Magdeburg (dpa) l Iman Shabaan liebt Kunst. Überall. Auf ihrem Magdeburger Wohnzimmertisch hat sie ihre kleinen Comiczeichnungen ausgebreitet. Einen weiteren Packen der bunten quadratischen Bilder hält sie in der Hand. Die Bilder zeigen mal eine Frau in Burka, mal Shabaan selbst, eine junge Künstlerin, die vor drei Jahren aus Syrien floh. Viele ihrer Sätze beendet die 30-Jährige heute mit einem Lachen. Ihre Wohnung in einem würfelförmigen Plattenbau im Stadtteil Neu Olvenstedt ist viel zu klein für all ihre Kunst und ihre Ideen. Die Illustrationen sind nur ein Bruchteil ihrer Arbeit. Shabaan ist studierte Grafikerin, sie malt Comics, Aquarelle, Acrylbilder, sie fotografiert und macht Filme.

Ihre Werke sind unterwegs. Zum Beispiel in der Wanderausstellung "Yallah!? über die Balkanroute". Sie zeigt Werke von geflüchteten Künstlern und Künstlerinnen. Zur Ausstellung hat Shabaan eine große Acryl-Leinwand beigesteuert. Auf ihrem Bild ist ein nackter Menschen zu sehen, der zusammengekauert in einem Pappkarton sitzt. "The girl in the box" hat sie das Bild genannt. Sie erzählt hier von Mädchen, die sie in jordanischen Flüchtlingslagern kennengelernt hat. Reiche Männer kämen, kauften die Mädchen und nähmen sie mit. "Wie ein Stück", sagt Shabaan. Wie ein Handelsgut im Karton.

Auch ihre eigene Geschichte erzählt Shabaan in ihren Arbeiten. Zum Beispiel in einem kleinen braunen Buch. Sie zieht es aus dem Regal und drückt es ganz fest an sich. Das Cover ziert eine Ansicht von Istanbul. Auf den weißen Seiten ist auch die Karikatur eines Mannes zu sehen. "Ihm haben wir viel Geld gegeben, aber er war kein guter Mann". Er sei ein Schleuser gewesen. Sie blättert weiter, bis zu einer Zeichnung des Teufelsbrunnens in der Magdeburger Altstadt. 26 Tage hat es 2015 gedauert, bis sie an diesem Brunnen saß. Mehr sagt sie nicht dazu.

Bilder

Krieg in Syrien

Dass Dinge sich ändern, hat Shabaan spätestens mit dem Beginn des Krieges in Syrien verstanden. Als sie 2013 mit dem Studium fertig war, hätte sie ein Praktikum in einem Grafikbüro machen sollen. Mitten im Krieg. Shabaan erschien das sinnlos. Sie habe lieber in Flüchtlingslagern bei Damaskus für verschiedene Hilfsorganisationen bei der Kinderbetreuung geholfen, sagt sie. Heute arbeitet sie als Künstlerin bei der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung. Sie sei für alles Schöne zuständig, sagt Projektleiter Mieste Hotopp-Riecke. Er schätzt die Allrounderin. Street Art, Graffiti, Kalligrafie – für die Kinder und Jugendlichen passe das perfekt.

Kinder spielen auch in Shabaans Arbeiten eine große Rolle. Gerade entwirft sie ein Kinderbuch auf Deutsch und Arabisch. Um Blumen soll es gehen – und warum man sie nicht ausreißen darf. Shabaan schaut auf ihre Zeichnungen und schmunzelt. In der syrischen Hauptstadt habe sie ihr eigenes Atelier gehabt, eine Etage unter der Wohnung ihrer Familie. So lange, bis ein Cousin des Vaters Unterschlupf brauchte, nachdem sein Haus zerstört worden war.

Jetzt in Magdeburg ist der Schreibtisch im Wohnzimmer der Plattenbauwohnung ihr Atelier. Drumherum zieren Bilder und Plakate von Ausstellungen und eigene Zeichnungen die weißen Wände. Wenn sie arbeitet, läuft oft Musik – von Liedern auf arabisch bis hin zu Metal.

Shabaan hat viele Seiten. Nur eine Rolle hat sie satt: der ewige Flüchtling zu sein. Sie sei es auch leid, Geschichten zu erzählen, die sie zu einem Flüchtling machten. Sie will ihre Arbeiten auch nicht mehr in einer Ausstellung präsentieren, nur weil sie Flüchtling ist. Iman Shabaan sagt, sie sei Künstlerin. Überall.