Niegripp l Niegripp ist ein Dorf am Wasser. Gleich zwei Seen begrenzen den Burger Ortsteil: Nach Osten hin erstreckt sich der Niegripper See, im Süden ist es der Mittelsee. Ufer genug für die rund 1000 Dorfbewohner. So scheint es.

Doch tatsächlich ist von den beiden ans Dorf grenzenden Seeufern nur ein rund 160 Meter langer Streifen öffentlich zugänglich. Die kilometerlangen Ufer des Mittelsees sind Privatgelände, der See ist eingezäunt. Am Niegripper See ist das Nordwestufer mit teils schmucken Villen zugebaut. Den Niegrippern bleibt dort nur ein kleiner Uferbereich mit Badeeinstieg, Volleyballfeld und Festplatz.

Das alles ist nichts Neues. Neu ist aber die öffentliche Kritik daran. Im Ort hat sich eine Bürgerinitiative formiert. Sie fordert mehr Seezugänge. Ihr Gründer, Ulrich Meier, brachte die Sache mit einem scharfen Leserbrief in der Volksstimme ins Rollen. „Wann werden auch die letzten Flurstücke am Wasser verscherbelt und der Allgemeinheit entzogen?“, fragt er darin.

Richtig ist, dass zumindest in jüngster Zeit in Niegripp kein öffentlich zugängliches Flurstück am Wasser verscherbelt wurde. Allerdings wird einigen Niegrippern durch einen neuen Bebauungsplan für den Mittelsee jetzt erst richtig bewusst, dass dort zwar viel passieren wird, aber kein öffentlicher Zugang zum See geplant ist. Eine Gesellschaft will dort 24 Wohnhäuser errichten, 16 davon sollen einen privaten Seezugang bekommen.

Petition für mehr Seezugang im Land geplant

Gekauft hat die Gesellschaft die Flächen dafür bereits im Jahr 2017. Verkauft hat damals die Norddeutsche Naturstein GmbH, die dort einst Kiessand abbaute. Die Kommune hatte ein Vorkaufsrecht, wollte aber nicht. Burgs Bürgermeister, Jörg Rehbaum (SPD), führt auf Nachfrage finanzielle Gründe an. Zudem verweist er auf die größere Badestelle auf der Burger Seite des Niegripper Sees, rund drei Kilometer vom Dorf entfernt. „Die Bürgerinitiative muss akzeptieren, dass der Mittelsee privat ist“, sagt Rehbaum.

Die Hoffnungen einiger Niegripper auf einen öffentlichen Zugang zum Mittelsee sind allerdings nicht unbegründet. Im Jahr 2018, als der Verkauf schon gelaufen war und die Stadträte über die Zukunftspläne für das Areal debattierten, versicherte Niegripps Ortsbürgermeister, Karl-Heinz Summa (SPD), alles für einen Zugang zum See zu tun. „Wir werden selbstverständlich darauf hinarbeiten und uns nicht die Butter vom Brot nehmen lassen“, sagte er damals.

Heute klingt das anders. Zwar sieht Summa Bedarf für ein Freizeitgelände am See in Ortsnähe, den Vorstoß der Bürgerinitiative hält er dennoch für unangebracht. Lieber solle die Stadt ein Gelände an einem der kleineren Seen südlich des Mittelsees erwerben, sagt Summa. Die Seen, die er meint, sind rund eineinhalb Kilometer vom Dorfzentrum entfernt. Auch sie sind Eigentum der Norddeutschen Naturstein GmbH. Auf Nachfrage teilt das Unternehmen mit, die Flächen dort stünden nicht zum Verkauf.

Der Mann, der mit einer Gesellschaft die neuen Seegrundstücke am Mittelsee schaffen will, ist in Niegripp kein Unbekannter. Christian Dettmering hat bereits ein Wohngebiet im Ort entwickelt, dazu gehören die Villen an der Nordwestseite des Niegripper Sees. Dass dort für das Dorf rund 160 Meter Seeufer zugänglich blieben, war damals Teil des Erschließungsvertrages.

Dettmering hat kein Verständnis dafür, dass es nun eine Debatte über einen öffentlichen Seezugang am Mittelsee gibt. Er macht auch Neid und Missgunst von Einzelnen dafür verantwortlich. Der Unternehmer wohnt am Niegripper See auf einer für die Öffentlichkeit abgesperrten Halbinsel. Das Seeufer auf der Halbinsel ist etwa zehnmal so lang wie das öffentlich zugängliche Ufer in Niegripp.

Beschlossen ist der Bebauungsplan für den Mittelsee noch nicht. Die Bürgerinitiative hat Unterschriften gesammelt, die Verwaltung muss nun auf ihre Einwände reagieren.

Ulrich Meier plant indes eine Petition auf Landesebene. Ähnliche Probleme wie in Niegripp gebe es auch andernorts, sagt er.

Mehr Zugänge an Seen in Schönebeck gefordert

Beispiel: Der Tiefe See im Schönebecker Ortsteil Pretzien. Bis in die 60er Jahre wurde dort Quarzitgestein abgebaut, danach entwickelte sich der Tiefe See wie auch die umliegenden Steinbruchseen zum Erholungsgebiet. Zu DDR-Zeiten wuchsen die Datschen um die Seen, es wurde unübersichtlich an den Ufern. Heute spricht der Pretziener Ortsbürgermeister, Frithjof Meussling (CDU), von einem „Kuddelmuddel“. Grundstücke seien ausgeweitet worden, öffentliche Wege beschnitten. Eigentums- und Pachtverhältnisse an den Seen sind vielfältig.

Die Ufer des Tiefen Sees gehören teils Privatleuten, teils dem Bund, der größte Anteil ist kommunales Eigentum. Trotzdem ist der See nur an wenigen Stellen öffentlich zugänglich. Ans Wasser kommt man von der Steinbruchsee-Straße über einen heruntergetretenen Zaun. Der Abstieg zum Wasser ist jedoch nicht ungefährlich. An anderer Stelle ist der See über das Gelände einer Tauchschule zu erreichen – wenn das Tor geöffnet ist. Wer im Sommer dort baden will, musste in der Vergangenheit zahlen.

Versuche, die Verhältnisse am Tiefen See zu ordnen und Seezugänge für die Öffentlichkeit zu schaffen, gab es schon. Und es gibt sie auch heute. Zur kommenden Schönebecker Stadtratssitzung liegt ein Antrag mehrerer Stadträte vor. Gefordert wird darin, Klarheit über die Wege im Naherholungsgebiet zu schaffen. Dazu verweist Antragsteller Thoralf Winkler von den Grünen auf eine Bestimmung im Landesrecht, wonach es untersagt ist, Seen in der Landschaft ohne Weiteres einzuzäunen, nur weil sie Privateigentum sind.

Ortsbürgermeister Meussling will den Antrag nicht ablehnen. Er befürchtet aber auch viel Unruhe an den Steinbruchseen, wenn rigoros vermessen und die Zugänge neu geregelt werden. Meussling betont außerdem, dass er kein Problem damit habe, wenn an Badestellen eine Gebühr verlangt werde. Schließlich müsse dort auch jemand den Müll entsorgen, sagt er.

Am Süplinger Canyon droht Müllgebüh

Mit eben diesem Müllproblem sieht sich Lutz Constabel im Haldensleber Ortsteil Süplingen konfrontiert. Constabel ist Eigentümer eines dortigen Steinbruchsees, der für einige zu den schönsten Seen der Region gehört. Im Sommer ist der vielen unter dem Namen Süplinger Canyon bekannte See teils gut besucht. Schilder verweisen allerdings auf das Privatgelände – und das Besucher ihren Müll wieder mitzunehmen haben. Doch eben das klappt nicht immer. Deswegen muss Constabel sich um die Müllentsorgung am See kümmern. Versuche, die Kommune bei der Lösung des Müllproblems mit einzubinden, scheiterten.

Constabel hat in der Vergangenheit betont, dass er Besucher an seinem Steinbruchsee begrüße. Nun denkt der Süplinger darüber nach, eine Müllgebühr einzuführen. Wie er das machen will, wer sie wann zahlen soll, das wisse er jetzt noch nicht, sagt der Seeeigentümer.