Flughafen Cochstedt

Salzlandkreis: Drohnenzentrum in Sachsen-Anhalt eröffnet

Das neue Drohnenzentrum auf dem Gelände des Flughafens Cochstedt ist nun offiziell eröffnet. Die Erwartungen sind groß. Doch es gibt Verzögerungen.

Von Johannes Vetter

Cochstedt. Wolfgang Weißbart kann niemand sein, der Investitionspläne am Flughafen naiv mit Vorschusslorbeeren überschüttet. Zu oft hat Cochstedts Ortsbürgermeister schon miterlebt, wie aufgeblasene Träume am Airport zerplatzen. Mit Rückziehern. Mit Insolvenzen.

Deswegen hat es Gewicht, wenn Weißbart nun sagt, er glaube nicht an eine erneute Luftnummer. Und tatsächlich werden am Flughafen neue Fakten geschaffen.

Am 31. März 2021 hat dort ganz offiziell das lange angekündigte Drohnen-Testzentrum. Ministerpräsident Reiner Haseloff bezeugte den Gründungsakt, wenn auch virtuell. Nach der wegen Corona abgesagte Eröffnungsfeier auf dem Flughafen-Gelände im Oktober sind alle am Bildschirm zusammenkommen.

Verschoben hat sich auch der Termin für die Wiederaufnahme des Flugbetriebs. Wegen Corona habe es Lieferengpässe gegeben, betont Jean Daniel Sülberg vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem zukünftigen Betreiber. Statt im Mai soll es nun erst am 1. August 2021 losgehen. Dann könnten auch wieder Geschäftsflieger dort landen. „Wir werden klein anfangen mit der allgemeinen Luftfahrt “, sagt Sülberg, der mit der Leitung des neuen Drohnenzentrums betraut ist. Kleine Maschinen bis etwa fünf Tonnen sollen vorerst auf dem Flughafen landen dürfen. „Das Hauptaugenmerk liegt auf der Forschung“, betonte Sülberg. Und dabei geht es vor allem um Drohnen.

Millionen-Investitionen bis ins Jahr 2025

Mit dem neuen Nationalen Erprobungszentrum für unbemannte Luftfahrtsysteme bündelt das DLR seine Forschungsaktivitäten zu Drohen in Cochstedt. Rund zehn Millionen Euro wird die Bundesforschungseinrichtung laut Sülberg bis Ende des Jahres 2021 in den Flughafen und das Drohnenzentrum investiert haben. Dabei wird es allerdings nicht bleiben. Für das Jahr 2022 sind weitere fünf Millionen geplant, bis zur Mitte des Jahrzehnts wird das DLR „mindestens 20 Millionen Euro“ in den Standort investiert haben, sagt Sülberg.

Bis zu 60 Mitarbeiter könnten dann dort beschäftigt sein. Aktuell ist die Zahl der Arbeitsplätze noch recht überschaubar. Das Drohnenzentrum beschäftigt derzeit 16 Menschen.

Getestet wird in Cochstedt bereits. Im vergangenen Herbst gab es Flugversuche mit einem neuen Drohnensystem. Die Wissenschaftler simulierten den Ausbruch eines Feuers mit Rauchbomben, mehrere Drohnen sollten darauf reagieren.

Geforscht wird in Cochstedt außerdem zu Drohnen für humanitäre Hilfseinsätze. In Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sowie dem Technischen Hilfswerk wollen DLR-Forscher etwa den Abwurf von Hilfsgütern mit Drohnen erproben. Im Herbst soll es dazu weitere Tests mit verschiedenen Hilfsorganisationen in Cochstedt geben. Die Forschung am Drohnenzentrum konzentriert sich den Ankündigungen nach auf den zivilen Bereich. Das Zentrum soll laut DLR eine Vorreiterrolle beim Ausbau von Drohnen-Technologien einnehmen.

Aufbau einer Modellstadt für Drohnenflüge geplant

Auch den Regulierungsfragen eines zukünftigen Drohnen-Luftverkehrs will sich das Zentrum widmen. Geplant ist dazu etwa der Aufbau einer Modellstadt in kleinem Maßstab. Mit dem Bau könnte es laut Sülberg zum Ende dieses Jahres losgehen.

Um der Drohnen-Forschung eine große Zukunft vorherzusagen, braucht es heute nicht mehr viel Fantasie. Autonom fliegende Lufttaxis und Drohnen für die Paketzustellung werden schon seit längerem getestet. Im Elektrofachhandel gibt es Drohnen für den Freizeitflug. Ein Ortsbürgermeister könnte da schnell ins Schwärmen kommen, wenn in seinem Dorf das Zentrum der Bundesforschung zu diesem Zukunftsthema entstehen soll. Nicht aber in Cochstedt. „Die sollen nun erst einmal testen“, sagt Ortsbürgermeister Weißbart. „Ich wünsche mir, dass dort endlich Ruhe einkehrt“, betont er. Tatsächlich waren die vergangenen Jahrzehnte der Flughafengeschichte eher eine Achterbahnfahrt mit vielen Enttäuschungen. Los geht es mit den falschen Versprechungen schon in den 90er Jahren. Investoren aus den USA kündigen große Investitionen auf dem einstigen Militärflughafen an. Im Gespräch sind 740 Millionen D-Mark und 650 Arbeitsplätze. Zur Ausbildung sollen die ersten 30 Ingenieure nach Oklahoma fliegen, Englisch-Kurse sind geplant. Doch es wird nichts. Die Flughafengesellschaft gerät in finanzielle Schieflage, den Ankündigungen folgen keine Taten. Im August 2000 steht zwar ein neuer Tower, doch die US-Investoren haben sich zurückgezogen, zwei Jahre später ist der Airport pleite.

Allerdings leben die Träume vom Regionalflughafen weiter. Im Jahr 2010 kauft ein dänischer Investor den Flughafen für rund eine Millionen Euro, er investiert 6,5 Millionen Euro in den „Airport Magdeburg-Berlin International“. Ein Jahr später kommt die irische Billigfluglinie Ryanair, die erste Boing startet am 30. März 2011 nach Barcelona. Zwei Jahre später zieht sich Ryanair wieder zurück. Versuche, den Flughafen zum Cargo- und Logistikzentrum auszubauen, scheitern. Im Jahr 2016 ist der Flughafen mit seinen 50 Mitarbeitern insolvent. Der Traum vom Regionalflughafen zerplatzt im Luftraum zwischen Leipzig, Hannover und Berlin.

Promis könnten bald wieder in Cochstedt landen

Einst landeten der Schauspieler George Clooney und die Fußballstars des FC Bayern in Cochstedt. Das, so betont Sülberg, soll in Zukunft prinzipiell wieder möglich sein. Die Landebahn werde in den kommenden Wochen ausgebessert, der Tower sei bereits auf den neuesten Stand gebracht. Stufenweise will das DLR die Möglichkeiten für den Flugverkehr in den kommenden Jahren ausbauen. Ab 2023 sollen etwas größere Maschinen bis 14 Tonnen wieder landen dürfen. Nach Abstimmung mit Behörden könnte laut Sülberg jederzeit auch wieder eine große Boeing in Cochstedt aufsetzen.

Chronik des Flughafens Cochstedt

1957 errichtet das sowjetische Militär in Cochstedt eine Basis für die Luftwaffe, der Flughafen Cochstedt wird gegründet.

1998 träumen US-Amerikanische Investoren von einem Frachtflughafen und einer Produktion von Flugzeugteilen. 650 neue Arbeitsplätze werden versprochen. Ein Flop.

2002 geht der Airport zum ersten Mal pleite. Zuvor wurden 120 Millionen D-Mark in den Ausbau investiert, davon 90 Millionen öffentliche Gelder. Es gibt Gerichtsprozesse wegen Subventionsbetrugs.

2010 wird der Flughafen an einen dänischen Investor verkauft. Der investiert 6,5 Millionen Euro.

2011 starten die Flüge der irischen Billigfluggesellschaft Ryanair in Cochstedt, zwei Jahre später kündigt Ryanair an, den Flughafen nicht mehr anfliegen zu wollen.

2016 geht der Flughafen mit seinen 50 Mitarbeitern erneut pleite.

2019 erwirbt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) den Flughafen.