Volksstimme: Ein oft leeres Parkhaus, ein futuristisch gestaltetes Eis- und Veranstaltungsstadion, das im Sommer schwer zu bespielen ist, sowie neue Straßen und Brücken – Wernigerode hat Millionen in Schierkes Infrastruktur investiert. Jetzt wird in der Kernstadt das Geld knapp, und Schierke läuft noch immer nicht richtig. Hat Wernigerode sich verhoben und in Schierke falsch investiert?
Clemens von Kempski: Auf keinen Fall. Im Gegenteil: Schierke hat das große Glück, mit Peter Gaffert einen mutigen Bürgermeister zu haben. Der hat völlig richtig entschieden, als Kommune voranzugehen, zu investieren und so weitere Investoren anzulocken. Da braucht man sich nur das neue Resort anzusehen, eine 15-Millionen-Euro-Investition. Das, was dort passiert, ist genau der richtige Weg.

Wobei Wernigerode jetzt finanz-konditionell ins Straucheln kommt. Die Verantwortlichen wollen mächtig an der Steuer- und Gebührenschraube drehen.
Ich kann die finanziellen Rahmenbedingungen in Wernigerode natürlich nicht beurteilen. Aber grundsätzlich ist zu sagen, dass Wernigerode dort oben in Schierke auf dem richtigen Weg ist. Was Gaffert gemacht hat, war goldrichtig, da ziehe ich den Hut.

Gilt richtig auch für die umstrittene Gondelbahn rauf zum Schierker Winterberg?
Die Region hat ein Ganzjahreskonzept verdient, deshalb sage ich Ja zur Seilbahn. Und die Fläche, auf der sie entstehen soll, ist ja nicht ohne Grund aus dem Nationalpark herausgelöst worden. Das war mit der Zielstellung einer touristischen Entwicklung für Schierke verbunden. Und hier brauchen wir Verlässlichkeit in der Entwicklung, Zusagen müssen Zusagen bleiben. Gleichwohl sind, glaube ich, auf allen Seiten Fehler gemacht worden.

Welche?
Ich hätte mir gewünscht, die Seilbahn und deren angepeilte ganzjährige Nutzung im Rahmen eines Konzeptes früher öffentlich zu thematisieren. Jetzt haben wir verhärtete Fronten auf beiden Seiten. Leider.

Sehen Sie eine Lösung?
Jetzt muss man erst mal abwarten, wie das Raumordnungsverfahren ausgeht und dann weitersehen. Was wir generell brauchen im Harz, ist aber der Blick über den Tellerrand.

Ins Land, in den mitteldeutschen Raum oder wohin?
Sowohl als auch. Wir haben hier nicht nur eine einmalige Natur, sondern ein außergewöhnliches Kulturangebot. All das und die günstige Lage in der Mitte Deutschlands verschaffen uns eine herausragende Position für den Tourismus. Vom Harz aus erreicht man binnen 90 Minuten zehn Unesco-Welterbestätten – angefangen bei der Wartburg bis hin zum Gartenreich Dessau-Wörlitz. Das ist weltweit einmalig und eine riesige Chance, die wir gemeinsam anpacken und nutzen sollten.

Gemeinsam als Harzer?
Ja. Und hier braucht es mehr Zusammenarbeit zwischen dem Nordharz – Wernigerode, Halberstadt und Quedlinburg – und dem Südharz mit Stolberg und der Kyffhäuser-Region ...

... die im Nordharz in der Tat bislang selten wahrgenommen wird. Aber wie wollen Sie den Südharz wachküssen? Geht da mehr als sanfter Wellness-Tourismus?
Davon bin ich absolut überzeugt. Wir haben hier Natur, Erholung, Wellness und Kultur pur. Genau da setzen wir mit unserem S-Ky-Projekt an.

Gemeint ist das Entwicklungsprojekt für die Region Südharz-Kyffhäuser.
Genau. Unser Ziel ist es, hier stadt-, kreis- und auch länder­übergreifend zusammenzuarbeiten und Region und Tourismus gleichzeitig voranzubringen.

Mit welchem Ziel?
Hier zitiere ich gern meinen Kernsatz, der ganz am Anfang stand: Die Region Südharz-Kyffhäuser kann eine der attraktivsten touristischen Teilregionen in Deutschland werden. Die authentischen Natur- und Kulturausstattungen sind beeindruckend.

Ist das dank der Natur ein Selbstläufer?
Keineswegs, und hier ist wieder die kommunale Verwaltung gefragt. Wir brauchen diese mutigen Bürgermeister, die Visionen haben und dabei auch riskieren, dass mal was schiefgeht.

Gibt‘s diese Bürgermeister nicht auch im Südharz?
Leider nicht, ganz im Gegenteil. Wir haben mit Stolberg ein touristisches Juwel, das man zum Nutzen der gesamten Region wunderbar entwickeln kann. Stattdessen versucht unser Bürgermeister, möglichst viel touristische Entwicklung zu verhindern oder, wie das Beispiel Thyragrotte in Stolberg leider zeigt, einen touristischen Anziehungspunkt verschwinden zu lassen.

Wie muss man das genau verstehen?
Das Freizeitbad ist mittlerweile 20 Jahre alt und natürlich in die Jahre gekommen. Es muss dringend investiert werden, um es attraktiv zu halten und Versäumnisse der vergangenen Jahre zu beheben. Es gibt eine Entwicklungsstudie für die Weiterentwicklung dieses Bades mit Saunalandschaft. Es gibt Zusagen vom Land und vom Landkreis, dies finanziell zu unterstützen. Trotzdem strebt unser Bürgermeister eher die Schließung des Bades an. Gegen den Willen von Gemeinderat und Bevölkerung. So etwas ärgert mich – statt nach Lösungen zu suchen, soll der scheinbar einfachste Weg eingeschlagen werden. Einer, der wirtschaftlich und touristisch fatal ist. Hier sind wir wieder beim Thema Mut und Vision.

Sehen Sie hier Unterschiede zwischen dem Nord- und dem Südharz?
Durchaus. Ich komme wieder auf Wernigerode – ganz klar ein Vorbild, was die touristische Entwicklung und Vorleistung angeht. Aber auch Harzgerodes junger Bürgermeister Marcus Weise (CDU, Anm. der Red.) ist engagiert unterwegs, um eng verzahnt Tourismus und Wirtschaft zu entwickeln. Wir hier im Südharz haben den Anschluss verpasst, wollen und müssen aufholen. Schließlich ist Stolberg eine touristische Keimzelle. Die muss man nur weiterentwickeln.

Mit welcher Zielstellung, welcher Vision? Auch touristische Anziehungspunkte nach dem Muster Rappbode-Talsperre mit Mega-Hängebrücke?
Erst mal Gratulation zu dieser mutigen Vision und Umsetzung. Chapeau vor diesen beiden Brüdern und dem, was sie gemacht haben. Die waren mutig, aber auch das Land war mutig, sie dabei zu unterstützen.

Mehr Hängebrücken im Harz?
In der Entwicklung brauchen wir Vielfalt und kein Disneyland. Wir sind im Harz mit Sehenswürdigkeiten und Attraktionen bestens gesegnet. Diese müssen entwickelt, sprich in eine bessere Qualität überführt werden. Hier und auch bei der Vermarktung muss dann im gesamten Harz Hand in Hand agiert werden. Rund um Stolberg und dem Kyffhäuser können wir mit Natur, Kultur und sanftem Tourismus punkten. Außerdem haben wir in Eisleben Martin Luther und in Stolberg die Geburtsstadt von Thomas Müntzer. Dessen Todestag jährt sich 2025 zum 500. Mal. Das ist ein weiterer touristischer Ansatzpunkt, den es zu entwickeln gilt.

Zurück nach Stolberg. Nunmehr endgültig und unwiderruflich Ihre Region?
Aus Sicht meiner Familie gibt es dazu eine ganz klare Position: Wir haben hier unser neues Zuhause gefunden und wollen hier definitiv bleiben.

Die Rückfahrkarte nach Düsseldorf ist also längst geschreddert?
Ja, sehr lange schon. Meine Frau und ich sind hier glücklich, und das gilt auch für unsere vier Kinder.

Was ist so schön am Südharz und an Sachsen-Anhalt?
Wie gesagt: Der Südharz ist eine Region, die unbeschreiblich schön ist und die man zu einer der erfolgreichsten touristischen Regionen Deutschlands formen kann. Das will ich, wollen wir alle im Team, mitgestalten. Wir wollen die Nummer eins werden. Außerdem bin ich hier auf besondere, hochmotivierte Menschen gestoßen.

„Die Leute hier sind großzügiger und neiden einem den Erfolg nicht“

Das klingt gut.
Ist es auch. Natürlich wird auch im Harz gejammert. Das aber gibt es überall. Die Leute hier sind aber großzügiger, neiden einem den Erfolg nicht, sind für wirtschaftliche Entwicklungen aufgeschlossen und absolut verlässlich. Es ist einfach toll, wie es hier läuft. Die Bevölkerung ist positiv eingestellt, das ist schön. Deshalb sind viele Schnittstellen in unseren Häusern mit Menschen aus der Region besetzt. 20 bis 25 Prozent der Hotel-Belegschaft konnten wir für unsere Region begeistern – oft junge Familien, die zurückgekommen sind.

Sehen Sie als Hotelier mit Blick auf Ausländer typische regionale Probleme?
Wenn Sie Ausländerfeindlichkeit meinen – dieses Image auf den Osten zu projizieren, ist falsch. Es gibt überall Gruppen, die extrem sind. Wir in Sachsen-Anhalt und Mitteldeutschland sind gastfreundlich und tolerant, aber auch konsequent.

Konsequent auch im weiteren Ausbau der Hotelkette?
Ja. Wir planen in Abstimmung mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz nach Abschluss der Sanierungsarbeiten, im Schloss Stolberg ein Hotel zu betreiben. Hier ist allerdings der zeitliche Fahrplan noch offen. Klar ist, dass in den kommenden drei Jahren in unsere Hotels Schindelbruch und FreiWerk zehn Millionen Euro fließen werden, um Zimmer aufzupolieren und Wellness-Bereiche zu erweitern. Das FreiWerk schließt Ende März, um die geplante Erweiterung anzugehen. Wir reinvestieren unseren Gewinn in die Region und haben ein Ziel: mit dem Schindelbruch die Nummer eins in den östlichen Ländern.