Schweden l Schlittenhunde anzuspannen ist nichts für Leute, die leicht gestresst sind. Die ersten Huskys sind eingespannt, werfen sich ins Geschirr, wollen einfach nur laufen. Die Leinen sind straff, die Hunde bellen und heulen voller Vorfreude. Sie sind gezüchtet, um zu laufen. Der eine oder andere beißt nach der Leine. Doch die Anker im Schnee halten den Schlitten fest, so sehr die Hunde auch vorwärts drängen. Einen Hund nach dem anderen holt Angela Wiatowski vom Stakeout, einem Drahtseil, das mit Pflöcken im Schnee befestigt ist und an dem die Hunde warten, bis sie vor den Schlitten gespannt werden.

Im nordschwedischen Winterdomizil bereitet sich die Dannefelderin auf die Rennen dieses Winters vor. Alles ist ein bisschen provisorischer als zu Hause auf dem Grundstück bei Gardelegen. Ein 540-Kilometer-Rennen in Norwegen an diesem Wochenende, das Finmarkslopet, soll der Saisonhöhepunkt werden.

Gespann aus Sibirischen Huskys

Heute geht Angela auf den Trail – als eine von 75 Starterinnen und Startern auf dieser Distanz, als eine von drei deutschen Hundeschlittensportlerinnen und –sportlern. Eine von wenigen, die ein Gespann führt, das komplett aus reinrassigen Sibirischen Huskys besteht. „Die meisten fahren mit Alaska Huskys“, erklärt die Musherin, „die sind schneller, weil sie mit anderen Rassen gekreuzt wurden.“

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Endlich sind alle Hunde an ihrem Platz. Die Hunde merken, dass sie komplett sind und dass es jetzt losgeht. Zeit, noch einmal ganz kurz durchzuatmen. Mit flinken Handgriffen zieht Angela Wiatowski die Anker aus dem Schnee, nimmt den Druck von der Bremsmatte und ruft den Hunden ihr „Go!“ zu. Mit einem Schlag verstummt das Bellen. Nur das Gleiten der Kufen auf dem Schnee ist zu hören, das Hecheln und die Schritte der Hunde.

Märchenhafte Fichten im winterlichen Schneekleid rasen vorüber, frischer Schnee glitzert am Wegesrand, der Schlitten fliegt über den Trail. Für die nächsten zwei Stunden ist die Dannefelderin mit ihren Huskys in der verschneiten Winterlandschaft in Lappland unterwegs, eins mit der Natur. Im Laufe des Winters werden die Trainingseinheiten immer länger. Sechs bis acht Stunden mindestens waren es zuletzt.

Rentiere, Polarlichter und Ruhe

„Es ist unglaublich schön, diese Ruhe zu genießen“, schwärmt die Mittfünfzigerin. „Mit ein bisschen Glück sieht man Rentiere oder sogar einen Elch. Nachts hört man die Wölfe heulen und sieht manchmal ein Polarlicht!“ Seit Dezember trainiert Angela Wiatowski in Schweden, weil es hier, anders als zu Hause, Schnee gibt. Und weil sie an einem ehrgeizigen Ziel arbeitet.

Das Finmarkslopet soll der letzte Meilenstein werden vor diesem großen Ziel: dem Yukon Quest. Dieses Hundeschlittenrennen konkurriert mit dem Iditarod um das Attribut „härtestes Schlittenhunderennen der Welt“ und führt über 1000 Meilen durch Kanada und Alaska. Einmal an diesem Rennen teilzunehmen, davon träumt die Dannefelderin schon seit langer Zeit. Um die Startberechtigung zu erhalten, muss sie mehrere Langstreckenrennen absolviert haben.

Vor drei Jahren begann sie, die Liste an Qualifikationsrennen abzuarbeiten. 150 Kilometer, 300 Kilometer, nun mit 540 Kilometern das letzte. Junge Hunde sind nachgerückt ins Gespann, die behutsam an die langen Strecken herangeführt werden.

Alle zwei Stunden Pause

„Diese Strecken fährt man natürlich nicht am Stück“, erklärt Angela Wiatowski, für die das Wohl ihrer Vierbeiner ganz oben steht. „Alle zwei Stunden brauchen die Hunde eine Pause und einen Snack. Während der ganz langen Strecken sind längere Pausen vorgeschrieben. Das wird kontrolliert, und an den Rastplätzen werden die Hunde auch von Tierärzten untersucht.“

Es liegt viele Jahre zurück, dass Angela und ihr Mann Andreas ihre Leidenschaft für den Hundeschlittensport entdeckt haben. Eine Faszination, von der man nur schwer wieder loskommt. Alles begann mit einem Collie-Schäferhund-Mix, den Andreas seiner Frau schenkte. 15 Jahre später, 1996, eroberte mit Kess der erste nordische Vierbeiner die Herzen der Wiatowskis. Bald schon entdeckten sie ihre Begeisterung fürs Hundeschlittenfahren und stellten sich selbst auf den Schlitten.

In Dannefeld bei Gardelegen fanden Andreas und Angela Wiatowski ein Grundstück, auf dem sie ihren Traum leben konnten. Die Hundeschar wurde größer. Angela, die wie ihr Mann Luft- und Raumfahrttechnik studiert hatte, kündigte ihren Job bei Volkswagen, um sich fortan ganz den Vierbeinern widmen zu können. Ihre Ausbildung zur Tierheilpraktikerin nutzt sie nach dem Umzug nach Sachsen-Anhalt vor allem für die eigenen Hunde. Auf dem Grundstück züchten die Wiatowskis Sibirische Huskys, bieten Seminare an für Musher, wie Hundeschlittensportler genannt werden.

Herausforderung für Mensch und Tier

Dafür konnten sie mehrfach den zweifachen Yukon-Quest-Gewinner Hugh Neff in die Altmark holen. Während Andreas Wiatowski auf den kurzen Strecken zu Hause ist und auch internationale Titel gesammelt hat, zieht es Angela auf die langen Distanzen. Schon lange vor der Bekanntschaft mit Hugh Neff hat es sich Angela in den Kopf gesetzt, den Yukon Quest zu fahren. Ein Rennen, das eine große Herausforderung für Mensch und Tier ist. Etwa zwölf Tage, schätzt Angela, wird sie für die 1000 Meilen unter den unwirtlichen Bedingungen Nordamerikas brauchen. „Es geht dabei nicht um Sieg oder Platz, sondern einfach darum, durchzukommen“, verrät sie.

Die Herausforderung, ohne Hilfe unter den lebensfeindlichen Bedingungen des Nordens klarzukommen, mit Temperaturen, die auch schon mal unter minus 50 Grad liegen, mit Sturm, menschenleerer Landschaft und vielen Provisorien. Erfahrungen dafür hat sie in Skandinavien gesammelt. Ein Schneesturm, bei dem sie die Orientierung verlor und wertvollen Boden, gehört dazu. „Die klimatischen Bedingungen in Nordskandinavien ähneln denen in Alaska und Kanada“, weiß die Musherin. „Man muss wissen, wie man sich orientiert, wie man ein Lager baut, um in der Wildnis zu übernachten, wie man sich bei einem Schneesturm verhält“, zählt sie auf.

Der Yukon Quest wird seit 1984 zwischen Fairbanks in Alaska und Whitehorse in Kanada gefahren. Es erinnert an die Eroberung des nördlichen Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und an die Goldschürfer, Fallensteller wie Briefboten. Sie alle nutzten Hundeschlittengespanne, lange bevor moderne Fahrzeuge auch abgelegene Gebiete erschlossen und das Reisen komfortabel machten. Bei Temperaturen von 50 Grad Celsius unter Null und darunter beförderten die Hundeschlitten Post und Fracht in die abgelegenen Orte.

Yukon Quest ist großer Traum

Dieses Rennen also will Angela Wiatowski fahren, eventuell 2012. Yukon-Quest-Sieger Hugh Neff aus Alaska traut der Altmärkerin zu, dass sie ihren Traum wahr macht. „Wenn man es wirklich will, kann man es schaffen“, redet er ihr zu. „Wichtig ist, dass man seine Hunde wie Königinnen und Könige behandelt, denn sie sind deine einzigen Partner auf dem Trail. Wenn man sie gut behandelt, dann geben sie alles. Und ich sehe: Hier werden die Hunde gut behandelt. Ich habe selten so einen guten Zwinger gesehen wie den von Angela und Andreas.“

Das Rennen in Norwegen kann live verfolgt werden unter www.finnmarkslopet.no