Arendsee l Fleetmark, 7 Uhr. Der Zug stoppt, hier muss ich raus. „Jetzt geht es also los“, entfährt es mir leise. Grenzwanderung. Ein sechstägiges Abenteuer, das mich physisch fordern und mental, vermute ich, noch lange beschäftigen wird. Immerhin suche ich die Antwort auf eine Frage, die kein Geschichtsbuch beantworten kann. 30 Jahre Deutsche Einheit. Ist das zusammengewachsen, was zusammengehört? Osten und Westen. Oder ist das nur ein Jubiläum auf dem Papier, während die Grenze in den Köpfen der Menschen weiterlebt?

Zum Start erwarten mich die BUND-Aktivisten Jürgen Starck und Ralph Georgi. Starck lebt seit 1999 in der Altmark, will Besuchern die deutsch-deutsche Geschichte und die Biotop-Landschaft am Grünen Band näherbringen. Georgi, in Sachsen geboren, flüchtete mit seiner Frau über Ungarn nach Hessen. Dort lebt er noch heute. Zusammen mit einem Freund wanderte er die 1400 Kilometer am Grünen Band in sieben Jahren etappenweise ab. Dabei lernte er Starck kennen. Seitdem engagieren sich beide gemeinsam für die längste Biotop-Kette Europas.

Sperrgraben verhinderte Fluchtversuche

Rucksack verstaut, Georgi springt auf den Rücksitz, los geht‘s. Am Arendsee vorbei, hält Starck kurze Zeit später am Wegesrand an. Am Grenzstein. „So, ohne Passierschein kommen Sie hier nicht durch“, teilt er mir im strengen Ton mit und drückt mir einen Zettel in die Hand. Kurzes Schmunzeln. Als sich unsere Augen treffen, ermahnt er sich selber zum ernsten Blick. Georgi beginnt, mir die Richtlinien zum Betreten des Grenzgebietes vorzulesen. Authentisch soll es sein. Es funktioniert. Zum ersten Mal bekomme ich ein Gefühl dafür, was es heißt, nicht einfach einen Fuß vor den anderen setzen zu dürfen.

Kurze Zeit später breitet sich die Heideblüte in Lilatönen auf Sandboden vor uns aus. Eine Landschaft, die ihren romantischen Charakter aber schnell verliert, als Georgi sich hinkniet und ein Stück Plastik aufhebt. Dann noch eins und noch eins. Wir stehen auf dem Minenfeld im ehemaligen Grenzgebiet. Die Fetzen alter Explosionswaffen vor meinen Füßen. Der Begriff Todesstreifen wird greifbarer.

Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Grenze an der Wirler Spitze noch einmal verschärft. Kolonnenweg, dann kam der K 6, der sechs Meter breite Kontrollstreifen. Ein Sperrgraben verhinderte Fluchtversuche mit dem Auto. Am ersten Zaun folgte die Selbstschussanlage, dann das Minenfeld. Auch Bernhard und Siegfried Simon versuchten 1963 hier zu flüchten – und kamen dabei ums Leben. Ein Schild erinnert daran.

Und was ist jetzt mit meiner Frage? Georgi übernimmt. „Dieses Ost-West-Denken habe ich abgelegt. Ich lebe in Hessen, aber ich stehe zu meiner Vergangenheit“, sagt er. In Sachsen geboren, in Hessen verankert. In Deutschland zu Hause. Dieses Denken habe er auch Starck zu verdanken. Als sich beide kennenlernten, sagte ihm der Altmärker: „Du musst dich und deinen Dialekt doch nicht verstecken.“ Aber: Wenn Georgis Söhne Freunde zur Party einladen, verschwindet die Sachsen-Fahne von Papa auf dem Tisch. „Das verletzt mich“, sagt der 53-Jährige.

Unterschiede zwischen Ost und West spürbar

Irgendwann verschwinden die Silhouetten der beiden hinter der Heidelandschaft. In den kommenden zweieinhalb Stunden wandere ich am Grünen Band und ehemaligen Grenzgraben entlang, passiere Schilder, die als Zeugnis früherer DDR-Grenztürme dienen. Mir gehen Georgis Worte nicht mehr aus dem Kopf. Ebenso wie sein bedrückter Gesichtsausdruck, als er von seinen Söhnen und deren Scham erzählt.

Sind das Ausnahmen? Schweißnass erreiche ich Kaulitz, das Wetter meint es gut mit mir. Zu gut. An der Feldsteinkirche begegne ich Sybille Wäsche. Ost und West? Ist das noch im Kopf verankert? „Ja, na klar“, antwortet sie. Es ist eine überraschend energische Antwort von der Rentnerin mit dem warmen Lächeln. „Von West-Seite werden wir oft als Loser gesehen“, sagt die 67-Jährige. Viel wurde versprochen, aber ob Löhne oder Infrakstruktur, „nur wenig ist passiert und man fühlt sich verlassen und betrogen“. Wäsches Worte sind wie eine Schablone für die Beschreibung des Ostens, die sich immer wieder auch in den Medien wiederfindet. Ich ziehe weiter. Otto Lehmann werkelt gerade auf seinem großen Hof herum. Früher gehörte seinen Großeltern das Haus, heute wohnt er mit seiner Familie hier. „Für mich gibt es den Osten und Westen vom geschichtlichen Aspekt her noch, aber ansonsten nicht mehr“, sagt er. „Für Lohnunterschiede können weder die Leute hier oder da drüben etwas.“

Sechs Kilometer und einen langen, mit Pflaumenbäumen gesäumten Weg später erreiche ich Mechau. Auf seinem Fahrrad mit Routenplaner vorne dran kommt mir Bernhard Lokoschat entgegen. Ein Hamburger. Früher ein Seemann, heute Rentner auf Kurztrip. Auch er spürt Unterschiede. „Bei den Altmärkern ist erstmal eine Abwehrhaltung da, sie reden nicht viel, wenn ich sage, ich komme aus Hamburg“, sagt der 70-Jährige. Im Wendland seien die Menschen offener, aber dafür „materiell berechnender“. Als er dort von den günstigen Preisen in Salzwedel berichtete, winkten die meisten ab. „Sie meinten direkt, ach, die da drüben versauen die Preise.“ Lokoschats Eindruck, dass da was im Argen ist, bestätigt Roland Schulze. Ohne es zu wissen. Selbstbewusst stützt sich der Mechauer auf dem Gartenzaun ab und sagt: „Für mich gibt es die DDR auch in 30 Jahren noch.“ Die Selbstverständlichkeit, mit der er diesen Satz herausbringt, verblüfft. Und was sagen die Wendländer nun dazu? Zwei Frauen streichen gerade einen Gartenzaun, als ich in Volzendorf eintrudel. Ihre Namen wollen beide nicht nennen. Und was ist mit meiner Frage? „Ja, ein bisschen, vor allem bei der Mentalität“, vielleicht“, sagt eine der Frauen. „Die Leute da drüben sehen alles etwas lockerer, wir hier im Westen sind in unserem Denken oft so beengt, fast schon verbissen.“

Alle Eindrücke während der Grenzwanderung teilt unsere Autorin auch unter www.volksstimme.de/grenzwanderung