Magdeburg l Es gibt ein Indiz dafür, nach Magdeburg Zugezogene schnell zu identifizieren. Das „a“ im Namen der Landeshauptstadt wird dann gern mal unnatürlich lang gestreckt. In diese Falle ist auch Stefan Remy getappt, der als einen Grund für die Wahl seines neuen Arbeitsplatzes unter anderem „die Mentalität der Menschen in Maaagdeburg“ nennt. Auf den sprachlichen Fauxpax angesprochen, zögert Remy kurz. Fast etwas schüchtern folgt ein kurzes Lächeln. „Das hat mir bisher noch niemand verraten“, sagt er schmunzelnd.

Wer Remy kennenlernt, trifft auf einen bodenständigen Mann, der bei seinen Formulierungen oft ein paar Sekunden überlegt, um die richtigen Worte zu finden. Immer darauf bedacht, den für Laien schwer verständlichen Fachbegriff-Dschungel der Neurowissenschaften so einfach wie möglich zu erklären. Mit gerade einmal 44 Jahren ist der Rheinländer gestern offiziell als neuer geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie (LIN) in Magdeburg vorgestellt worden. Das „LIN“ zählt zur Weltspitze in der Lern- und Gedächtnisforschung. Die passende Umgebung für einen wie Remy, der in Bonn sein Studium der Humanmedizin (Fachrichtung Neurologie) mit summa cum Laude abgeschlossen und anschließend drei Jahre als Alexander-von-Humboldt-Stipendiat in Chicago geforscht hat. „Als ich aus den USA wiederkam, war mir klar, dass ich als Grundlagenforscher arbeiten will“, sagt Remy. „Ich bin der Überzeugung, dass man nicht gleichzeitig ein richtig guter Arzt und Forscher sein kann.“

Informationsfluss schneller geworden

Zuletzt leitete der Familienvater sieben Jahre lang die Forschungsgruppe „Neuronale Netzwerke“ am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn. Dort widmete er sich vor allem der Erforschung von Funktionsstörungen im Gedächtnis.

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Wenn man so will, geht Remy nun auf der Karriereleiter abermals einen Schritt weiter, auf Forschungsebene aber einen Schritt zurück. Ganz bewusst. „Hier können wir noch mehr die Grundlagen von Lernen und Gedächtnis erforschen“, so der neue LIN-Chef. „Die große Aufgabe der Hirnforschung ist es, erstmal die Physiologie zu verstehen. Wir wollen nicht nur Veränderungen beschreiben, sondern wissen, warum und wie passiert etwas im Gehirn.“

Und Remy tritt in große Fußstapfen. Sein Vorgänger Eckart Gundelfinger führte das LIN in einem Jahrzehnt an die Weltspitze. Unter seiner Leitung fanden mehr als 1200 wissenschaftliche Publikationen mit LIN-Beteiligung ihren Weg in renommierte Fachzeitschriften.

Sein Antrieb: Neugier

Und so spricht auch Remy von einer „großen Herausforderung“. Sein Antrieb: „meine Neugier“. Sein Ziel: „Die Neuroforschung in Magdeburg zum Leuchten bringen.“ Und das will Remy vor allem im Team erreichen. „Ich hatte gleich das Gefühl, hier muss man niemanden motivieren zum Arbeiten, sondern hier sind alle unheimlich neugierig.“

Der „team effort“, der Teamgedanke also, sei vor allem in den vergangenen zehn Jahren auch in der Wissenschaft noch einmal viel wichtiger geworden. „Früher gab es die Wissenschaftler, die ihr eigenes Süppchen gekocht und ab und zu mal was veröffentlicht haben“, sagt Remy. „Aber heute ist die Wissenschaft so gut vernetzt, dass fast täglich neue Ergebnisse kommen.“ Der Informationsfluss sei viel schneller und deshalb sei es eben auch wichtig, eigene Erkenntnisse schnell in Modelle umzuwandeln und zu publizieren.

Remy, der 2016 unter anderem eine mit 1,8 Millionen Euro geförderte Auszeichnung vom Europäischen Forschungsrat erhielt, repräsentiert eine andere Generation als sein Vorgänger. Das zeigt eine Stunde später auch sein Vortrag bei der Amtseinführung, zu dem unter anderem auch Ministerpräsident Reiner Haseloff und Wirtschaftsminister Armin Willingmann erschienen sind.

Multimedial, fast philosophisch, beschreibt Remy mit Hilfe der Einspielung eines Beatles-Songs die Entstehung von Erinnerungen und sagt: „Das Geheimnis unserer Einzigartigkeit liegt in unseren neuronalen Verbindungen.“ Remy wird die neue Arbeitsgruppe „Zelluläre Neurowissenschaften“ in Magdeburg aufbauen. Als wichtiges Werkzeug für die Erforschung der neuronalen Netzwerke sieht er das maschinelle Lernen. Und er ist sich sicher: „Das LIN ist der perfekte Ort, um den Gedächtnis-Code zu entschlüsseln.“