Sachsen-Anhalt plant neue Überflutungsflächen, doch die sind nach Ansicht vieler Fachleute viel zu klein

Probleme nach der Flut: Fluss sucht Land

Von Jens Schmidt

Magdeburg. Nach der erneuten Extremflut binnen weniger Jahre rufen alle nach mehr Platz für die Flüsse. Die Regierung verweist auf Pläne für neue Überflutungsflächen. Doch Fachleute sagen schon jetzt: Die sind viel zu klein und werden wenig nützen.

Die Wassermassen waren gigantisch, der Druck auf die Deiche enorm: Im August 2002 rauschten in Barby vor den Toren Magdeburgs in jeder Sekunde 4300 Kubikmeter Wasser die Elbe runter. Das ist das Volumen von sieben Einfamilienhäusern. In jeder Sekunde. Die Flut wurde Jahrhundertflut getauft. Das war verfrüht. Am 9. Juni 2013 donnerten in jeder Sekunde 5900 Kubikmeter Wasser die Elbe runter. Dieses Mal waren es fast zehn Einfamilienhäuser je Sekunde. Und zehnmal mehr Wasser als zu normalen Zeiten. Bilanz: Rekordpegel und nahezu drei Milliarden Euro Schäden allein in Sachsen-Anhalt.

Politikern aller Couleur dämmert es, dass man mit noch höheren Deichen dagegen nicht ankommt. Die Alternative heißt: Den Flüssen mehr Platz geben, mehr Flutflächen schaffen. Doch Fachleute wissen: Das derzeit Geplante reicht hinten und vorne nicht. Auch einige Politiker hegen ernste Zweifel.

Beispiel Lödderitzer Forst. Dort, bei Aken, ist eine Flutfläche von 600 Hektar im Aufbau. Sechs Quadratkilometer - das klingt größer als es ist. "Damit können wir lokal den Scheitel um etwa 28 Zentimeter senken", sagt Burkhard Henning. Chef vom Landebetrieb für Hochwasserschutz. Lokal. Das heißt: Davon spürt man noch etwas in Barby, schon in Magdeburg oder gar weiter flussabwärts in der Altmark geht die Wirkung gegen Null.

19 solcher Überflutungsflächen hat Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) derzeit auf seinem Plan. Die Fläche ist ingesamt gut 26 Quadratkilometer groß. Diese zusammenzukriegen war angesichts der oft quälend langen Auseinandersetzungen mit Grundeigentümern schwer genug, klagt er. "Doch das ist alles recht wenig", meint Professor Frido Reinstorf von der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Der Hydrologe klärt die Dimension mit einem historischen Vergleich. In früheren Jahrhunderten hatte die Elbe allein auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts 2500 Quadratkilometer Platz, um sich in Flutzeiten auzubreiten. Eine Studie des Bundes ergab 2001, dass man heute dem Fluss etwa 100 Quadratkilometer Fläche wieder zurückgeben könnte. Geplant ist nun nicht einmal ein Drittel davon - realisiert noch viel, viel weniger. "Das sind alles Pfützen", meint Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Friedrich Koop, Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Magdeburg, sagt: "Wir müssen die Sache neu durchdenken." Das Konzipierte reiche gerade mal, die Deiche etwa zwölf Stunden zu entlasten. "Wir bräuchten aber wohl eher ein bis zwei Tage."

Wie viel Platz sich Flüsse nehmen, hat die Natur auf brutale Weise gezeigt: Am 9. Juni brach bei Groß Rosenburg ein Saaledeich. Das Wasser breitete sich auf 80 Quadratkilometern aus; das ist fast dreimal mehr als das Land insgesamt an Überflutungsarealen plant. Die Elbe nahm sich nach dem Wallbruch bei Fischbeck noch mehr Platz: 150 Quadratkilometer groß war der neue See. Für die Abgesoffenen war es verheerend, doch stromabwärts ging die Flut schneller zurück als vorhergesagt.

Das Land bräuchte zwei, drei Riesen-Wannen

Neue Flutflächen allein bringen nach Überzeugung der Wasserbauer nicht den großen Effekt. Um eine Flutwelle wirkungsvoll zu kappen, bräuchte man Polder. Wo ist der Unterschied? Bei den Überflutungsflächen wird lediglich der Deich ein Stück ins Landesinnere verlegt - so dass der Fluss sich mehr ausbreiten kann. Die größer gewordene Flussaue kann nicht mehr genutzt werden, da selbst bei kleineren Hochwassern die Flächen nass werden.

Beim Polder hingegen wird eine Art Wanne gebaut. Eine möglichst große Fläche am Fluss wird mit Deichen eingerahmt; angrenzende Gemeinden werden geschützt. Das Gelände innerhalb der Deiche kann in Normalzeiten landwirtschaftlich weiter genutzt werden. Erst, wenn eine extreme Flutwelle heranrollt, wird das Gelände geflutet. So kann punktgenau in der heißen Phase der Flut Wasser aus dem Fluss genommen werden.

Doch auch für Polder bräuchte man viel Platz. Würde man einen Quadratkilometer Fläche einen Meter hoch fluten, wäre die schon nach etwa einer Stunde voll. Man bräuchte also zwei, drei Riesenwannen in Sachsen-Anhalt, um Städte und Regionen ein oder gar zwei Tage spürbar zu entlasten. "Auch Großprojekte sind wichtig und wir dürfen sie nicht auf die lange Bank schieben", meint Landtagsabgeordneter Dietmar Weihrich von den Grünen.

Wäre das machbar? "Wenn die Gesellschaft das will - ja", sagt Henning. "Aber planen Sie mal mindestens 100 Millionen Euro ein." Je Polder, versteht sich.

Am Freitag will der Landtag über Konsequenzen aus der Flut debattieren.