Auf einen Blick

Die Schulausgangsschrift ist eine sogenannte verbundene Schreibschrift. Sie wurde 1968 vom Ministerium für Volksbildung für alle Schulen der DDR verpflichtend eingeführt. In Berlin, Hamburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und dem Saarland ist die Schriftvariante bis heute die verbindliche Erstschreibschrift für Grundschüler.

Magdeburg l Als die DDR zum Schuljahr 1968/69 ihre neue Schreibschrift einführte, feierte die sozialistische Presse das wie einen Sieg: „Dieses Schul-ABC hat keine Schnörkel mehr“ titelte die in Berlin erscheinende BZ. Das „Neue Deutschland“ wurde gar poetisch: „Ade, ihr Schnörkel und ihr kecken Schleifen, das ABC trägt nicht mehr Ringelsocken.“

Tatsächlich war die neue Schrift so neu nicht. Von der Grafikerin Renate Tost und der Pädagogin Elisabeth Kaestner entwickelt, stand sie in der Tradition lateinischer Schreibschriftstile und baute auf die bestehende Schulausgangsschrift der DDR von 1958 auf. Allerdings vereinfachte sie diese deutlich. Großbuchstaben wurden erstmals im deutschen Sprachraum radikal von Kringeln befreit, Kleinbuchstaben wurden mit kürzeren, strafferen Bögen verbunden.

Leichter zu lernen, schneller zu schreiben

Für die Einführung sprach vor allem, dass die neue Schrift leichter zu lernen und schneller zu schreiben war, sagt Michael Ritter, Professor für Grundschuldidaktik an der Uni Halle. Beides war notwendig in einer Zeit immer weiter expandierenden Schriftguts, in der es vor allem darauf ankam, schnell und effektiv schreiben zu können. Daneben entsprach die neue Schrift aber auch dem DDR-Zeitgeist. Sie fügte sich ein in das Design klarer Linien, wie es auch aus Produkten der DDR jener Jahre bekannt ist.

Im Westen nahm die Öffentlichkeit die Reform zunächst misstrauisch auf: „Das ist die neue Schrift aus der Zone“ verkündete die Welt am Sonntag zur Einführung nüchtern. Und ergänzte: Diese habe in der Bundesrepublik „besorgte Kommentare“ ausgelöst. Am Siegeszug der DDR-Schreibschrift änderte das indes nichts. Bis zur Wiedervereinigung behielten Schulen in der DDR das schlichte System weitgehend unverändert bei. Und: Anders als viele andere Lehrinhalte behauptete sich die Schulausgangsschrift auch nach der Wende.

Besorgte Kommentare aus dem Westen

So kommt es, dass die Schrift in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag im aktiven Schuldienst feiern kann. Unattraktiver ist sie dabei nicht geworden. Außer in den neuen Bundesländern wird die Variante heute verbindlich auch in Hamburg oder dem Saarland unterrichtet, in weiteren Bundesländern können die Schulen wählen.

In Köthen wurde der Schulausgangsschrift anlässlich ihres Jubiläums jüngst gar eine eigene Ausstellung in der Stadtbibliothek gewidmet. Für Michael Ritter ist die Erfolgsgeschichte der DDR-Schrift nachvollziehbar: „Es ist selbst aus heutiger Sicht eine sehr gut gemachte Schriftvariante“, sagt er. Auch im Vergleich zur „vereinfachten Ausgangsschrift“, die in den 70er Jahren in Westdeutschland entwickelt wurde, sei die DDR-Schrift leichter zu erlernen und flüssiger zu schrei-ben. Im Lehrplan des Landes Sachsen-Anhalt ist sie dann auch fest verankert: Bis zum Ende des zweiten Schuljahres erlernen Schüler die Schulausgangsschrift, heißt es dort. Ein Abrücken von der Schrift stehe derzeit nicht zur Debatte, heißt es aus dem Bildungsministerium auf Nachfrage. Ungetrübt ist der 50. Geburtstag der 68er-Schreibschrift trotzdem nicht. Denn anders als zu DDR-Zeiten sieht der Lehrplan heute wieder vor, dass Schüler in den ersten beiden Schuljahren zusätzlich die Druckschrift erlernen müssen. Aus beiden Systemen soll danach bis zum Ende des vierten Schuljahres eine persönliche Handschrift entstehen.

Kaum Erwachsene mit richtiger Schreibschrift

Ob es wirklich nötig ist dafür, zwei Systeme zu erlernen, ist umstritten, sagt Michael Ritter. Denn spätestens in der weiterführenden Schule würden Kinder ohnehin eine eigene Handschrift entwickeln. Und: Kaum ein Erwachsener verwende heute noch eine voll verbundene Schreibschrift. Das hängt vor allem mit dem Wandel der Schreibgeräte zusammen, so der Experte. Während die noch bis ins 20. Jahrhundert gängigen Federhalter auf einen durchgängigen Tintenfluss – ohne Absetzen – angewiesen waren, könne man mit modernen Füllern oder Kulis auch mehrfach im Wort absetzen. Das führt zu veränderten Handschriften. Die meisten Schreibenden setzen heute etwa alle vier Buchstaben ab. Das ist nicht allzu weit entfernt von einer verkappten Druckschrift.

100. Geburtstag ist unsicher

Alternativen zur Schulausgangsschrift gibt es dann auch bereits: Etwa die im Auftrag des Grundschulverbands entwickelte Grundschrift (siehe Grafik), die eng an die Druckschrift angelehnt ist. Thekla Mayerhofer, Vorsitzende des Grundschulverbands im Land, würde es begrüßen, wenn die Grundschrift den Vorzug vor der Schulausgangsschrift bekäme, um das doppelte Schreibenlernen überflüssig zu machen. „Es ist doch künstlich, wenn Schule sagt, das ist die Schreibschrift, die ihr lernen müsst“, sagt sie. Aus eigener Erfahrung als Lehrerin weiß Mayerhofer zudem: Besonders Schüler, die sich beim Schreibenlernen schwer tun, profitieren vom Schrifterwerb allein mit der Grundschrift.

Muss man sich also Sorgen darüber machen, ob die DDR-Schulausgangsschrift auch ihren 100. Geburtstag noch erlebt? Möglicherweise. Länder wie die Schweiz haben mit dem Ersatz ihrer Schulschreibschriften durch Varianten, die der Grundschrift ähneln, gute Erfahrungen gemacht, sagt Experte Ritter. Die Zukunft der Schreibschrift insgesamt sieht er dabei aber nicht bedroht. Sie wird im Alltag und vor allem für das Schreibenlernen gebraucht, sagt er. „Daran ändert auch das Tippen auf Smartphones oder Computern nichts.“