Magdeburg l 15. Dezember 2014. „Hier ist ein Tumor“, sagt der Arzt bei einer Routineuntersuchung. Es ist Stille im Raum des Magdeburger Uniklinikums. Rune L. Green sieht nur das traurige Gesicht ihrer Mutter, danach verschwimmt der Tag im Nebel. Das Wort Krebs steht erstmals im Raum. Mit gerade einmal 20 Jahren. Auf diesem Moment fußt der Podcast „Krebsgeflüster", den sie unter dem Künstlernamen Rune L. Green produziert, zur Sprache bringt. In 22 Folgen interviewt sie junge Krebskranke. Die Geschichten sind traurig, berührend, zermürbend – und zugleich unverhofft lebensbejahend.

Vor dem Diagnosetag war Rune L. Green eine ganz normales junge Frau, die ins Berufsleben startete. Quirlig, aufgeweckt, neugierig – so kannte man den blonden Lockenkopf. Sie hatte ein Studium in Kulturwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität begonnen. Zuvor hat sie einige Monate am Theater in Magdeburg im Bereich Theaterpädagogik tätig, lebte ihre kreative Seite aus. „Doch ich merkte, dass etwas mit mir nicht stimmte“, sagt die heute 24-Jährige rückblickend.

Neues Leben beginnt

13. März 2015. Freitag, der 13. Ein neues Leben beginnt – in zweierlei Hinsicht. Der Tumor wird entfernt. Heute zeugt eine Narbe, die sich vom Ohr bis in den Halsbereich zieht, von Rune L. Greens zweitem Geburtstag. Doch der Befund zeigt, was die junge Magdeburgerin befürchtet hatte: Sie hat Krebs. Ohrspeicheldrüsenkrebs, eine extrem seltene Krebsform. Das sogenannte Parotiskarzinom betrifft die größte Speicheldrüse des Menschen. Bei jungen Menschen kommt diese Krebsform ex-trem selten vor.

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Bis heute hallen die Worte des Arztes in ihrem Gedächtnis nach. Bei einer Operation sollte der Tumor, der sich direkt hinter dem Ohr befand, entfernt werden. 45 Minuten waren für die Operation angesetzt. Es wurden mehrere Stunden daraus. Der Tumor war bereits mit dem Gesichtsnerv verbunden. Hätte dieser entfernt werden müssen, wäre die junge Frau im Gesicht halbseitig gelähmt gewesen. Doch die Ärzte entschieden sich für die kompliziertere Variante, trennten den Tumor aufwendig vom Gesichtsnerv ab. Deswegen kann Rune L. Green heute mit ihrem breiten Lachen anstecken.

Geschichten, die der Krebs schreibt

Die Seltenheit des Tumors bringt mit sich, dass die junge Magdeburgerin keine Chemotherapie und keine Bestrahlung über sich ergehen lassen muss. Sie wird medikamentös behandelt. Auch diese Form der Behandlung setzt dem Körper schwer zu. Ein Jahr lang kämpft sie mit den Folgen der Operation. Herzrasen und Schlafentzug bestimmen ihren Alltag. „Der Tumor war raus, aber es wurde einfach nicht besser“, denkt Rune L. Green zurück.

In dieser nachdenklichen Zeit wird sie auf die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs aufmerksam. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erforschung von Krebs bei jungen Erwachsenen fördern und dazu beitragen, deren Lebensqualität und Zukunftsperspektiven zu verbessern. Rune L. Green tritt der Facbeook-Gruppe bei und lernt dorte andere junge Krebskranke kennen. Sie teilt ihre Geschichte mit den anderen, sie findet ihre „Krebsmädels“, Gleichgesinnte und Leidende. „Der Krebs hat mir tolle Menschen gebracht“, sagt sie heute. Viele Schicksale der jungen Erwachsenen seien unheimlich traurig – und gleichzeitig lebensbejahend.

Diese Geschichten müssen nach außen getragen werden, dachte sich Rune L. Green. Aber wie? Schreiben oder Sprechen? Blog oder Podcast? Sie entscheidet sich für letzteres – das nötige Equipment, ein Mikrofon und Kopfhörer, hatte sie bereits Zuhause. „Ich dachte mir: Eigentlich könnte ich es versuchen. Am nächsten Tag habe ich es in die Tat umgesetzt“, sagt Rune L. Green.

"Krebsgeflüster" im Podcast

Unter ihrem Künstlernamen, den sie aufgrund eines melodischen Geburtsnamens gar nicht nötig hätte, erstellt sie einen Podcast. „Krebsgeflüster“ soll er heißen, das wurde ihr von ihren den jungen Krebserkrankten der Stiftung vorgeschlagen. Die Folgen sind im Internet abrufbar. Und so sprechen sie, die jungen Krebskranken und die Magdeburgerin, über ihre lauten und leisen Momente nach der Diagnose. Dabei sitzt der Gesprächspartner nicht persönlich neben Rune L. Green, sondern die Podcast-Teilnehmer sind per Mikrofon zugeschaltet. Im Plauderton spricht die Magdeburgerin so mit jungen Erkrankten in ganz Deutschland und stellt ihnen die Fragen, die ihr selbst auf der Seele brennen. Was dachten sie am Tag der Diagnose? Was hat sich in ihrem Leben seither verändert?

„Ich möchte mit dem Podcast eine Plattform für junge Menschen schaffen“, sagt Rune L. Green. „Ich möchte zeigen, dass es uns gibt und dass wir entscheiden, wie wir das Leben sehen wollen und wie wir damit umgehen.“ Das Besondere: Für keinen der Interviewten wurde das Leben mit der Erkrankung schlechter – eher im Gegenteil. In der ersten Folgen spricht sie zum Beispiel mit Andrea Voß, die mit 38 Jahren die Schockdiagnose erhielt. Sie hat den Krebs zwei Mal besiegt und den Verein „Wir können Helden sein“ gründete. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Betroffenen Konzertbesuche und Treffen mit Stars zu verschaffen.

Alltag im Video dokumentiert

Oder Benni Wollmershäuser, der seit 2010 chronisch krebskrank ist und der in seinem erfolgreichen Facebook-Blog „Cancelling Cancer – Kein Weg zu weit“ von seinem täglichen Leben mit der Krebserkrankung schreibt. Oder Abby Amethyst, die ihre Diagnose mit gerade einmal 17 Jahren bekam. Sie dokumentierte ihre Erkrankung in Videos und betreibt einen Youtube-Kanal, den sie selbst als „Eigentherapie“ beschreibt. Durchschnittlich eine Stunde spricht Rune L. Green mit ihren Gesprächspartnern, die sie in zwei Podcast-Folgen teilt. Etwa 500 Abonnenten hören den Podcast regelmäßig.

Auch für Rune L. Green gab es eine Zeit, in der sie endlich Kraft schöpfen und das Leben wieder positiv konnte. Nach einem Jahr des Kampfes fuhr sie an die Ostsee zur Reha. Für sie die „schönste Zeit ihres Lebens“, wie sie es sagt. In diesen fünf Wochen fand sie zu sich, der kreative Kopf konnte wieder arbeiten. Doch nicht nur die Podcast-Idee rumorte,sie fand auch eine andere Art, ihre Erfahrungen zu teilen: Das Schreiben.

Sie wollte eine authentische Geschichte aufschreiben. „Lieder von Morgen“ ist der Titel des Buches, das am 3. Dezember im Drachenmond Verlag erscheint. In dem Verlag, wo auch dioe Veröffentlichung einer Fantasy-Trilogie der jungen Autorin in Planung ist. In ihrem jüngsten Buch trifft eine junge Krebskranke, die um ihr Leben kämpft, auf einen jungen Gesunden, der das Leben bereits aufgegeben hat. „Ich wollte ein Buch haben, das aus dem Leben spricht“, sagt Green und fügt an: „Falls mal etwas schief geht“.

Und genau dieser Satz prägt ihr Leben. Krebs, der unsichtbare Feind, ist immer da. „Wenn der Krebs zurückkommt, ist es eben so“, sagt Green. Sie möchte jedenfalls nicht traurig und eigentlich jeden Tag glücklich sein. „Wenn man zurückblickt, wird man nicht daran denken, ob man morgens das Geschirr abgewaschen hat, sondern ob man glücklich war“, ist sie der festen Überzeugung. Rune L. Green hat ein Fernstudium für Literatur und Philosophie begonnen und möchte ihre kreative Selbständigkeit weiter ausbauen. In Magdeburg wird sie im Dezember erstmals einen Stammtisch für junge Krebserkrankte leiten.

Oft denkt sie an die Worte einer älteren Erkrankten. „Krebs ist in jedem Alter scheiße“, sagte sie zu ihr. Das stimmt. Aber Rune L. Green hat ihr Leben noch vor sich. Sie möchte reisen, leben, lachen. Und am Ende jeden Tages steht, wie die Magdeburgerin es auch im Vorspann ihres Podcasts sagt, immer eines: Die Liebe zum Leben.

Auf ihrer Webseite von Rune L. Grenn finden Interessenten auch den Link zum Krebs-Podcast: www.runelgreen.com