Magdeburg l Smartphone zücken, Taxi-App öffnen und blitzschnell steht der Fahrer vor dem Fahrgast. So stellt sich Mytaxi die schöne neue Taxi-Welt vor. In über 30 deutschen Städten hat das 2009 gegründete Hamburger Unternehmen den Markt mit seiner Geschäfts- idee bereits aufgemischt. Nun ist Sachsen-Anhalt an der Reihe. „Seit Mitte August sind Fahrer in Magdeburg und Halle für uns aktiv“, sagt Sprecher Falk Sluga. Wie viele es genau sind, will er nicht verraten. Etwa im mittleren zweistelligen Bereich. Tendenz: Steigend.

Der mobile Taxi-Ruf liegt in Deutschland schon länger im Trend: Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom bestellten fast 30 Prozent der Kunden im vergangenen Jahr bereits über eine Smartphone-App. Wenn Mytaxi in einer Stadt auftaucht, werden die Taxizentralen hellhörig. Denn die neue Konkurrenz verheißt einen Stresstest für die altbewährte telefonische Bestellung.

30.000 Fahrten im Monat

Noch vermitteln die Genossenschaften in Magdeburg und Halle den überwiegenden Teil der Fahrten. Allein in Magdeburg 30.000 im Monat. 129 Autos schwärmen dafür aus. Doch die Taxifahrer in den beiden großen Städten Sachsen-Anhalts verfolgen gespannt, ob die mobile Dienstleistung ähnlich gut angenommen wird wie in Berlin, München oder Leipzig.

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Taxifahrer Matthias Kanitz hat sich seine Meinung schon gebildet. „Top, möchte ich nicht mehr missen“, sagt der Magdeburger. Der 46-Jährige setzt mit seinem Ein-Mann-Unternehmen seit Mitte August auf Mytaxi. Allerdings nicht ausschließlich. Meist wartet er am Hauptbahnhof auf Kundschaft. Doch die Buchungen über die App nehmen zu.

Rund 50 sind es seit Einführung vor rund acht Wochen. Viele Geschäftsleute peilen sein Taxi an. Praktisch: Sie müssen sich keine Taxinummer ergoogeln und wissen, dass sie ein gewisser Standard erwartet. Es buche bei ihm aber auch mal der Enkel für seine Oma. „Alles schon vorgekommen“, sagt Kanitz.

Sieben Prozent vom Fahrpreis

Der Unternehmer fährt auf eigene Rechnung. Fahrten von der Taxi- und Mietwagengenossenschaft Magdeburg lässt er sich nicht vermitteln. Eine Pauschale von rund 320 Euro im Monat wird dort fällig – unabhängig von der Anzahl der Aufträge. Wenn er mal krank ist, müsste er trotzdem zahlen. Bei den Fahrten über Mytaxi muss er sieben Prozent vom Fahrpreis abführen. Eine Grundgebühr gibt es da nicht. Wenn ihn ein Fahrgast auf der Straße anhält, entfallen die sieben Prozent. Ein gutes Modell für ihn, findet Kanitz.

Zudem schätzt er den direkten Austausch mit dem Kunden – ohne einen zwischengeschalteten Vermittler. Und es kann bargeldlos über die App gezahlt werden. Die Achillesferse vieler Magdeburger Taxis. Selbst die Kartenzahlung ist noch nicht weit verbreitet.

Hinzu kommt das Sicherheitsgefühl. User müssen sich registrieren. Fahrer und Kunde haben Nutzerprofile. „Man weiß genau, mit wem man es zu tun hat“, sagt Kanitz. Nach der Fahrt gibt es Sterne. Sauberes Taxi, netter Service. Der Fahrgast kann eine Bewertung vergeben.

Expansion gelassen sehen

Das Fahrerprofil von Matthias Kanitz könnte kaum besser ausschauen. Wer einen dreckigen Wagen herumkutschiert oder unfreundlich rüberkommt, wird vom Gast mit einer schlechten Beurteilung abgewatscht. Kann man sich nicht erlauben. Um die Gunst des Fahrgasts buhlt in Magdeburg allerdings auch der altbewährte Wettbewerber. Bei der Taxi- und Mietwagengenossenschaft in Magdeburg sieht man den Expansionskurs von Mytaxi gelassen.

Chef Frank Tempel denkt, dass es vor allem der persönlichere Service ist, der der Taxizentrale auch in Zukunft einen Vorteil verschaffen wird. „Wir sind dichter am Kunden. Bei uns kommt der Fahrer zum Beispiel auch mal in den dritten Stock, um der alten Dame den Koffer runterzutragen.“

Fragwürdige Rabattaktionen

Der Vorsitzende der Genossenschaft in Halle sieht die Sache ähnlich wie sein Kollege in Magdeburg. Winfried Bahr denkt nicht, dass Mytaxi in Sachsen-Anhalt so schnell an der Taxizentrale vorbeizieht.

Mobile Anwendungen sind Zukunft

Frühere Rabattaktionen des Hamburger Unternehmens findet er fragwürdig. (Der BGH hob im März dieses Jahres ein Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt auf, das Rabattaktionen von Mytaxi untersagt hatte; d. Verf.)Die Daimler-Tochter Mytaxi setze alles daran, Konkurrenten vom Markt zu drängen.

Romantisieren wollen die Chefs der Genossenschaften das Gewerbe indes nicht. Klar, dem Modell Taxi-Bestellung über eine mobile Anwendung gehöre die Zukunft. Die aber habe ja schon begonnen. Gemeint ist die App Taxi Deutschland der Zentralen in Deutschland. Auch hier wird über das Smartphone bestellt, der Auftrag geht aber einen Umweg über die Disponentin in der Zentrale. Zahlen kann der Kunde aber mit der App, ähnlich wie bei Mytaxi.

Hört man sich an den Taxisäulen in Magdeburg um, überwiegt vielerorts noch die Skepsis. Ein Taxi-Fahrer – er fährt ausschließlich für die Taxizentrale – hat eine klare Meinung: „Wir haben keinen großen Bahnhof, keinen Flughafen, keine Erotikmeile, was soll das also hier bringen?“ Viele Kunden sind über 60 und haben häufig kein Smartphone. Dass Mytaxi eine Chance hat, er glaubt es nicht.

Tempel wehrt sich gegen Kritik

Bei einem Fahrer am Magdeburger Hauptbahnhof hört sich das schon anders an. Er will seinen Namen ebenfalls ungern in der Zeitung lesen. Er ist zweigleisig unterwegs: Zentrale und Mytaxi. Für ihn bedeutet die Mytaxi-App „Fortschritt“.

Viele seiner (älteren) Kollegen seien zurückhaltend, weil sie nicht genau wissen, woran sie sind. Bei der Genossenschaft versuche man das Thema kleinzuhalten – aus Angst vor der Konkurrenz durch Mytaxi. Bei etlichen Fahrern, die auf die Taxi-Zentrale geeicht waren, wachse nach seinem Empfinden der Verdruss. Von mitunter unkoordiniertem Vorgehen bei der Vermittlung durch die Hotline ist die Rede. Mytaxi werde für viele auf kurz oder lang eine Alternative werden, ist er sich sicher. Als Zubrot zu den Vermittlungen der Zentrale. Irgendwann vielleicht sogar mehr.

Frank Tempel will insbesondere Kritik an den Mitarbeitern seiner Hotline nicht gelten lassen: „Missverständnisse gibt es immer mal, aber unsere Disponenten werden geschult. Sie sind erfahren und zuverlässig.“

Taxifahrer Matthias Kanitz denkt sich seinen Teil darüber. Er will nicht von der Taxigenossenschaft abhängig sein. Zwei bis drei Fahrten über Mytaxi am Tag, plus das Kerngeschäft mit Gästen am Bahnhof. „Das passt“, sagt Kanitz. Sein Umsatz ist gestiegen, die Kunden geben positives Feedback. Dass seine moderne neue Taxi-Welt bald wieder aus den Fugen gerät – der Taxifahrer glaubt nicht daran.