Flechtingen/Elend (dpa) l Ein quadratischer Metallrahmen von 50 mal 50 Zentimeter, Spaten und Müllsack. Damit streifen die Forstwirte bei Flechtingen durch den winterlichen Kiefernwald. Unter markierten Bäumen stechen sie mit dem Rahmen Quadrate in den Boden – am Stamm und unter der Krone. Die Erde darin schippen sie in einen Sack. "Wir sind in einem 68 Jahre alten Kiefernreinbestand", erklärt Forstamtsleiter Thomas Roßbach. "Diese Bäume sind anfällig für Kieferngroßschädlinge. Darum beobachten wir sehr aufmerksam die Entwicklung."

Regelmäßig entdecken die Forstleute so massenhafte Vermehrungen. "Im vergangenen Jahr haben wir in mehreren Beständen die Warnschwellen bei der Nonne überschritten. Wir wollen wissen, ob sie sich so stark vermehrt, dass sie die Bäume schädigen kann. Im schlimmsten Fall fressen die Raupen die Nadeln ab, und die Bäume sterben", erläutert Roßbach.

Den Winter überdauern Insekten als Puppen, in Kokons oder als Raupen im Boden, die Nonne in Eiern am Stamm. Nach dem ersten Frost nehmen die Forstleute ihre Bodenproben. Die Erde aus Flechtingen wird in Elend im Harz untersucht. Dort werden junge Forstwirte ausgebildet, die ihren Blick für die Insekten üben können.

Die Tierchen sind in der braunen Erde bestens getarnt. Gestandene Forstwirte geben ihr Wissen an den Nachwuchs weiter. Sie durchkämmen mit Gabeln die Erdhaufen, fischen Puppen, Kokons und Raupen heraus, sortieren sie in Pappschachteln. Jeder Fund wird vermerkt und in der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen unterm Mikroskop untersucht.

"Wir prüfen, wie viele Puppen vital sind. Das wird mit den Warnschwellen verglichen", erklärt Pavel Plasil, der in der Versuchsanstalt für Schmetterlinge zuständig ist. "Bei hohen Werten werden weitere Maßnahmen eingeleitet. Dazu gehören Probefällungen, Eizählungen und Leimringe. Dann wird erneut gezählt." Eine Bekämpfung mit der chemischen Keule ist das letzte Mittel. "Nur wenn ein Bestand existenziell gefährdet ist, tun wir das", versichert Pavel Plasil.

In Sachsen-Anhalt wurden 2018 Warnschwellen bei der Nonne in Flechtingen und Arendsee überschritten. Die Trockenheit kam den Schädlingen zu Gute: Die Bäume sind gestresst und anfällig. Für den Borkenkäfer sind Fichten und Lerchen ein gefundenes Fressen. In den Kiefernbeständen haben sich Buschhornblattwespe und Nonne stark vermehrt. Der Eichenprozessionsspinner ist vor allem für Mensch und Tier ein wachsendes Problem.

"Die Zählung im Winter erlaubt Rückschlüsse, mit welchem Schädlingsbefall im folgenden Sommer zu rechnen ist", verrät Thomas Roßbach. "Es kann sein, dass die Population aufgrund von Witterungsbedingungen zusammenbricht. Durch Nässe, Kälte oder nützliche Insekten", weiß der Förster.

Auf Nässe kann er in diesem Jahr nicht setzen. Die Wälder haben unter dem extremen Wassermangel des Sommers stark gelitten. Erste Folgen zeigen sich jetzt. Thomas Roßbach sieht immer mehr lichte Fichtenkronen. "Die Bäume sind tot", sagt er, "sie sterben von der Krone her ab." Die Kiefern sind genauso verdurstet wie der Fichtenwald ein Stück weiter. "Statt der sonst üblichen 500 Milliliter Jahresniederschlag fielen hier gerade mal 300."

Das ganze Ausmaß des trockenen Sommers wird man erst im Frühjahr und Sommer sehen, wenn viele Laubbäume keine Knospen öffnen. Beim Schädling Nonne indes gibt es vorerst leichte Entwarnung. Die Förster registrierten zwar einen Anstieg, aber keine existenzielle Bedrohung.