Magdeburg l Im AfD-Kreisverband Börde gibt es seit einigen Wochen eine interne WhatsApp-Gruppe. Derzeit diskutieren dort etwa 40 Teilnehmer. Ende Juli ließ ein AfD-Mitglied erkennen, wes Geistes Kind er ist. Der Mann schrieb unter anderem: „Ein Mann wie AH, der den Frieden wollte und den Krieg fressen musste, ist die einzige Hoffnung, die ich noch habe, um das Ruder wieder in die eigene Hand zu bekommen.“ Weiter: „Ich sehe doch, was an Merkels Heerscharen täglich ins Land strömt, und da ist es der falsche Weg, auf eine Stimmenmehrheit in den Ländern zu warten.“

AfD-Landesvorsitzender entsetzt

AfD-Landeschef Martin Reichardt reagierte erbost auf diesen Beitrag. Er schrieb in die WhatsApp-Gruppe, diese Äußerungen seien „historisch-politisch unsinnig und geeignet, unserer Partei zu schaden. Wer derartige Ansichten vertritt, hat den Boden der AfD verlassen und gehört nicht zur AfD.“ Er gehe davon aus, dass der Kreisvorstand die notwendigen Schritte veranlassen werde.

Kreisvorständler Andreas Kühn schrieb in die Gruppe: „Die Sache ist so heikel, dass selbst hier mit äußerster Bedachtheit vorgegangen werden muss.“ Diese Initialen hätten schon mal zu verheerenden Auswirkungen zur Bundestagswahl geführt. Hintergrund: Der AfD-Landesvorstand hatte 2017 Kühn als Direktkandidaten für die Bundestagswahl zurückgezogen. Dieser war mit seiner Facebook-Seite in die Kritik geraten. Dort hatte Kühn unter anderem etliche Seiten mit einem „Like“ versehen, die Truppengattungen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verherrlichen. Er markierte auch ein Bild von Adolf Hitler mit „Gefällt mir“.

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Am Mittwochabend trafen sich AfDler im Euro Rastpark Irxleben/Hohenwarsleben zum Mitgliederstammtisch. Zugegen waren auch Bundestags- und Landtagsabgeordnete. Wie die Volksstimme erfuhr, bekräftigte Reichardt dort seine massive Kritik. Äußerungen, wie in der Chatgruppe geäußert, würden selbst in der NPD am rechten Rand rangieren, erregte er sich. Ein Mensch mit so einer Gesinnung „gehört nicht zu uns“. Ein Stammtischler wird von Teilnehmern mit den Worten zitiert: „Wenn ich so einen Scheiß bauen würde, würden sie mir den Jagdschein wegnehmen.“

Kreisvorstand Schroeder sieht Ausrutscher

Teilnehmer berichten, dass das Thema im Kreisvorstand vergleichsweise gelassen gesehen wurde. Ja, es sei mit dem Verfasser geredet worden, hieß es. Diese Äußerung sei nicht zu tolerieren. Von einem möglichen Parteiausschluss war jedoch keine Rede. Es wurde versucht, die Angelegenheit herunterzudimmen. Vorstandsmitglied Andreas Kühn sagte, man mache Fehler, und das sei auch in Ordnung. Man dürfe diese Fehler nur nicht wiederholen.

Auch der Kreisvorsitzende Steffen Schroeder versuchte zu beschwichtigen. Er sprach von einem Ausrutscher. Der Mann habe sich einfach nur ein „bisschen dämlich ausgedrückt“, sagte er. Dass der Kreisvorstand in diesem Fall vor harten Maßnahmen zurückschreckt, verwundert manch einen. Schließlich ist Schroeder einer der Sprecher der „Alternativen Mitte“.

Des AfD-Flügels also, der eigentlich als gemäßigt gilt. Zuletzt hatte auch die „Alternative Mitte“ äußerst scharf den Landeschef der niedersächsischen Junge Alternative, Lars Steinke, kritisiert. Der hatte den wegen des Attentats auf Hitler hingerichteten Claus Schenk Graf von Stauffenberg als „Verräter“ und „Feigling“ bezeichnet. Die „Alternative Mitte“ fordert die „härtesten Maßnahmen“, die parteipolitisch möglich seien.

Betroffener soll Rüge erhalten haben

Schroeder sagte gestern der Volksstimme, es habe eine Rüge für den Betroffenen gegeben. Da die Sache jetzt aber öffentlich geworden sei, habe sie eine andere politische Tragweite und müsse womöglich neu bewertet werden. Der Betroffene hat die Rüge angenommen. „Die weitreichenden Konsequenzen habe ich in meinem emotionalen Kommentar nicht erkannt“, schrieb er.

Landeschef Reichardt sagte gestern zu den Äußerungen: „Das ist gefährlicher politischer Schwachsinn. Entweder tritt der Mann freiwillig aus der AfD aus, oder wir beantragen den Parteiausschluss.“

Zum Kommentar "AfD hat Problem bagatellisiert" von Michael Bock