Jugend und Parlament

Mitmischen im Bundestag

Sich ab und an im Plenarsaal blicken lassen, Tweets in die Welt senden und nebenbei ein paar Entscheidungen treffen: Ist das die Realität?

Von Annemarie Fehse

Salzwedel/Berlin l Jedes Jahr im Juni findet das Planspiel „Jugend und Parlament“ statt und schickt mehr als 300 Teilnehmer an den Start, also die Hälfte der wirklichen Abgeordneten im Parlament (derzeit 631). Die Jugendlichen im Alter von 16 bis 22 Jahren schlüpfen dann in die Rollen fiktiver Bundestagsabgeordneter und dürfen im echten Plenarsaal diskutieren, am Rednerpult sprechen und am Ende der vier Projekttage Position beziehen – so, wie ein wirklicher Abgeordneter eben auch.

Katrin Kunert, die altmärkische Bundestagsabgeordnete der Linken, unterstützt das Projekt seit etlichen Jahren, schließlich sei „die Arbeit der Abgeordneten keine Geheimniskrämerei“, erzählt sie. Kunert bemüht sich jedes Jahr, einen Teilnehmer für das Projekt zu gewinnen und nach Berlin zu schicken. „Jede Möglichkeit, die ich habe, Jugendliche aus der Altmark nach Berlin zu holen, um etwas über Politik zu lernen, nutze ich aus“, begründet sie ihr Engagement.

Die echten 631 Bundestagsabgeordneten sind nämlich dafür zuständig, interessierte Jugendliche für das Planspiel zu nominieren. Dieses Jahr wählte Katrin Kunert Michael Benecke aus Salzwedel aus, der vom 4. bis 7. Juni in die Bundeshauptstadt reiste. „Er ist zwar von der Jungen Union (CDU), aber das interessiert mich nicht, weil er sehr engagiert ist. So sorge ich dafür, dass in Zukunft fähige Leute in der CDU sitzen“, sagt Kunert lachend.

Für das Planspiel musste der 15-Jährige am ersten Tag seine reale Identität abgeben. Stattdessen bekamen alle Teilnehmer eine fiktive Abgeordneten-Rolle zugeteilt, inklusive Name, Partei und politischer Ausrichtung.

Die Parteien bei „Jugend und Parlament“ richten sich nach den echten Parteien in Deutschland, allerdings mit anderen Namen. So wird aus der CDU im Planspiel die Christliche Volkspartei (CVP), aus der SPD die Arbeitnehmerpartei Deutschlands (APD), aus der Linken die Partei der sozialen Gerechtigkeit (PSG) und aus den Grünen die Ökologisch-Soziale Partei (ÖSP).

„Ich wurde zu Dr. Johannes Kaufmann, einem Winzer aus Rheinland-Pfalz“, berichtet Michael. „Ich hatte ein Studium angefangen, dann aber abgebrochen, um den Familienbetrieb zu übernehmen. Seit ich denken kann, war meine Familie APD-affin. Ich selbst engagierte mich seit zehn Jahren in der Kommunalpolitik der APD und wurde nun in den Bundestag gewählt“, beschreibt Benecke seine Rolle beim Planspiel.

Ob es ihn störte, als engagiertes Mitglied der Jungen Union (im echten Leben) plötzlich für die Arbeitnehmerpartei Deutschlands, also der fiktiven SPD, einzustehen? „Natürlich dachte ich vor Beginn: ‚Hoffentlich komme ich zur CDU!‘, aber letztendlich bin ich froh, dass es anders gekommen ist. Dadurch habe ich meinen Blickwinkel geweitet. Es geht ja nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern darum, den des Volkes zu vertreten“, resümiert er.

Am ersten Tag des Planspiels ging es in die Landesgruppensitzungen, in denen sich auch im echten Leben die Abgeordneten aus einer Region treffen. Auf diese folgten dann die Fraktionssitzungen. Hier wurde Dr. Johannes Kaufmann sogar zum verfassungspolitischen Sprecher der APD-Fraktion gewählt.

Am dritten Tag stand die Bearbeitung von Gesetzesvorlagen an. Diese wurden dann bei einer Lesung im Plenum vorgestellt – unter prominenter Leitung eines Bundestagsvizepräsidenten. Am letzten Tag folgte die Podiumsdiskussion mit den wirklichen Fraktionsvorsitzenden des Bundestages und ein Schlusswort des Bundestagspräsidenten, Norbert Lammert.

Michael Benecke selbst will später auch mal im Bundestag landen. Sein Ziel? „Erst in den Landtag, dann Bundestagsabgeordneter werden“, sagt er. Wenn er mal träumen dürfte, dann säße er später als Bildungsminister im Parlament. Gute Voraussetzungen hat der Jeetzeschüler jedenfalls schon als Vorsitzender des Landesschülerrats Sachsen-Anhalt.

Wenn es mit der Politik nicht klappt, habe er ein anderes Steckenpferd: die Kirchenmusik. Das würde Michael, der seit etlichen Jahren Orgel spielt, auch gern studieren. Egal, für welchen Weg er sich entscheidet, er würde ein Hobby zum Beruf machen: „Politik ist für mich schon irgendwo Arbeit, aber auch gleichzeitig Entspannung. Ich mache das einfach gern“, sagt Michael Benecke entschlossen. Und auch Katrin Kunert ist sich sicher, dass sie mit ihm die richtige Wahl getroffen hat.