkaufen. Dafür ist die Tür zum Geschäft mit einem Code gesichert, den jedes Mitglied kennt und der alle drei Monate geändert wird.

Bezahlt wird online. Hannes Kühn schaltet einen Computer an und geht auf die Seite der Kooperative. „In dieses System trägt jeder seine Einkäufe ein. Sie werden dann vom Konto abgebucht“, erklärt er.

Jedes Mitglied der Kooperative verfügt über solch ein Konto. Darauf wird ein Grundbetrag eingezahlt. Von dem Geld auf dem Konto kann so lange eingekauft werden, bis es alle ist. Vielleicht auch ein kleines bisschen mehr. „Das läuft alles auf Vertrauensbasis“, erläutert Hannes. „Wenn das Konto mal ins Minus rutscht, wird es wieder ausgeglichen. Wir vertrauen unseren Mitgliedern auch, dass sie jeden Einkauf registrieren - entweder gleich hier im Laden oder übers Internet später von zu Hause aus. Bis jetzt funktioniert das auch sehr gut.“

Monatsbeitrag zwischen 2,50 und 7,50 Euro

Bevor das Einkaufen in der Food Coop möglich ist, muss man erst Mitglied werden. Der Monatsbeitrag liegt zwischen 2,50 Euro und 7,50 Euro und ist abhängig vom Einkommen und vom Engagement. Wer nur hin und wieder etwas kauft, ist Spontankäufer und bezahlt keinen Monatsbeitrag, sondern einen Aufschlag auf die Erzeugnisse. Gewinn will die Kooperative nicht erwirtschaften.

„Die Beiträge werden verwendet, um die Miete für den Laden zu bezahlen und andere Kosten“, erklärt Hannes. „Alle Produkte werden zu den Einkaufspreisen an unsere Mitglieder weiterverkauft. Dadurch sind sie preiswerter als im Bio- laden.“ Was ins Sortiment der Food Coop aufgenommen wird, das entscheiden die Mitglieder. Jeder darf seine Wünsche äußern. Das sind vor allem Lebensmittel, die nicht so schnell verderben können, aber auch Non-Food-Produkte wie Seife oder Reinigungsmittel. „Wir kaufen ausschließlich das ein, was unsere Mitglieder wünschen“, erzählt Hannes. „Dabei probieren wir auch immer wieder mal Neues aus. Aber wenn wir merken, dass ein Erzeugnis zum Ladenhüter avanciert, nehmen wir es aus dem Sortiment.“

Alle Wünsche werden in eine Liste eingetragen. Oder sie werden bei den regelmäßigen Treffen geäußert und diskutiert. Alle drei Monate gibt es ein solches Plenum und darüber hinaus alle sechs Wochen ein Kennenlerntreffen, bei dem sich die Food Coop Interessenten wie Barbara Druener und Benjamin Graue vorstellt. Der nächste Termin ist am 30. September um 14 Uhr. Am 13. Oktober feiert die Kooperative dann ihren 20. Geburtstag.

Barbara Druener und Benjamin Graue hat die Kooperative überzeugt. Am Ende der Veranstaltung füllen sie den Aufnahmeantrag aus.

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