Sachsen-Anhalt will mehr impfen

Ein Impfschutz für einen großen Teil der Bevölkerung gilt als sicherste Möglichkeit, die Corona-Pandemie zurückzudrängen. Seit zwei Monaten wird geimpft und dabei immer wieder an den Details geschraubt. Was gilt und wie kommt Sachsen-Anhalt voran?

Von Franziska Höhnl, dpa
Klaus-Dietmar Gabbert dpa-Zentralbild

Magdeburg (dpa/sa) - Sachsen-Anhalt will das Tempo bei den Schutzimpfungen gegen das Coronavirus deutlich erhöhen und dabei auch zeitnah Hunderte Polizistinnen und Polizisten impfen. Das kündigte die Landesregierung nach Beratungen am Dienstag in Magdeburg an. Für einen stufenweisen Ausstieg aus dem Corona-Lockdown sei es entscheidend, parallel dazu auf Maßnahmen wie Impfungen und Schnelltests zu setzen, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Doch wie genau ist der Stand? Ein Überblick:

WER WURDE SCHON GEIMPFT? Seit Ende Dezember läuft die Impfkampagne gegen das Coronavirus, begonnen wurde mit den Menschen mit dem höchsten Infektions- und Erkrankungsrisiko. Dabei ist Sachsen-Anhalt vor allem bei den Bewohnerinnen und Bewohnern von Altenpflegeheimen weit gekommen. Rund 27 800 von ihnen wurden nach Angaben des Sozialministeriums mindestens ein Mal gegen das Coronavirus geimpft, das entspricht einem Anteil von 96 Prozent. Fast 60 Prozent haben schon beide Dosen bekommen und damit den vollen Impfschutz.

Zudem haben mehr als 35 000 Beschäftigte in Pflegeheimen und Krankenhäusern schon eine Corona-Impfung bekommen, das ist jeder zweite dieser Berufsgruppen. Weniger schnell geht die Immunisierung der 182 000 Sachsen-Anhalter voran, die über 80 Jahre alt sind, aber nicht in Heimen leben. Von ihnen erhielt bisher jeder fünfte eine Impfung, elf Prozent beide.

WER WIRD JETZT GEIMPFT? Oberste Priorität genießen weiterhin die Über-80-Jährigen. Einige Landkreise bieten inzwischen spezielle Impftermine in kleinen Orten und Gemeinden an, um den Hochbetagten weite Anreisen zu den Impfzentren zu ersparen. Doch auch wenn noch nicht alle Menschen der ersten Priorität geimpft sind, sollen die Kommunen verstärkt auch die zweite Schwerpunktgruppe in den Blick nehmen. Dazu gehören Menschen mit Behinderungen, Organtransplantationen und Schwerkranke, aber auch Personal an Kitas, Grund- und Förderschulen sowie bestimmte Polizeikräfte.

Ein Grund für diese Strategie ist, dass der Impfstoff von Astrazeneca nur für Menschen zwischen 18 und 64 Jahren empfohlen wird, weil für Ältere die bisherigen Studiendaten nicht ausreichen; damit kommt er für die Hochbetagten nicht infrage. Das Jerichower Land hat an einem einzigen Aktionstag bereits 70 bis 80 Prozent seines Schul- und Kitapersonals aus dieser Kategorie geimpft, der Harz und Magdeburg vergaben an sie erste Termine. Zudem kündigte Innenminister Michael Richter (CDU) an, dass die Polizei jetzt ihr Personal selbst impft: Über den polizeiärztlichen Dienst sollen zeitnah bis zu 2500 Polizistinnen und Polizisten geimpft werden, vorzugsweise Bereitschaftspolizisten, die bei der Absicherung von Demos einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind.

WER WIRD NICHT GEIMPFT? Bildungsminister Marco Tullner (CDU) und Innenminister Richter dringen seit Tagen darauf, allen Polizeikräften sowie Lehrerinnen und Lehrern unabhängig vom Einsatzgebiet eine Corona-Schutzimpfung anzubieten. Sie verweisen auf Beispiele aus anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg und Berlin, wo das über die regionale Öffnungsklausel der Bundesimpfverordnung umgesetzt wird. Doch Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) und Regierungschef Haseloff lehnen das ab und wollen sich auf die explizit in der Impfverordnung genannten Personengruppen beschränken.

Er sei sehr enttäuscht darüber, dass es nicht gelungen ist, den Weg anderer Länder zu gehen und alle Lehrkräfte bevorzugt zu impfen, sagte Bildungsminister Tullner. Das bedeute, dass die meisten der 14 000 bis 15 000 Lehrerinnen und Lehrer erst Ende Mai ein Angebot bekommen. Angesichts der Ankündigung, die Schulen auch bei erhöhtem Infektionsgeschehen möglichst lange offen halten zu wollen, könne er das nicht nachvollziehen.

WIE VIEL IMPFSTOFF GIBT ES? Laut Gesundheitsministerin Grimm-Benne gehen die Liefermengen inzwischen deutlich nach oben. Vom für alle Erwachsenen zugelassenen Wirkstoff von Biontech/Pfizer erwartet das Land im März 140 400 Impfdosen, von Moderna gut 29 000 und von Astrazeneca 108 000 Dosen bis Anfang April. Damit wird binnen eines Monats mehr geliefert als im gesamten Zeitraum von Ende Dezember bis Ende Februar, als insgesamt 197 500 Impfdosen der Hersteller kamen.

WIE GEHT DAS IMPFEN VORAN? Seit dem Start Ende Dezember hat Sachsen-Anhalt mehr als 101 000 Menschen mindestens ein Mal geimpft. Fast 82 000 Männer und Frauen bekamen den Biontech-Wirkstoff, gut 4500 den besonders knappen von Moderna und rund 14 800 den von Astrazeneca. Im Bundesvergleich ist das Land zudem beim Impffortschritt zurückgefallen. Während es zu Jahresbeginn noch auf Platz zwei aller Länder lag, ist es inzwischen auf den vorletzten Rang. Aktuell haben 4,6 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt mindestens eine Corona-Schutzimpfung bekommen. Im Bundesschnitt sind es 5,1 Prozent. Die Spitzenreiter Bayern (5,6), Hamburg (5,6) und Thüringen (5,7) Prozent liegen deutlich darüber.

WAS SOLL JETZT GEÄNDERT WERDEN? Neben der Möglichkeit, alle Menschen der zweithöchsten Impfpriorität zu versorgen, will Sachsen-Anhalt den Kommunen nach Angaben von Regierungschef Haseloff auch konkrete Zeitvorgaben machen, wie schnell neu gelieferte Impfmengen genutzt werden sollen. Wenn bei steigenden Liefermengen derzeit zum Teil Termine bis in den April vergeben würden, dauere das zu lange, kritisierte Haseloff. Die Kommunen müssten den Betrieb hochfahren und im Zweifel auch nach 16.00 Uhr und an Samstagen Termine anbieten.

Zudem legt das Land weniger Dosen des für die höchste Impfpriorität geeigneten Biontech/Pfizer-Präparats auf Halde: Statt sämtliche Dosen für die Zweitimpfung zurückzuhalten, soll die Reserve auf 20 Prozent abgeschmolzen werden, sagte Grimm-Benne. Zudem wird geprüft, ob erste niedergelassene Fachärzte Corona-Impfungen anbieten können. Flächendeckend sollen Hausärzte erst eingebunden werden, wenn der Impfstoff nicht mehr knapp ist, so Grimm-Benne.

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