Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2021

AfD-Spitzenkandidat Oliver Kirchner: „Dann würde ich Sie bitten, auszuwandern“

Um die Corona-Pandemie, die deutsche Geschichte und das Gendern ging es am Lesertelefon mit Oliver Kirchner. Er ist Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl 2021 in Sachsen-Anhalt.

Von Johannes Vetter
AfD-Spitzenkandidat Oliver Kirchner beantwortet Fragen am Lesertelefon. Foto: Uli Lücke

Magdeburg. Die Telefone stehen kaum still, als Oliver Kirchner zu Gast in der Redaktion ist, um Fragen der Leser zu beantworten. Die Anrufer, die durchkommen, betonen mehrheitlich ihre Unterstützung für den AfD-Spitzenkandidaten zur Landtagswahl. Viele wollten von dem 54-jährigen Magdeburger auch Antworten auf bundespolitische Fragen.

Erich Benecke aus Osterweddingen: Sie haben die Möglichkeit, stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt zu werden. Doch Sie verschenken Prozentpunkte, weil sich Wähler der Mitte nicht mit Ihrem auf dem Bundesparteitag in Dresden beschlossenem Wahlprogramm identifizieren können. Die EU abschaffen zu wollen, ist das nicht illusorisch?

Wir sind eine direktdemokratische Partei. Die Mehrheiten dafür waren zwar knapp, aber sie waren da. Der Ausstieg aus der EU ist wichtig, denn sie nützt uns sehr wenig. Für die Menschen hier ist sie ein Nachteil. Stattdessen wollen wir eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft haben, wie es sie früher gab. Der Binnenhandel soll weiter bestehen, wir wollen auch keine Grenzkontrollen einführen.

Gunnar Hamann aus Halle: Sehen Sie das Holocaust-Denkmal in Berlin wie Björn Höcke als „Denkmal der Schande“?

Er hat gesagt, er kennt kein Land, das sich wie Deutschland ein Mahnmal der Schande in seine Hauptstadt gepflanzt hat. Damit meinte er die Schande, die Deutschland auf sich geladen hat. Selbst Amerika hat sich nach den Atombomben-Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki kein Mahnmal ins Land gepflanzt, was ich eigentlich sehr bedauerlich finde.

Hamann: Die AfD möchte die Erinnerungskultur in dieser Form nicht weiterführen. Das ist klar zu erkennen.

Wir möchten die Erinnerungskultur weiterführen, aber wir möchten sie nicht nur auf diese Form beschränkt haben. Ich sehe die ganze Geschichte Deutschlands. Und da war das ein ganz schlimmer Teil, es gab aber auch sehr viele gute Teile in der deutschen Geschichte.

Hamann: Die Frage ist, wie Sie Erinnerungskultur definieren.

Das Problem habe ich nicht, das Problem haben Sie anscheinend. Ich kann Ihnen nur sagen, ich bin mit einer ausländischen Frau verheiratet, ich pflege diese Erinnerungskultur, so wie sie sein muss.

Hamann: Es geht nicht darum, dass Sie mit einer ausländischen Frau zusammen sind, sondern darum, wofür Sie mit Ihrer Partei stehen. Gerade haben Sie zugegeben, dass nicht alles schlimm war.

Genau. In der ganzen deutschen Geschichte war eben nicht alles schlimm. Und wenn für Sie alles schlimm war, dann würde ich Sie einfach bitten, auszuwandern, in ein Land, das Ihnen besser gefällt.

Zum Distanz-Unterricht der Schulen hat Ulrike Steinhöfel aus Aschersleben sich gemeldet: Mein Enkelkind hat COPD, der Junge sitzt teils heulend vor seinen Hausaufgaben. Die Eltern kümmern und sorgen sich, aber sie sind verdammt noch mal keine Pädagogen.

Das sehe ich genauso wie Sie. Eine schwedische Vergleichsstudie hat ergeben, dass die Infektionszahlen von Schülern im Heimunterricht fast genauso hoch sind wie die der Schüler im Präsenzunterricht. Die Zahlen sind auf dem gleichen Level. Wir vergeben hier einer ganzen Generation von Jugendlichen ihre Chancen für die Zukunft.

Riegolf Desing aus Oschersleben: Ich kann es nicht verstehen, wieso dieses Land Waffen in alle Welt verkauft. Ich glaube, Sie können auf Länderebene wenig darauf einwirken. Trotzdem möchte ich von Ihnen wissen, wie Sie darüber denken.

Wir wollen weder hier noch sonst irgendwo Krieg. Was die Waffendeals angeht, bin ich auf Ihrer Seite, so etwas gehört sich nicht. Kriegsherde, wie etwa in Syrien, noch mit Waffen zu beliefern, halte ich für keine gute Idee. Das bringt Leid, Elend und Flüchtlingsströme, die wir überhaupt nicht gebrauchen können. Wir sollten mit dem Geld, was wir hier für diese Leute aufwenden, dort unten vor Ort helfen. Die Leute, die in unser Sozialsystem eingewandert sind, müssen wieder nach Hause geschickt werden, die müssen ihr Land aufbauen.

Harry Schulz aus Magdeburg: Die AfD ist ja dafür, dass die Rundfunkgebühren abgeschafft werden. Mich würde mal interessieren, wie die künftige Fernsehlandschaft laut AfD aussehen soll?

Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wollen wir einschränken. Wir wollen nicht die Vielfalt an Programmen, wir wollen neutrale Berichterstattung. Und wir möchten eine Bezahlschranke für diejenigen, die es gucken wollen. Wer es nicht gucken möchte, sollte nicht bezahlen müssen.

Schulz: Außerdem interessiert mich, wie die AfD zum Gendern steht.

Diese Gender-Sprache lehnen wir ab. Wir halten das für ein ideologisches Projekt. Das macht unsere deutsche Sprache kaputt. Ich halte davon gar nichts.

Thorsten Pohlan aus Ebendorf: Es gab Sonntagnacht einen Überfall auf den AfD-Landtagsabgeordneten Ulrich Siegmund. Wie geht man mit so einer Situation um?

Das ist zu verurteilen. Da muss der Rechtsstaat mit ganz anderen Mitteln durchgreifen als bisher, da müssen drakonische Strafen verhängt werden. Grundsätzlich müssen wir auch von der Verrohung der Sprache weg. Ich selbst wurde ja auch schon mehrfach angegriffen.

Silke Anders aus Gardelegen: Wie stehen Sie zum Holocaust?

Da habe ich eine ganz klare Meinung zu. Es ist eine absolute Katastrophe, was damals passiert ist. Da gibt es nichts zu beschönigen. Meine Familie hatte im Zweiten Weltkrieg jüdische Freunde, die abgeholt wurden. Das darf niemals wieder passieren. Ich kenne niemanden in unserer Partei in Sachsen-Anhalt, der vertritt, dass der Holocaust geleugnet werden soll. Wer das macht, fliegt raus.

Rainer Bölicke aus Burg: Mir liegt die Versorgungssicherheit sehr am Herzen. Ausstieg aus der Kohle, Ausstieg aus der Atomenergie. Was soll jetzt mit Nord Stream 2 passieren?

Nord Stream 2 muss zu Ende gebaut werden. Wenn ich höre, die neue Gotteskanzlerin Annalena Baerbock ist jetzt auch gegen Nord Stream 2, fällt mir dazu nichts mehr ein. Diese Politik gegenüber Russland ist falsch. Wir brauchen die Versorgungssicherheit.

Bernd Lenz aus Magdeburg: Man versucht, unbedingt diese Elektroautos durchzuprügeln. Doch das ist nicht machbar. Kein Mensch denkt darüber nach, dass wir in einigen Jahren einen Elektroschrotthaufen haben werden. Welchen Plan haben Sie dazu?

Ich würde mir wünschen, dass wir zum Thema Wasserstoff mehr forschen und dass wir zum Care-Diesel zurückfinden. Der ist 65 Prozent sauberer als andere Diesel. Ich selbst habe mir zwei Dieselfahrzeuge für mich und meine Frau gekauft. Die Care-Diesel könnten zusammen mit ein bisschen Elektromobilität als Übergangslösung dienen, bis man beim Wasserstoff so weit ist.

Ein Anrufer aus Halberstadt, der seinen Namen nicht sagen will: Wie steht die AfD zur Schließung der Gaststätten und Sportstudios?

Da haben wir eine ganz klare Meinung zu. Eine Anfrage unserer Landtagsfraktion hat ergeben, dass nicht einmal ein Prozent des Infektionsgeschehens von den Gastronomen ausging. Wenn eine Regierung sagt, dass diese Sparte damit zu schließen ist, muss man wirklich sagen: Die muss man abwählen. Auch die Sportstudios haben keine richtige Lobby hinter sich.