Magdeburg l Es ist Tradition, dass sich Mathelehrer aus Magdeburg einen Tag nach dem schriftlichen Abitur zur Auswertung der Prüfung mit ihrer Mathe-Fachbetreuerin treffen. 2018 allerdings ging es bei der Zusammenkunft ungewohnt kritisch zu. Grund: Das von einer zentralen Kommission für ganz Sachsen-Anhalt erstellte Matheabitur auf erhöhtem Niveau (früher Leistungskurs) war aus Sicht vieler Kollegen viel zu schwer.

„Entweder waren die Aufgaben handwerklich derart schlecht gestellt, dass man sie nicht lösen konnte oder sie waren gar nicht Bestandteil des Lehrplans“, sagt der Leiter eines Magdeburger Gymnasiums, der ungenannt bleiben will. Insgesamt sei der höchste Anforderungsbereich (das Bearbeiten komplexer Probleme) deutlich überrepräsentiert gewesen.

Sogenannte Vertrauensintervalle

Beispiel: In einer Aufgabe sollten die Abiturienten sogenannte Vertrauensintervalle bestimmen. „Der Inhalt aber ist so im Unterricht gar nicht vorgesehen“, sagt der Lehrer. Andere Aufgaben seien ähnlich gelagert gewesen. Die Folge: Selbst die Besten hätten bei optimaler Vorbereitung nur 89 von 100 zu vergebenden Klausur-Punkten erreichen können.

Ärgerlich sei das vor allem für Schüler, die sich für einen nach Notenschnitt vergebenen Studienplatz wie Medizin bewerben wollen und nun vielleicht leer ausgehen könnten.

Dienstrechtliche Gründe

Andere Lehrerkollegen – auch sie wollen aus dienstrechtlichen Gründen ungenannt bleiben – bestätigen die Darstellung. „Bei einer Aufgabe mussten wir selbst überlegen, was wollen die eigentlich“, sagt ein Kollege aus dem Harz. In 20 Jahren Abitur habe er so etwas nicht erlebt. Ein weiterer Schulleiter beklagt ebenfalls ein viel zu hohes Anforderungsniveau.

Verärgert sind die Lehrer auch, weil sie sich durch die sogenannten Bewertungshinweise des Landes in ihrer Freiheit eingeschränkt sehen, den tatsächlich erteilten Unterricht bei der Benotung zu berücksichtigen. Im Papier steht zwar einerseits sinngemäß: Lehrer können auf Grundlage der tatsächlich unterrichteten Inhalte ein eigenes Erwartungsbild für die Abitur-Klausur erstellen. Weiter unten heißt es jedoch: Die Punkteverteilung pro Aufgabe hat nach zentralen Vorgaben zu erfolgen.

Keine Ansatzpunkte

Bildungsministerium-Sprecher Stefan Thurmann sagt: „Die vorliegenden Behauptungen sind auf dem Dienstweg so bisher nicht vorgetragen worden. Derzeit gibt es keine Ansatzpunkte, Aufgabenstellungen infrage zu stellen.“ Die Behörde verweist zudem auf einen Philosophiewechsel bei Unterricht und Prüfungen: Um das Abitur bundesweit vergleichbarer zu machen, gibt es Lehrpläne mit exakt festgelegten Inhalten nicht mehr. An ihre Stelle sind Rahmenpläne getreten. Sie legen überblicksartig fest, welche Kompetenzen Schüler am Ende ihrer Schulzeit besitzen sollen.

Schulamt räumt Problem ein

Die Aufgaben im Abitur bauen auf diese Kompetenzorientierung auf. Es handelt sich um länderübergreifend erarbeitete und genutzte Aufgaben unter Beteiligung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), betont die Behörde. Das IQB ist ein eigens gegründetes An-Institut der Berliner Humboldt-Universität. Eine zentrale Kommission, die weitgehend geheim arbeitet, stellt die Aufgaben in Sachsen-Anhalt zusammen und passt sie an. Das Gremium bestehe aus erfahrenen Experten, darunter Wissenschaftler, so das Ministerium. Um Fehler zu vermeiden gebe es eine ständige Rückkopplung zwischen IQB, dem Land und den Schulen.

Zum zweiten Mal läuft das Mathe-Abi in Sachsen-Anhalt auf diese Weise ab. Die Vorbereitungen seien umfangreich gewesen, so die Behörde. Die Vorgaben seien allen Lehrern bekannt. Auch Kritik an den Bewertungshinweisen lässt das Ministerium nicht gelten: Zwar sei die Punkteverteilung verbindlich geregelt. Dennoch könne der erteilte Unterricht berücksichtigt werden.

Aufgabenniveau und Bewertungskriterien

Dass es beim Mathe-Abi Unstimmigkeiten gibt, belegt unterdessen eine E-Mail des Landesschulamts. Darin konfrontiert ein Magdeburger Mathe-Oberstufenlehrer eine Mitarbeiterin mit der Kritik an Aufgabenniveau und Bewertungskriterien. „Das Problem ist bekannt. Leider sehe ich im Augenblick keine Lösung“, räumt die Mitarbeiterin ein.

Für den Kollegen aus dem Harz ist das Mathe-Abi auch ohne die Auskunft anfechtbar: „Ich würde meinen Schülern empfehlen, Rechtsmittel einzulegen“, sagt er. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Abitur wegen der Aufgabenstellung infrage gestellt wird. Brandenburg bot 2017 6000 Abiturienten an, die Matheprüfung zu wiederholen. Grund: Eine Prüfungsaufgabe enthielt Stoff, der in zahlreichen Schulen nicht behandelt wurde.

Der Kommentar zum Thema von Alexander Walter.