Naumburg l Jana Hildebrandts Arbeitsplatz ist ein Leuchttisch. Es gibt Durchlicht und Auflicht. Es gibt eine Absauganlage und feine Pinsel, ebenso ein Mikroskop. Nach einer ersten Untersuchung weiß sie: Ein Teil des farbintensiven Feldes, das vor ihr liegt, hat noch mittelalterliches Glas, ein anderer Teil stammt aus dem 19. Jahrhundert. Was ihr sogleich auffällt: Die Glasmalfarbe des 19. Jahrhunderts, als eine Naumburger Werkstatt schon einmal restaurierte, ist viel stärker gefährdet als die viel ältere aus der Zeit des Mittelalters.

Im 19. Jahrhundert, so erzählt die Restauratorin, experimentierte man viel, weil das Wissen um die Herstellung der Glasmalfarben und Gläser verlorengegangen war. Die Malschichten wurden wohl nicht heiß genug eingebrannt und haften schlechter auf dem Glas. Das Ergebnis: Die gestalterische Qualität ist hoch, aber was entstand, war nicht besonders haltbar.

Wenn Jana Hildebrandt über ihre Arbeit erzählt, hat sie ein Lächeln im Gesicht. Die temporäre Restauratorenwerkstatt in Nachbarschaft zum Dom ist der Grund für dieses Wohlbefinden. „Es ist großartig“, schwärmt sie und blickt auf das vor ihr liegende Kunstwerk. Glasmalerei aus allen Zeiten sei ihr Job. Aber ehrfürchtig werde man bei diesem mittelalterlichen Glas, das sie jetzt über Monate untersuchen, dokumentieren, säubern und sichern darf. „Diese Qualität, diese Kunstfertigkeit, die Schönheit. Da kann man sich nur freuen.“

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Internationales Restauratorenteam

Hildebrandt gehört einem vierköpfigen internationalen Restauratorenteam an. Zwei Briten, eine Niederländerin und sie, die Erfurterin. Sie alle arbeiten seit Dezember 2017 daran, den wertvollen Glasmalereibestand des Naumburger Domes zu konservieren und für die Nachwelt zu erhalten. Das meiste ist Glaskunst aus dem 13., 14. und 15. Jahrhundert. Drei Westchor-Fenster aus der frühen Zeit sind fast komplett erhalten. Das Priesterfenster, das Nordwestliche Apostel-/Tugendenfenster und das Laienfenster haben den größten Anteil an mittelalterlichem Glas.

Unabhängig von der immensen Investitionssumme von 1,2 Millionen Euro (Bund, Land und vier Stiftungen engagieren sich) hat das Projekt der Vereinigten Domstifter eine große kunsthistorische Bedeutung. „Es ist eines der größten Restaurierungsprojekte der vergangenen zehn Jahre in Deutschland“, sagt Projektleiter Ivo Rauch mit Blick auf Umfang, Qualität und Kostbarkeit der Fenster. Dieses Kostbare, so sagt der Experte, sei das bis 1250 entstandene Gesamtensemble aus Architektur, Stifterfiguren mit der berühmten Uta und den Fenstern. Das originale Erscheinungsbild ist in großen Teilen erhalten. Rauch spricht von „einem Guss“. „Man sieht, wie sich die Künstler damals beeinflusst haben. Glasmaler haben sich von den Bildhauern inspirieren lassen, und die Bildhauer von den Glasmalern.“

Herausragende Werke gotischer Glaskunst

Der Schöpfer der weithin bekannten Stifterfiguren ist bis heute unbekannt. Er ging als Naumburger Meister in die Geschichte ein. Unbekannt ist auch der Erschaffer der Glasfenster. Rauch weiß nur so viel, dass diese Meister hochspezialisiert waren und sich ihre Kunst gut haben bezahlen lassen. Von der Kathedrale im französischen Chartres seien Rechnungen erhalten, die zeigen, dass die Anfertigung der Fenster ungefähr so teuer gewesen sei wie der Steinbau an sich. Fachleute vergleichen gern das künstlerische Niveau der Naumburger Glasmalereien mit jenen des Gotteshauses in Chartres oder der Sainte-Chapelle in Paris. Sie gelten als herausragende Werke gotischer Glaskunst in Europa.

Jana Hildebrandt schaut weiter durch ihr Mikroskop. Viel Arbeit liegt vor ihr und vor den anderen Restauratoren. Schäden, Glassprünge, der Zustand des Bleinetzes werden dokumentiert. Alle Gläser müssen gereinigt werden, mit Pinsel, Absauger, Skalpell, Wattestäbchen. Sprünge werden geklebt und stark gefährdete Gläser, die rauszufallen drohen, gesichert. Bei einigen Scheiben gibt es Figuren ohne Gesichter. „Es wird nichts ausgewechselt, es wird ergänzt. Wir setzen eine Glasscheibe mit aufgemalten Augen, aufgemalter Nase dahinter“, sagt Hildebrandt.

Der Handlungsbedarf sei groß gewesen, heißt es von den Vereinigten Domstiftern. Schädliche Umweltbedingungen der letzten 130 Jahre hätten dem Glas und seinen Oberflächen zugesetzt, obwohl in den 1940er und 1960er Jahren Restaurierungs- und Pflegearbeiten durchgeführt wurden.

Schon in den 1940er Jahren, so erzählt Hildebrandt, hätten die Verantwortlichen Angst gehabt, dass die wertvolle Malerei verloren gehen könnte. Sie entschlossen sich damals, jedes Glasstück mit einer Scheibe zu verkleben. Heute sehen sich die Restauratoren glücklich, dass dieser nach ihrer Aussage unglaublich große Eingriff nicht zustande gekommen war. Die Tragik: Die Restauratoren mussten in den Krieg ziehen.

Bis voraussichtlich 2019 ist das internationale Team vor Ort. Aktuell sind zwei der fünf Fenster im Westchor eingerüstet und verschalt. Mehr als zwei Fenster gleichzeitig werden nicht ausgebaut. Für Besucher soll der Blick auf drei Fenster stets frei bleiben, so die Domstifter.