Integration

Die kleine Uno von Magdeburg

Seit 25 Jahren engagieren sich Menschen unter dem Dach des „Eine Welt Hauses“ für die Integration. Nun wurden sie mit einem Preis geehrt.

Von Christoph Carsten
Integration beginnt in frühen Jahren. In Sachsen-Anhalt engagieren sich viele Menschen hauptberuflich oder ehrenamtlich in Integrationsprojekten.
Integration beginnt in frühen Jahren. In Sachsen-Anhalt engagieren sich viele Menschen hauptberuflich oder ehrenamtlich in Integrationsprojekten. Foto: dpa

Magdeburg - Der 12. Mai 1994 geht unter dem Namen „Himmelfahrtskrawalle“ in die Geschichtsbücher der Stadt Magdeburg ein. Am Herrentag jagen alkoholisierte Neonazis Menschen afrikanischer Herkunft durch die Innenstadt, zerstören Ladenlokale, liefern sich wüste Schlägereien mit sich zur Wehr setzenden Migranten. Deutsche Medien sprechen von Polizeiversagen, die Politik spielt den Vorfall herunter. Die Ereignisse des 12. Mai 1994 zählen zu den schlimmsten rassistischen Ausschreitungen der Nachwendezeit – zugleich sind sie die Geburtsstunde des „Eine Welt Hauses“ in Magdeburg.

„Es war eine Notsituation. Viele hatten das Gefühl, sich selbst helfen zu müssen“, erinnert sich Maja Lorenz von der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt (AGSA) 27 Jahre später. 1996 als Ort der Begegnung und Schutzraum gegründet, hat sich im „Eine Welt Haus“ in der Zwischenzeit viel getan: Zahlreiche Vereine aus den Bereichen Integration und Demokratieförderung haben ihre Büros und Geschäftsstellen in dem Gebäude. Fast täglich konnten Interessierte hier vor der Pandemie Vorträge, Konzerte, Filmvorführungen und Diskussionsrunden erleben.

Im Jubiläumsjahr erhielt das Haus beim Landesintegrationspreis in der Kategorie „Dauerhaftes und nachhaltiges Engagement für Vielfalt“ eine Sonderwürdigung. Früher befand sich in der Landesliegenschaft an der Schellingstraße eine orthopädische Klinik. Heute ist die Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt Trägerin des „Eine Welt Hauses“. Eine „bundesweit einzigartige Konstellation“, sagt Lorenz.

Krzysztof Blau (l), Francesa Caporali, Manja Lorenz, Vu Thi Huong Ha, Elke Orlowski und Elena Klein vor dem "Eine Welt Haus".
Krzysztof Blau (l), Francesa Caporali, Manja Lorenz, Vu Thi Huong Ha, Elke Orlowski und Elena Klein vor dem "Eine Welt Haus".
Foto: Christoph Carsten

Ein Veranstaltungssaal und vier Seminarräume können von den Mitgliedsorganisationen kostenfrei genutzt werden – für Beratungen, Informationsveranstaltungen, Schulprojekttage, Ausstellungen, Filmvorführungen. Andere Veranstalter können die Räume mieten.

Die Geschichte des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Herkünfte ist in Sachsen-Anhalt vergleichsweise jung. Zwar gab es zu DDR-Zeiten Arbeitsmigranten aus den sozialistischen Bruderstaaten, doch lebten diese zumeist in eigenen Wohnquartieren separat von der übrigen Bevölkerung. Auch heute ist der Anteil hier lebender Menschen ohne deutschen Pass mit fünf Prozent geringer als in anderen Bundesländern.

Vielfältige Probleme für Migranten

Doch mit welchen Hürden sehen sich Menschen konfrontiert, die aus einem anderen Land nach Deutschland kommen? „Es gibt eine Vielfalt von Problemen“, sagt AGSA-Geschäftsführer Krzysztof Blau. Das fange bei basalen Dingen wie verständlichen, mehrsprachigen Informationen an. Denn: Die Gruppen der Migranten seien vielfältig, erklärt Blau. Ein Geflüchteter aus Syrien habe andere Bedürfnisse als ein Unionsbürger. Doch obwohl letztere die größte Gruppe in Sachsen-Anhalt ausmachen, gebe es für sie kaum Angebote. Hier wolle die AGSA ansetzen und „Impulse für eine vielfältige und offene Gesellschaft“ setzen, sagt Blau.

Als Dachverband von 45 Mitgliedsorganisationen sind in der Auslandsgesellschaft Menschen aus aller Herren Länder organisiert. Viele engagieren sich ehrenamtlich. Krzysztof Blau spricht gerne von der „kleinen Uno von Magdeburg“. Die Zielsetzung ist eindeutig: Interkulturelle Öffnung, nachhaltige Bildungsarbeit, strukturelle Unterstützung.

„Zugänge“ ist ein Wort, das die Mitarbeiter des „Eine Welt Hauses“ häufig verwenden. Der wichtigste Schlüssel für Menschen mit Migrationsgeschichte sei die Sprache, sagt Blau. „Das fängt mit Sprachkursen an, darf aber dort nicht aufhören. Denn nach Ende des Kurses stellt sich für viele die Frage: Wo komme ich mit Leuten in Kontakt, mit denen ich weiter Deutsch sprechen kann?“

Das weiß auch Vu Thi Huong Ha vom Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein. Seit 40 Jahren lebt sie in Deutschland, seit 1987 in Magdeburg. „Magdeburg ist unsere Heimat. Aber Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen, sind gering“, sagt sie. Ein Angebot wie das des „Eine Welt Hauses“ sei als Anlaufstelle wichtig, um Berührungsängste abzubauen.

Verständigung durch Kultur

Elena Klein vom Magdeburger Generationentheater hat noch einen anderen Zugang gefunden: Die Kultur. 2010 als Kinder- und Jugendtheater vor allem für Russlanddeutsche gegründet, gibt es im Ensemble inzwischen 25 Aktive von fünf bis 85 Jahren mit Wurzeln in Aserbaidschan, Belarus, Bulgarien, Deutschland, Kasachstan, Russland, Syrien, Tschetschenien, Iran, Israel und Ukraine. „Theater integriert, weil es Verständigung zwischen Nationalitäten schafft“, sagt Klein. Beim Integrationspreis erhielt das Generationentheater den zweiten Preis .

In vielen Branchen werden gut qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland weiter händeringend gesucht. Der Verband der Leitenden Krankenhausärzte hat prognostiziert, dass in den nächsten zehn Jahren 17.500 Ärzte fehlen werden. Das Institut für Berufspädagogik hat sein Büro ebenfalls an der Schellingstraße und hilft ausländischen Ärzten in Sachsen-Anhalt Fuß zu fassen. „Mehr als 200 Ärzte aus 41 Ländern haben wir bereits bei ihrem Zugang zur Approbation und bei der Vorbereitung zur Facharztprüfung unterstützt“, sagt Elke Orlowski. Hinzu komme der interkulturelle Aspekt: „Ein indischer Arzt würde zum Beispiel aus Höflichkeit niemals Nein sagen. Wir erklären den Leuten, wie die Kommunikation hierzulande funktioniert und wo es vielleicht Unterschiede gibt.“

Francesca Caporali ist 25 Jahre alt und absolviert ihren Europäischen Freiwilligendienst. Beim „Eine Welt Haus“ kümmert sich die Italienerin um Grafik und Layout des hauseigenen Magazins „Deine Welt“. In Magdeburg lebt Caporali in einer WG mit Menschen aus Frankreich, Polen, Kroatien, Spanien und Tschechien. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben“, sagt sie.

Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sehen die Menschen im „Eine Welt Haus“ mit Sorge. „Viele von uns haben das Gefühl, dass es seit einigen Jahren wieder mehr Alltagsrassismus gibt“, sagt Krzysztof Blau. Manja Lorenz ergänzt: „Bei vielen sinkt die Hemmschwelle.“ Ihren Einsatz für eine offene Gesellschaft wollen sie dennoch nicht aufgeben. „Wir wollen nicht nur als Migranten wahrgenommen werden, sondern als Bürger dieses Landes“, sagt Vu Thi Huong Ha.