Besetzung

Camp der A14-Gegner: Im Wald bei Seehausen herrscht die Ruhe vor dem Sturm

Autobahngegner halten den Losser Forst bei Seehausen im Landkreis Stendal seit Wochen besetzt. Die Rufe, ihn zu räumen, werden lauter, gewalttätige Übergriffe häufen sich.

Von Andreas König und Christoph Carsten
Autobahngegner betreiben seit Wochen ein Protestcamp im Forst bei Losse. Eine Allgemeinverfügung des Landkreises Stendal zur Räumung des Waldes wurde abgewiesen.
Autobahngegner betreiben seit Wochen ein Protestcamp im Forst bei Losse. Eine Allgemeinverfügung des Landkreises Stendal zur Räumung des Waldes wurde abgewiesen. Foto: Andreas König

Seehausen - Polizisten in Einsatzuniform, die mit schwerer Technik Demonstranten aus Baumhäusern zerren – die Einsatzkräfte hielten sich bereit, auf der Bundesstraße 189 wurden Sanierungsarbeiten pausiert, die Eingeweihten saßen offenbar schon an den Plänen für die Räumung des Losser Forstes. Doch der Landkreis Stendal wurde mit seiner Allgemeinverfügung zur Räumung des Waldes ausgebremst. Erleichterung bei den Autobahngegnern, Wut und Unverständnis bei den Befürwortern. Die einen sehen in den Waldbesetzern die letzte Bastion im Kampf gegen Autobahnbau und Klimawandel, die anderen „Linksextreme Autobahngegner“, ja sogar von „Ökoterroristen“ ist die Rede.

Menschen im Wald ohne Namen

Tief im Losser Forst machen sich Menschen in schwarzen Kapuzenshirts etwas zu essen, sie stehen oder sitzen in Grüppchen unter ihren Baumhäusern. Hundegebell ist zu hören. Das also sind die Waldbesetzer.

Doch diese Sammelbezeichnung trifft es in mehrfacher Hinsicht nicht. „Wir sind hier ganz unterschiedliche Menschen“, sagt ein Mensch, der, wie die allermeisten hier, weder seinen Namen nennen möchte noch Genaueres zu seiner Person verrät. Wofür die Waldbesetzer allerdings stehen und wogegen, das wird schnell deutlich. „Wir wollen Klimagerechtigkeit“, sagt die Protestperson, „wir wollen keine Autobahn und vor allem keine Gewalt von Nazis.“ Wie viele Menschen hier im Protestcamp sind, lässt sich schwer schätzen. Immer mal wieder öffnet sich ein Zelteingang, Leute schauen heraus, diskutieren oder putzen sich die Zähne.

Wie fand der Gesprächspartner den Gerichtsbeschluss gegen die Räumung des Waldes? „Das ist ein richtige Entscheidung, die übrigens zeigt, dass unser Anliegen ein vom Grundgesetz gedecktes Recht ist“, sagt er. Da die Waldbesetzung laut Gericht als Versammlung eingestuft wird, haben die Waldbesetzer eine große Papptafel mit vielen Worten beschrieben. Sie sollen erklären, was das Camp, also die Versammlung, ist, wofür sie steht und wogegen. Zu viel Text, um ihn hier wiederzugeben. Trotz seiner überwältigenden Länge bleibt er vage, wie auch die Vorstellungen der Waldbesetzer.

Was passiert, wenn der Landkreis vom Oberverwaltungsgericht doch recht bekommt und den Wald räumen lässt? „Das sollte man sich wirklich überlegen“, sagt die Gesprächsperson. Kritiker werfen den Protestierern vor, nur auf die mediale Wirkung aus zu sein, ähnliche Bilder produzieren zu wollen wie aus dem großen Vorbild, dem Hambacher Forst.

Das jedoch weist der Mensch zurück. „Das hier könnte so ein toller Ort sein“, sagt er. „Wir wollen am liebsten in Ruhe gelassen werden. Ruhe ist doch das höchste Kapital, das die Altmark hat.“ Er möchte nicht für alle sprechen und kann es wohl auch nicht. Das Spektrum reicht von Studenten über Leute, die hoffen, den Autobahnbau noch zu stoppen, bis hin zu Personen, die tatsächlich von Waldbesetzung zu Waldbesetzung ziehen und das für den Sinn ihres Lebens halten. „Wir werden sehen, ob sich die Behörden als Polizeistaat zeigen, der hier alles plattmacht. Oder ob sie unsere Versammlung hier schützen, was ja ihre Pflicht wäre“, sagt die Person und zieht sich ins Baumhaus zurück.

Paintball-Überfall war bisheriger Höhepunkt

Es ist zwölf Uhr mittags. Im wenige Kilometer entfernten Seehausen bitten die A-14-Gegner zum Pressegespräch, das Thema: Die jüngsten Angriffe auf die Autobahngegner im Bahnhof, bei denen am vergangenen Freitag ein Unbekannter in Ku-Klux-Klan-Montur mit einer Paintball-Waffe auf Umweltaktivisten geschossen hatte.

Zu den Opfern gehörte neben einem 13-jährigen Jungen auch Grünen-Politiker Zoltán Schäfer, der mit im behelfsmäßigen Podium sitzt. Schäfer schildert den Vorfall, seine anfängliche Todesangst. „Wir haben erst nach einiger Zeit gemerkt, dass es keine scharfe Munition war“, sagt der 20-Jährige.

Der Vorfall ist vorläufiger Höhepunkt der Gewalt, die seit Wochen das Geschehen rund um das Seehäuser Bahnhofsgebäude bestimmt. Es dient den Klimaschützern als Quartier. Milan Bölke vom „Keine-A-14“-Bündnis verliest eine Chronik der Zwischenfälle, die von Beleidigungen über körperliche Übergriffe bis zu einem versuchten Brandanschlag reicht.

Gerade hat Ralf Schümer angesetzt, zu sprechen – der 67-Jährige vermisst klare Positionen der politischen Akteure – da schallt ein lautes „Verpisst euch!“ über den Bahnhofsvorplatz. Die Teilnehmer drehen sich um, suchen den Urheber der Worte, doch niemand ist zu sehen. Es bleibt nicht das einzige Mal, dass die Pressekonferenz durch Zwischenrufe gestört wird. Die Zuhörer sind unruhig, achten darauf, was hinter ihrem Rücken geschieht.

Die Pressekonferenz vor dem Bahnhof zeigt wie unter einem Brennglas, was jedem in Seehausen seit Wochen klar ist: In dem Altmark-Ort brodelt es. Es ist nicht leicht, mit den Menschen auf der Straße über dieses Thema ins Gespräch zu kommen. Viele weichen unwirsch aus, scheinen genervt von der Presseaufmerksamkeit, die der Streit um die Autobahn erregt.

Autobahnbefürworter vertreten ihre Position offensiv. Gegenüber dem Bahnhof prangt dieses Transparent auf einem Grundstück.
Autobahnbefürworter vertreten ihre Position offensiv. Gegenüber dem Bahnhof prangt dieses Transparent auf einem Grundstück.
Foto: Christoph Carsten

Andere zeigen ihre Meinung klipp und klar: „A 14 Jetzt!“ steht auf einem Schild, das in einem Vorgarten direkt gegenüber dem Bahnhofsgebäude aufgestellt ist. Eine Provokation. „Wir sind eben anderer Meinung als die da drüben“, sagt ein Mann, der im Hof des dazugehörigen Hauses arbeitet.

Tim Götting ist 22 Jahre alt und geborener Seehäuser. Inzwischen lebt er in Wittenberge, wo er als Zierpflanzengärtner Arbeit gefunden hat. An diesem Tag ist er auf Heimatbesuch und gerade mit dem Zug angekommen. „Ich verfolge das nicht so, aber man bekommt es natürlich mit“, sagt er. Viele im Ort würden die Proteste kritisch sehen. Er selbst ist ebenfalls für den Autobahnbau.

Martin Kloth kennt die Situation gut. Der 38-jährige Schweißer wohnt direkt neben dem Bahnhof, den Paintball-Angriff hat er von seinem Fenster aus gehört „Ich komme ganz gut mit den Leuten aus, wir sind ja quasi Nachbarn“, sagt er. Ihn störe vor allem die politische Dimension, die das Ganze inzwischen habe. „Diese Anschläge bringen doch nichts.“ Was die A14 betrifft, könne er beide Seiten verstehen. Er macht sich Sorgen, was passieren könnte, wenn das Protestcamp im Wald wirklich geräumt würde: „Dann ist hier richtig was los.“

Autobahngegner möchten im Gespräch bleiben

Milan Bölke, Zoltán Schäfer und die anderen Nutzer des Bahnhofs wollen trotz der Anfeindungen weitermachen. „Es gibt eine Reihe von Leuten, die unsere Positionen nicht teilen. Aber wenn wir miteinander reden, zeigen sie wenigstens Respekt.“ Den Bahnhof nutzen die Aktivisten mit Erlaubnis des Besitzers. Und selbst wenn der Wald bei Losse geräumt werden sollte, sie möchten weiter mit den Einwohnern ins Gespräch kommen. Ob alle das Angebot zu schätzen wissen, darf bezweifelt werden.

Der Ausschnitt aus einem Internetvideo zeigt eine Person, die kürzlich mit einem Ku-Klux-Klan-Kostüm verkleidet auf A-14-Gegner mit einer Paintballwaffe geschossen hat.
Der Ausschnitt aus einem Internetvideo zeigt eine Person, die kürzlich mit einem Ku-Klux-Klan-Kostüm verkleidet auf A-14-Gegner mit einer Paintballwaffe geschossen hat.
Foto: Screenshot/Youtube