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Landtagswahlen Sachsen-Anhalt: Warum junge Menschen häufig AfD wählen - exklusives Volksstimme-Interview 

Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt war die CDU der große Gewinner. Nicht so bei jungen Erwachsenen. Sie wählten die CDU so häufig wie die AfD. Woran das liegen könnte, fragte die Volksstimme den Soziologie-Professor Matthias Quent von der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Von Nico Esche
Dr. Matthias Quent, Professor für Soziologie für die Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal
Dr. Matthias Quent, Professor für Soziologie für die Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal Foto: Sio Motion

Magdeburg - Die Landtagswahlen sind seit wenigen Tagen vorbei, die Stimmen ausgezählt. Die CDU erzielte einen Erdrutsch-Sieg. Erste Prognosen, die ein "Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Union und AfD sahen, löste sich in Rauch auf - die CDU baute sich ein Vorsprung von über 16 Prozent zur Alternative für Deutschland auf.

Nicht so bei jungen Wählern in Sachsen-Anhalt, wie Umfragen zeigen: Bei den unter 30-jährigen teilt sich die CDU den ersten Platz mit der AfD: Beide Parteien erzielten bei den 18 bis 29-Jährigen 18 Prozent; gefolgt von den Grünen mit 13 Prozent.

Darüber unterhielt sich die Volksstimme mit Dr. Matthias Quent. Er ist Professor für Soziologie für die Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Volksstimme: Wie erklären Sie sich den großen Zuspruch von jungen Erwachsenen und Jugendlichen für die AfD – insbesondere in Ostdeutschland? 

Matthias Quent: Die AfD war besonders stark in den Kohorten der zwischen 25- und 59-Jährigen. Diese Wählerinnen und Wähler wurden maßgeblich nicht in der DDR, sondern danach sozialisiert. Vor allem gab es in diesen Jahrgängen eine massive und ungleichverteilte Abwanderung: Vor allem gut Gebildete, Weltoffene und überdurchschnittlich viele Frauen haben den Osten verlassen. Schon vor vielen Jahren haben Studien gezeigt, dass gerade in strukturschwachen Regionen eher diejenigen zurückbleiben, die auch anfälliger für rechtsextremes Denken sind. Gleichzeitig verstärkt die Abwanderung den Eindruck des Abgehängtseins.

"Bei all diesen sogenannten Identitätsfragen geht es am Ende um Macht."

Matthias Quent

Woher kommt die Attraktivität der AfD bei jungen Menschen in Sachsen-Anhalt?

Die AfD hat offensiver als die anderen Parteien um junge Menschen geworben: durch postalische Anschreiben und dadurch, dass die AfD und ihre Anhängerschaft in sozialen Netzwerken im Vergleich zu den anderen Parteien hyperaktiv und überrepräsentiert ist. Dies begünstigt Polarisierung und die Normalisierung der Rechtsradikalen.

In den alten Bundesländern wird vorrangig Grün bei jungen Erwachsenen gewählt – was machen diese Parteien falsch in Sachsen-Anhalt und warum erreichen sie die jungen Sachsen-Anhalter nicht?

In den westlichen Ländern gab es seit den 1960er Jahren eine schleichende Liberalisierung hin zu kosmopolitischen und postmateriellen Werten. In Ostdeutschland gab es das so nicht – nach dem Fall der Mauer standen in fast allen Familien zunächst die materiellen Probleme durch Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit an erster Stelle. Erst viele Jahre später, mit relativ gesichertem Wohlstand [...], stellten sich diese Fragen des Wertewandels. Klimawandel wird für die Ostdeutschen viel weniger stark als ein Thema und Problem wahrgenommen, als für die Bewohner der alten Bundesländer.

Die jungen Wählerinnern und Wähler, wie in der Umfrage festgehalten, wurden nach der Wende geboren. Die AfD nutzt das Narrativ der Wende gerne. Wie geht das zusammen?

Die AfD wertet die Ostdeutschen kollektiv und teilweise völkisch auf, als die eigentliche Avantgarde. Damit stellt sie die von vielen wahrgenommene Entwertung als Bürger zweiter Klasse auf den Kopf und sagt: Ihr seid nicht Bürger zweiter Klasse, sondern die besseren, wehrhafteren, reineren Deutschen! Gerade in männlichen Jugendmilieus ist ein übersteigerter Bezug auf Ostdeutschland gar nicht so selten und wird plakativ auf Heckscheiben oder Jacken präsentiert. Man will etwas Besonderes sein – wenigstens durch die Herkunft.

Wie sehen die Strukturen hinter AfD-Wählern aus – Bildungsgrad, Lebensumstände, Gesellschaft, Sozioökonomische Hintergründe. Könnte es da einen Zusammenhang geben?

Die AfD ist bundesweit nur darum so erfolgreich, weil sie [...] in allen Milieus und Altersgruppen mobilisieren kann. Am deutlichsten sind aber zwei Unterschiede: Erstens wählen deutlich mehr Männer als Frauen, zweitens unterscheiden sich AfD-Wählende insgesamt nicht so stark durch ihre sozialen Hintergründe, wie von ihren politischen Einstellungen und Überzeugungen von den Wählenden der anderen Parteien. AfD-Wählende sehen sehr häufig extrem negativ in die Zukunft, obwohl sie von sich sagen, dass es ihnen gut geht. Der Pessimismus bezieht sich vor allem auf politisch-kulturelle Entwicklungen, insbesondere gegen Einwanderung und Gleichberechtigung. AfD-Wählende glauben häufiger Verschwörungserzählungen und stimmen auch eher antisemitischen Aussagen zu.

Jugendforscher Klaus Hurrelmann spricht von einer Kümmerer-Mentalität der AfD, die bei Jugendlichen anklang fände, wie es andere Parteien nicht könnten. Wie sehr muss man sich um junge Erwachsene in Sachsen-Anhalt „kümmern“?

Es sollte jetzt dringend in politische Bildung, Jugendarbeit und Prävention investiert werden, um den Reproduktionskreislauf der rechten Radikalisierung zu durchbrechen. Das heißt nicht, Jugendliche zu gängeln, sondern sie zu Mündigkeit und Reflektion zu bestärken und ihnen Räume zu ermöglichen, in denen sie Austausch, Miteinander, friedliche Konfliktaustragung, Zusammenhalt, Selbstwirksamkeit und Demokratie ohne Diskriminierung erleben können.

Junge Männer wählen eher AfD als Frauen. Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Das ist ein weltweites Phänomen bei den Wählerschaften der Parteien und Politiker der äußersten Rechten und es trifft nicht nur bei den Jüngeren zu. Die äußerste Rechte verspricht vor allem weißen Männern, dass sich in der Gesellschaft wieder alles um sie drehen sollte und dass sie ihre Vorteile und Vorrechte gegenüber Frauen und Migranten nicht abbauen, sondern wiedererlangen können. Männer fühlen sich stärker von Gleichberechtigung bedroht, weil sie denken, dadurch mehr zu verlieren. Die AfD tritt für überholte Rollenbilder ein, von denen Männer stets profitiert haben. Bei all diesen sogenannten Identitätsfragen geht es am Ende um Macht.