Als Rudi Dutschke am Heiligabend 1979 mit einem epileptischen Anfall in seiner Badewanne im dänischen Aarhus ertrank, war der gebürtige Luckenwalder längst zu einem verklärten Mythos der antiautoritären Studentenbewegung in Westdeutschland geworden. Der Tod des 39-Jährigen war eine Spätfolge eines Attentats. Elf Jahre zuvor, im April 1968, als die Studentenunruhen, insbesondere in Westberlin auf einen Höhepunkt zusteuerten, hatte ihn der arbeitslose Arbeiter Josef Bachmann mit drei Schüssen auf dem Kurfürstendamm niedergestreckt.

Schreiben und Sprechen wieder lernen

Die ersten Einträge, die Alfred Willi Rudolf – genannt Rudi – Dutschke im Mai 1968 kurz nach dem Attentat in sein Tagebuch schreibt, sind die Namen von Freunden. Das Sprechen und Schreiben muss er sich in einem langwierigen Prozess wieder aneignen. Der damals 28-jährige Soziologiestudent Dutschke zieht sich mit seiner Frau und seinem gerade geborenen Sohn Hosea Che Richtung Schweiz, Italien, England und zuletzt Dänemark zurück.

„Fühle mich weiterhin ´beschissen´“, vertraut er seinem Tagebuch in dieser Zeit an. Immer wieder wird er von epileptischen Anfällen geplagt. Auch leidet er an einem Verfolgungs-Syndrom. Das geht soweit, dass er einst nahe Freunde des Ostagententums bezichtigt.

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Dutschke-Biograf Jürgen Miermeisters glaubt, dass es sich bei seinem Gemütszustand um eine Mischung aus Ratio, politischer Paranoia und dem schlechten Gewissen des „DDR-Abhauers“ gehandelt habe. Dutschke hat nach seinem Attentat kaum noch Einfluss auf die Abläufe in Deutschland, er promovierte 1973 über die „Differenz des asiatischen und westeuropäischen Weges zum Sozialismus. Ende der 70er Jahre gehört Dutschke zu den Mitbegründern der Grünen Partei und sollte bei der Bundestagswahl 1980 für die Bremer Grünen ins Parlament kommen – sein plötzlicher Tod verhinderte dies.

Aus der DDR nach Westberlin abgehauen

Nichtsdestotrotz steht Rudi Dutschke als Symbol für eine ganze Generation westdeutscher Studenten, die sich Ende der 60er Jahre mit ihrer antiautoritären Bewegung, insbesondere in Westberlin, gegen eine scheinbar verkrustete Gesellschaft auflehnte. Der Vietnam-Krieg, die Notstandsgesetze und nicht zuletzt die nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit der Vätergeneration schürten ihren Protest.

Insbesondere mit seinen rhetorischen Fähigkeiten und seinem Charisma lenkte Dutschke das Interesse der Medien auf sich und wurde dadurch zur Symbolfigur, obwohl er in keiner maßgeblichen Organisation eine Funktion ausübte. Seine Agitation gegen die DDR, sein Eintreten für die deutsche Einheit sowie überhaupt seine Sozialisation in der DDR der 50er Jahre werden bis heute häufig unterschlagen.

Für Politik hatte Rudi Dutschke in seinen Jugendjahren in Luckenwalde nicht viel übrig. Sport faszinierte ihn hingegen. Mit 16 war er drittbester DDR-Zehnkämpfer seiner Altersklasse. Aus Leidenschaft zum Sport wollte er später Sportreporter werden. Heinz Florian Oertel war sein Vorbild. Unzählbar oft übte Dutschke zu Hause Radioreportagen, ehe er seine rhetorischen Fähigkeiten 1957 eher unfreiwillig in der Aula der Luckenwalder Oberschule testen konnte.

Öffentlicher Druck

Die Schulleitung hatte eine Versammlung einberufen, um hier mit einem öffentlichen Druck auf Dutschkes Weigerung zu reagieren, sich nach der Oberschule freiwillig zur Nationalen Volksarmee zu melden. Der 17-Jährige verteidigte seine Haltung und pries in seiner etwa 15-minütigen Rede den Pazifismus, zitierte aus alten Schulbüchern und trat für die Wiedervereinigung ein. Dutschke erhielt für seine Darbietung den Applaus seiner Mitschüler – und die Quittung seiner Lehrer. Der vorher als gut eingestufte Schüler Dutschke bekam 1958 in seinem Abiturzeugnis die Gesamtnote „drei“, zusätzlich wurde im schwarz auf weiß eine „inaktive gesellschaftliche Haltung“ bescheinigt. Ein Journalistikstudium in Leipzig war damit unmöglich. Als man ihm auch nach seiner Lehre beim VEB TEWA Luckenwalde – einem Betrieb für Möbelbeschläge – das Studium verweigerte, wechselt er nach Westberlin.

„Ohne den Bau der Mauer wäre das mit Rudi nicht passiert“, sagte der heute 83-jährige Helmut Dutschke vor einigen Jahren, er ist ein älterer Bruder des Studentenführers. Mit „das“ meinte er nicht etwa das Attentat, das am 11. April 1968 auf seinen Bruder verübt worden ist. Er meinte damit die extreme Politisierung seines Bruders und sein Aufstieg zum westdeutschen Führer einer aufbegehrenden Generation. Am 10. August 1961 – drei Tage vor dem Mauerbau – hatte Helmut Dutschke seinen Bruder Rudi mit dem Motorrad vom brandenburgischen Heimatort Luckenwalde nach Westberlin gebracht. Dort arbeitete Rudi bei der Springer-Zeitung „BZ“ in der Sportredaktion.

Ehefrau war bei der Beerdigung hochschwanger

Erst sechs Jahre später bei der Beerdigung der Mutter sahen sie sich wieder. Er wurde „republikflüchtig“, wie in seiner rund 1000-seitigen Stasiakte steht. Die Mauer verhinderte, dass er wie in den Monaten zuvor am Wochenende nach Hause fahren konnte. „Er war ein Familienmensch und die Mutter war sein besonderer Bezugspunkt“, so Manfred Dutschke, ein weiterer Bruder Rudis. Der Bruder lebte bis zuletzt in Luckenwalde und ist im vergangenen Jahr gestorben. Die Eltern und Brüder verfolgten nach 1961 mit Erstaunen die Entwicklung ihres „kleinen Rudi“. Als Rudi Dutschke in einem seiner fast wöchentlichen Briefe Ende 1961 ankündigte, dass er statt Journalismus Soziologie studieren wolle, da sei die Mutter „fast in Ohnmacht gefallen“, sagte Helmut Dutschke. „Wir wussten ja alle gar nicht, was das war.“

Die Ohnmacht war buchstäblich. Die Mauer verhinderte eine größere Einflussnahme der Familie. „Wenn der Rudi das mit Mutter hätte durchsprechen müssen, dann wäre da nichts draus geworden“, ist sich Helmut Dutschke sicher. „Die hätte mit ihm Fraktur gelesen.“ Elsbeth Dutschke, eine protestantische Bauerntochter, erzog ihre Kinder nach streng christlichen Maßstäben. In der Kriegszeit – Rudi wurde 1940 als Jüngster geboren – musste sie sich allein um die vier Jungs kümmern, der Mann war an der Front. „Sie hat oft mit uns gebetet“, so Manfred Dutschke.

Rudi Dutschke wurde am 3. Januar 1980 in Berlin-Dahlem auf dem St.-Annen-Friedhof beerdigt. Neben sehr vielen Weggefährten waren dort der Vater, der nach Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück durfte, die Brüder, die beiden Kinder Hosea Che und Polly sowie seine amerikanische Frau Gretchen, die zu dem Zeitpunkt hochschwanger war. Der Sohn Rudi-Marek kam kurze Zeit später zur Welt. Die Trauerrede hielt der Theologe Helmut Gollwitzer, der in der NS-Zeit Widerstand in der Bekennenden Kirche geleistet hatte und Freund Dutschkes war.