Magdeburg l Historisches Archivgut mag es gern behaglich: 16 bis 18 °C wären angenehm, dazu zwischen 40 und 50 % Luftfeuchtigkeit. Im Magazin-Neubau der Zentrale des Landesarchivs herrschen konstant diese Bedingungen. Den vielfach betagten Akten und Dokumeneten – die ältesten stammen aus dem 10. Jahrhundert – muss es zur Freude von Detlef Heiden also bestens gehen. Der Archivleiter verweist stolz darauf, dass dies ohne aufwendige Kühltechnik erreicht wird: „Wir nutzen eine weitgehend passive Klimatisierung.“ Dazu tragen der massive Baukörper und der Luftaustausch über Lüftungsanlagen bei, immer abgeglichen mit den Außentemperaturen.

Faserplatten absorbieren Feuchtigkeit

An heißen Sommertagen werden die Schotten in dem schwarzen Kasten´an der Magdeburger Brückstraße, der an die Kaaba in Mekka erinnert, eher dicht gemacht. Im Winter hingegen kann die Temperatur schon mal bis 14 ° C heruntergehen, dann wird zugeheizt. Um Feuchtigkeit zu absorbieren, hängen an den Decken spezielle Faserplatten. Alles Greta-tauglich, kann man sagen. Weil hier Gold wert ist Platz zu sparen, werden die Akten in Pappkartons sortiert, die dann als Stapelware in die Rollregalen lagern.

An die architektonische Strenge des alten Archivsitzes in der Magdeburger Hegelstaße erinnert bis auf die Fassade auch im Frontgebäude wenig. In der alten Preußenkaserne sind die Flure jetzt durch Glastüren abgeteilt, künstlerische Elemente ergänzen den transparenten Eindruck.

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Letzter Nutzer vor den Archivaren war die Sowjetarmee, die sich nach dem Krieg hier einquartierte. Heiden erinnert sich schmunzelnd an eine Hinterlassenschaft: „Es gab eine Art Fitness-Studio, in dem die Übungen wie in einem Comic an die Wand gemalt waren.“

Weniger lustig war der Bauzustand nach 20 Jahren Leerstand: Beispielsweise waren das morsche Deckengebälk komplett zu erneuern. Seit 2016 hat Sachsen-Anhalt einen Hauptsitz des Landesarchivs, der den bundesweiten Vergleich nicht zu scheuen braucht. 24 Millionen Euro hat der Umbau gekostet, was – nicht ganz alltäglich – dem vorgegebenen Rahmen entsprach. Zum Landesarchiv zählen weiterhin drei Außenstellen in Wernigerode, Dessau und Merseburg.

Aus Aktenbergen wird Typisches ausgewählt

Hauptaufgabe im Tagesgeschäft der Archivare ist die „Überlieferungsbildung“. Ralf Lusiardi, Leiter der Abteilung Magdeburg des Landesarchivs, beschreibt den Inhalt der sperrigen Vokabel: „Wir sammeln das, was Benutzer der Zukunft an unserer Zeit interessieren könnte.“ Diese Auswahl des für die Gegenwart tatsächlich Typischen sei ein „großes Mengengeschäft“ sagt Lusiardi, es müsse rationalisiert werden. So übernehme das Archiv die Akten von nur vier Amtsgerichten im Land – das muss reichen.

Das Archivgesetz soll verhindern, dass dem Landesarchiv dennoch nichts Wesentliches entgeht. Lusiardi: „Die Staatskanzlei darf nichts vernichten, was sie uns nicht vorher angeboten hat.“ Und daran wird sich auch gehalten? „Wir sind jedenfalls zufrieden“, sagen Lusiardi und Heiden übereinstimmend.

Auch bei den Bewahrern des schriftlichen Landeserbes zieht indes mit Macht die Digitalisierung ein. Inzwischen sind vom Bestand aus preußischer Zeit 450 m laufende Akten internetgerecht aufbereitet worden, erläutert Archivleiter Heiden. Über 2,5 Millionen „Digitalisate“ verfügt das Landesarchiv heute schon.

Den Verwaltern des Gedächtnisses von Sachsen-Anhalt kommt entgegen, dass die Landesverwaltung, beginnend mit dem Finanzministerium, sukzessive auf elektronischen Aktenverkehr umstellt. Für ein funktionsfähiges digitales Magazin ist allerdings das Know-how von IT-Profis nötig. Sieben Landesarchive aus dem norddeutschen Raum, darunter Sachsen-Anhalt, sind daher im „Verbund digitale Archivierung Nord“ zusammengeschlossen. Die klassische Archivnutzung wird so zunehmend durch den „virtuellen Lesesaal“ ergänzt.

Wer herkömmlich nach Akten, Urkunden und Dokumenten sucht und diese einsehen will, kann das kostenfrei jederzeit nach Anmeldung im Lesesaal tun. Für Reproduktionen werden dann Gebühren fällig.

Zweites Modul spätestens 2024 nötig

Zurück zum schwarzen Klotz: Noch ist die Kapazität des Magazins nicht erschöpft. Doch viel Platz ist mehr, 2024 wird auch das letzte freie Regal mit histrorischem Schriftgut gefüllt sein. Was liegt also näher, als auf den großen freien Fläche hinter dem Magdeburger Archivkomplex noch ein weiteren Funktionsbau nach dem Vorbild des bestehenden Aktenfundus’ zu stellen?

„Wir brauchen dringend ein zweites Modul“, erklärt Detlef Heiden. Doch müssen sich er und seine Mitarbeiter vorerst in Geduld üben. „Wir sind in der Entscheidungsvorbereitung“, sagt Heiden und hofft, dass die Investion anschließend zügig auf den Weg gebracht werden kann.

Nun hat der Magdeburger Osten generell ein Hochwasserproblem. Gegen einen weiteren Neubau aber spräche nichts, meint Heiden. Zum einen, weil nach der Flut 2013 das Ufer der Alten Elbe durch eine Mauer gesichert wurde. Zum anderen sind die Magazin-Planer dem Vorbild der Preußen gefolgt. Die waren Anfang des 20. Jahrhunderts schon so schlau, ihre Kaserne ohne Keller zu planen.

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