Hitzewelle mal sieben

Mehr Extremwetter im Leben junger Generationen - auch in Sachsen-Anhalt

Ein Kind, das 2021 geboren wird, wird viel mehr Überschwemmungen, Hitzewellen und Waldbrände erleben als seine Großeltern. Mit einer düsteren Prognose erinnern Wissenschaftler einen Tag nach der Bundestagswahl an Nachholbedarf in der globalen Klimapolitik.

27.09.2021, 11:44 • Aktualisiert: 27.09.2021, 12:38
Vermehrt auftretende Waldbrände sind eine Folge des Klimawandels.
Vermehrt auftretende Waldbrände sind eine Folge des Klimawandels. (Foto: Imago/UPI Photo/Symbol)

Halle (Saale)/dpa/DUR/acs - Ein heute geborenes Kind wird in seinem Leben aufgrund des Klimawandels im Schnitt viel mehr Extremwetter erleben als ein 1960 geborener Erdenbürger durchmachen muss.

In seine Lebenszeit werden laut einer Prognose doppelt so viele Waldbrände, drei Mal so viele Überschwemmungen und Ernteausfälle, sieben Mal so viele Hitzewellen fallen – in einem Szenario, in dem die Länder ihre derzeitigen Strategien zur Reduzierung von Treibhausgasen beibehalten.

Neue Studie prognostiziert mehr Extremwetterereignisse im Leben junger Generationen

Das geht aus einer Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams hervor, die am Montag in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde. Das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen könne einen großen Unterschied machen.

Die Wissenschaftler legten vorhandene Daten zu globalen Temperaturverläufen und Projektionen für Extremwetterereignisse mit Bevölkerungsdaten und Lebenserwartungszahlen übereinander. Dabei betrachteten sie unterschiedliche Szenarien, was die Erhöhung der weltweiten Durchschnittstemperatur angeht.

Folgen des Klimawandels: „Ein bisher nie dagewesenes Leben“ für junge Generationen

Ein Beispiel: Eine 1960 geborene Person erlebt der Rechnung zufolge im Schnitt etwa zwei bis sechs Hitzewellen. In die Lebenszeit eines 2020 geborenes Kindes fallen dagegen durchschnittlich 10 bis 26 Hitzewellen, wenn der globale Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt wird.

15 bis 29 Hitzewellen sind es bei einem Anstieg von 2,0 Grad – und 21 bis 39 Hitzewellen, wenn die derzeitigen Klimastrategien der Regierungen beibehalten werden.

Einen Anstieg gibt es demnach auch bei anderen Extremwetterereignissen, zum Beispiel Waldbränden. Menschen, die heute jünger als 40 Jahre sind, würden „ein bisher nie dagewesenes Leben“ führen, was Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen und Ernteausfälle angehe, sagte Hauptautor Wim Thiery von der Freien Universität Brüssel. Die Ergebnisse zeigten eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit der jungen Generationen und legten drastische Emissionsreduzierungen nahe.

Folgen des Klimawandels in Sachsen-Anhalt

Doch nicht nur global, sondern auch in bestimmten Gebieten Deutschlands können die Folgen des Klimawandels schon jetzt prognostiziert werden. So zeigt ein Bericht des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Energie Sachsen Anhalts, dass die Temperaturen schon jetzt drastisch gestiegen sind.

Im Zusammenhang mit dem Temperaturanstieg ist auch die Anzahl der Wetterextreme deutlich gestiegen. Vor allem heiße Tage treten vermehrt auf. Die Anzahl heißer Tage hat sich vor allem in den Tieflandregionen von Sachsen-Anhalt seit 1961 teilweise verdoppelt. 

Ein weitere Folge des Klimawandels sind die immer trockeneren Sommer und feuchteren Winter in Sachsen-Anhalt. Im Zusammenspiel mit steigenden Temperaturen im Sommer hat das zur Folge, dass die Bodenfeuchte in den meisten Regionen rückläufig ist und es zunehmend Bodendürreereignisse gibt. Das wirkt sich vor allem negativ auf die Landwirtschaft aus.

Temperaturanstieg sorgt für Extremwetterereignisse

Der Temperaturanstieg bringt darüber hinaus immer weniger Schnee, was den Wintertourismus im Harz vor Herausforderungen stellt. Das in der Schneedecke gespeicherte Wasser hat jedoch auch vor allem für den Hochwasserschutz und die Trinkwasserbereitstellung eine enorme Bedeutung.

Im Klimawandel-Bericht des MULE werden jedoch auch die Risiken für die Wälder in Sachsen-Anhalt genannt. Sie machen rund ein Viertel der gesamten Landesfläche aus. Höhere Temperaturen und zunehmende Frühjahrs- und Sommertrockenheit können in Verbindung mit vermehrten Extremwetterereignissen zu einer Erhöhung der Waldbrandgefahr führen.

Junge Generationen in ärmeren Ländern stärker von Folgen des Klimawandels betroffen

Laut der neuen Studie, die am Montag in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, wird der Anstieg von Extremwetter-Ereignissen für derzeit junge Menschen jedoch besonders stark im Nahen Osten und in Nordafrika auftreten.

Grundsätzlich werden junge Generationen in Ländern mit geringem Durchschnittseinkommen laut der Prognose stärker betroffen sein als in reicheren Ländern. Zwischen 2016 und 2020 im Afrika südlich der Sahara geborene Kinder werden fünfeinhalb bis sechs Mal mehr Extremwetter erleben.

„Die gute Nachricht ist: Wir können tatsächlich einen Großteil der Klimabelastung von den Schultern unserer Kinder nehmen, wenn wir die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen, indem wir aus der Nutzung fossiler Brennstoffe aussteigen“, sagte Mitautorin Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Global könne das für die junge Generation 24 Prozent weniger Extremwetterereignisse bedeuten als wenn die Staaten bei ihren derzeitigen Zusagen zur Emissionsreduzierung bleiben. Für Europa wäre es ein Minus von 28 Prozent.