Volksstimme: Immer wieder wurde im Verlauf der Jahrhunderte Guerickes Grabstätte außerhalb der Johanniskirche lokalisiert – in St. Sebastian, in der Ulrichskirche, in der Nikolaikirche zu Magdeburg. Was sagt Ihre Gesellschaft dazu?
Mathias Tullner: Unsere Forschung geht schon seit vielen Jahren davon aus, dass der berühmte Otto von Guericke (1602-1686) in der Johanniskirche bestattet wurde und seine Gebeine in der Alemann/Guericke-Gruft bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts verblieben.

Es hieß immer, Guericke sei in Hamburg bestattet worden.
Ja, lange Zeit wurde ja auch vermutet, dass der Bürgermeister, Wissenschaftler und Erfinder in der Hamburger Nikolaikirche und dann auf dem dortigen Friedhof Ottensen bei Altona seine letzte Ruhe gefunden hatte. Grabungen an relevanten Stellen in Hamburg waren schon vor 1936 ergebnislos geblieben.

Seine Gebeine wurden bislang nirgendwo gefunden. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass sie in der Johanniskirche sind?
Guericke hatte 1626 in die Patrizierfamilie Alemann eingeheiratet. Die Alemannsche Gruft in der Johanniskirche wechselte nachweisbar im Jahr 1658 den Besitzer. Sie wurde Erbbegräbnisstätte auch der Guerickes. Hier wurden auch seine Ehefrau aus der Alemann-Linie und mehrere Mitglieder des Familienclans begraben, es gibt Unterlagen über das Begräbnis nach Ankunft des Leichnams Otto von Guerickes in der Johanniskirche. Im Kirchenbuch der Johanniskirche steht der Eintrag unter dem 2./12. Juli 1686: „Begräbnis des Bürgermeisters Otto von Guericke“. Des Weiteren fand 1890 ein Arbeiter bei Bauarbeiten im Boden den Schriftzug „Otto von Guericke“, der 1978 durch den Magdeburger Heimatforscher Werner Prignitz (1896–1979) als „Grabplatte Otto von Guerickes“ wiederentdeckt wurde, um nur einiges zu nennen.

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Doch ohne die Gebeine des Toten und einen exakten Nachweis wäre eine offizielle Grabstätte eher ein Schwindelpaket, meint vielleicht die Stadt ...
Wir sind uns – inzwischen durch Akten belegt – sicher, dass die sterblichen Überreste Guerickes noch existieren und man sie bei entsprechender Suche auch finden würde.

In der Vergangenheit wurde die kriegszerstörte und nun wiederaufgebaute Johanniskirche genauestens inspiziert. Wo soll man denn dort noch nach Guerickes Gebeinen suchen?
Nicht in der Johanniskirche, sondern in Halle, im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Dort liegen zahlreiche bei Ausgrabungen in den 1990er Jahren gefundene Skelette. Damals wurde ein Knochenhort u. a. an den Außenwänden der Johanniskirche geborgen.

Das ist ein ganz neuer und seit der Editha-„Affäre“ brandheißer Aspekt.
Eigentlich gar nicht neu. Dieser Spur bei der Suche nach Guerickes Gebeinen geht die Gesellschaft schon seit gut 20 Jahren nach. Zuletzt hatte sich der auch auf DNA-Analyse spezialisierte und bundesweit anerkannte Rechtsmediziner Professor Dieter Krause (1939–2008), seit 2001 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Abstammungsbegutachtung e. V., in unserem Auftrag damit beschäftigt. Er hatte sich in Halle die an der Johanniskirche geborgenen Gebeine angeschaut, bereits erste Sondierungen vorgenommen.

Aber wieso kamen die mutmaßlichen Gebeine Guerickes aus der Erbbegräbnisstätte und nach Halle?
Das hat folgende Bewandtnis. 1890 wurde in der Johanniskirche in den Grüften der Nordseite eine Heißluftheizung eingebaut. In diesem Zusammenhang wurden die Grabgewölbe beräumt. Die Alemann/Guericke-Gruft wurde zur Kohlenlagerstätte umfunktioniert.

Gibt es einen Beweis?
Ja, ein Beweis sind Bauzeichnungen und ein vorliegender Brief des Deutschamerikaners mit dem Namen Dick aus Chicago, der 1909 beim Magdeburger Magistrat eingegangen war. Der Mann, der von der Suche nach dem Grab erfahren hatte, berichtete, dass er als Arbeiter einer Baufirma 1890 am Einbau einer Heißluftheizung in der Johanniskirche beteiligt gewesen sei und „er mit noch einem Kollegen die in den Gewölben liegenden Leichenteile herausgenommen“ habe. Als er am nächsten Tag die Gewölbe von den Sargüberresten reinigte, fand er „auf dem mit großen Ziegelsteinen gepflasterten Grund einen etwa 8 bis 10 Zentimeter großen eingelegten Sandstein mit dem Namen Otto von Guericke“.

Was ist dann geschehen?
Die aus den Gewölben entfernten Gebeine wurden üblicherweise unter dem Boden der Gruft oder in ihrer Nähe an den Außenwänden umgebettet und wiederbestattet. Hier wurden bei den Grabungen in den 1990er Jahren Knochenhorte gefunden. Die Gebeine und Einzelknochen wurden nach Halle gebracht, wo sie seitdem lagern. Ein normaler Vorgang, um auf die angesprochene sogenannte Editha-Affäre zu kommen. In Halle ist seit 1900 die verantwortliche Behörde für denkmalpflegerische Aufgaben für das Land Anhalt etabliert. In diesem Knochenhort aus Magdeburg werden sich, so vermuten wir stark, die Gebeine des großen Otto von Guericke befinden. Aber eine Auswertung steht bis heute aus.

Vorausgesetzt, die Skelette lagern noch immer in Halle – wie will man Guerickes Gebeine herausfinden?
Indem das getan werden müsste, was damals Prof. Krause wegen der nicht unbeträchtlichen Anzahl der Fundstücke als zwar enorme und langwierige, aber zu bewältigende Aufgabe empfohlen hatte – nämlich eine DNA-Analyse vorzunehmen. Die Skelette sind dort unseren gesicherten Informationen zufolge vorhanden.

Leider wurde nach dem Tod von Prof. Krause diese Spur erst einmal nicht weiterverfolgt. Inzwischen wissen wir jedoch durch den Stiftungsvorsitzenden unserer Gesellschaft, Manfred Tröger, von der Existenz der ungestörten Grabstätte der Enkelin unseres Otto von Guericke, Johanna Hedwig (1666–1743), in der Ortskirche von Krüssau bei Genthin. Dort bekommen wir Unterstützung, und die Stiftung ist auch weiterhin bereit, an der Öffnung der Gruft mitzuwirken. Ein direkter DNA-Abgleich wäre somit möglich.

Das kostet Geld, und ein Risiko ist sicher auch dabei.
Ich bin mit über 50-prozentiger Sicherheit überzeugt, dass sich im Landesamt in Halle die Gebeine Otto von Guerickes befinden. Aber ja, Forschung ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Es zu scheuen, würde aber Stillstand bedeuten. Die Suche und die DNA-Abgleiche kosten Geld; die Stadt müsste im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung mit ins Boot kommen, weil es die Otto-von-Guericke-Gesellschaft allein nicht leisten könnte. Vielleicht wäre auch Landesförderung angebracht.

Was würde das alles bringen?
Es geht hier um den wohl berühmtesten Sohn Magdeburgs. Er genießt als früher und schon von Zeitgenossen anerkannter bedeutender Vakuumforscher, als „Galileo oder Archimedes Deutschlands“ und als Urheber des Halbkugelversuchs deutschlandweit und international hohe Popularität, was wir auf unseren Reisen mit dem Versuch als Ehrenbotschafter der Landeshauptstadt Magdeburg auf nahezu allen Kontinenten spüren. In Magdeburg selbst sind der „Erfinder der Luftpumpe“, sein Name und sein Wirken verbunden mit stolzer Tradition und Heimatgefühl. Dazu kommt sein 50-jähriges Wirken für seine Vaterstadt Magdeburg als vielseitiger Ratsherr und bedeutender Bürgermeister von 1646 bis 1676 und als anerkannter Diplomat seiner Vaterstadt von 1642 bis 1663. Das schafft Bürger-Identität zur Stadt.