Magdeburg l In mehr als einem Drittel der Beschäftigungsverhältnisse in Sachsen-Anhalt (37,51 Prozent) wurde 2018 ein Stundenlohn von weniger als 12 Euro brutto gezahlt. Das geht aus aktuellen Zahlen der sogenannten Verdienststrukturerhebung hervor. Sie wird alle vier Jahre vom Statistischen Bundesamt erhoben.

Rund 321 000 Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt waren demnach betroffen. Einen höheren Anteil von Niedrigverdienern hatte nur Mecklenburg-Vorpommern. Dort lag er bei 38,01 Prozent.

Wirtschaftsexperte kritisiert steigenden Mind

Dietmar Bartsch, Linke-Co-Fraktionschef im Bundestag, sieht Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in der Pflicht: „Wir brauchen noch in dieser Legislaturperiode einen Mindestlohn von 12 Euro“, sagte er. Das aktuelle Niveau sei ein Armutslohn und Steuergeldverschwendung.

Für Aufstockerleistungen bei zu geringen Löhnen etwa gebe der Staat jährlich rund zehn Milliarden Euro aus. „Viele Ausgaben wären überflüssig, hätten wir nicht einen riesigen Niedriglohnsektor“, so Bartsch.

Eva von Angern, Linke-Fraktionsvize im Landtag, ergänzte: „Sachsen-Anhalt kann und muss mehr tun. Auf Landesebene könne etwa ein Mindestlohn bei der Vergabe öffentlicher Aufträge ein wirksames Instrument sein.

12 Euro als Zielmarke

Der 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn soll eine zu geringe Bezahlung eigentlich verhindern. Aktuell liegt er bundesweit bei 9,35 Euro. Arbeitnehmerverbände peilen für ein auskömmliches Einkommen allerdings seit Längerem die Zielmarke von 12 Euro an.

Eine unabhängige Kommission legt der Politik regelmäßig Empfehlungen zur Anpassung des Mindestlohns vor. Erst Ende Juni hatte sie neue Vorschläge für eine gestaffelte, wegen der Pandemie aber nur langsame Anhebung unterbreitet. Folgt die Politik dem, steigt der Mindestlohn Anfang 2021 zunächst auf 9,50 Euro, bis 1. Juli 2022 dann schrittweise auf 10,45 Euro.

Ökonomen sehen schon das kritisch. Der frühere Chef der Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt sagte Journalisten zuletzt: „Die Folgen der Corona-Pandemie stellten den Arbeitsmarkt vor große Herausforderungen, nicht zuletzt, weil sie die Existenz vieler Unternehmen gefährden.“

Arbeit nicht verteuern

In dieser Situation empfehle es sich, gering ausgebildeten Arbeitnehmern nicht noch zusätzlich die Chance auf Beschäftigung zu nehmen, indem man ihre Arbeit drastisch verteuert.

Auch jenseits des Niedriglohnsektors zählt Sachsen-Anhalt weiter zu den Schlusslichtern. 2018 lag das verfügbare Brutto-Einkommen pro Jahr und Kopf nach Angaben des Statistischen Landesamts bei 19.528 Euro. Weniger verdienten die Menschen nur in Mecklenburg-Vorpommern (19.470 Euro). Allerdings holt das Land auf. So stieg das Durchschnitts-Brutto-Einkommen seit 2008 um 28,5 Prozent – stärker als in westdeutschen Ländern.

Nach oben zeigt der Trend auch in der obersten Einkommensgruppe. Die Zahl der Einkommensmillionäre nahm zwischen 2015 und 2016 (aktuellste verfügbare Zahlen) laut Statistischem Landesamt auf 117 zu – ein Plus von 27,2 Prozent.