Magdeburg l Merle Konrad greift gerade nach dem Camping-Kocher im Bettkasten, als ihr die graue Haarsträhne ins Gesicht fällt. „Man ey!“ Kurze Drehung. „So, hier ist Kaffee und Kuchen. Kleinen Moment, einen Tisch gibt es auch.“ Mit schnellen Handbewegungen klappt die 53-Jährige das Holzscharnier nach oben. In einer Ecke liegen Socken, auf dem Bett der Fernseher und eine beachtliche Menge an Wurst-Packungen probt den Aufstand mit der Kühlbox-Klappe. Transporter-Ladefläche. Ein-Zimmer-Apartment. Beides.

Hier arbeitet, schläft und lebt die Berufskraftfahrerin, wenn sie unter der Woche Schwerlasttransporte mit ihrem Begleitfahrzeug absichert. „Wir sind die, die euch richtig auf die Nerven gehen, weil ihr auf der Autobahn hinter uns herdackeln müsst“, sagt Konrad und hebt beide Hände in scheinheiliger Unschuldspose nach oben. Diebische Freude.

Konrad ist eine, die das Leben umarmt, richtig fest zudrückt. „Ich kenne keine Angst“, sagt sie. Das nimmt man ihr ab. Die 53-Jährige wirkt so rau, wie man es Hamburgern attestieren würde. Aber nicht so kühl, wie von Norddeutschen behauptet wird. Dafür scheint hier zu viel Sonne auf der Ladefläche ohne Fenster. Konrad ist eine Power-Frau. Aber erst seit zehn Jahren.

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Als Frau hat sie sich schon immer identifiziert. Das Selbstbewusstsein aber kam erst, als sie sich mit Anfang 40 entschloss, endlich zu ihrer Geschlechteridentität zu stehen. „Ich habe 40 Jahre lang eine Rolle gespielt“, sagt die frühere Konditorin heute. „Nicht umsonst gelten Transsexuelle als die besten Schauspieler.“

Merle war früher ein Mann. Das würden an dieser Stelle viele Menschen einfach so sagen. Und das wäre auch nicht falsch. Aber eben auch nur die halbe Wahrheit. Denn aus biologischer Sicht stimmt diese Aussage. Doch was ist schon Biologie, wenn die eigene, empfundene Geschlechteridentität jede irgendwann mal konstruierte Definition von Mann und Frau ignoriert? Konrad sieht das so: „Jeder, der zwei Beine hat, ist für mich in erster Linie erst einmal Mensch, nichts anderes.“

Einfach der es nicht

Doch so einfach war es nicht. So einfach ist es auch heute noch nicht. Spätestens mit 20 Jahren sei ihr klargeworden, dass sie im falschen Körper steckt. Doch damals war an Anlaufstellen für Transsexuelle noch nicht zu denken. Keine schnelle Suche bei Google konnte ihr mal eben erklären, was nun zu tun ist. Also unterdrückte Konrad dieses Gefühl. Mehr als 20 Jahre lang. Zweimal war sie in dieser Zeit verheiratet. Irgendwann fing sie an, die Kleider ihrer Partnerinnen heimlich anzuprobieren.

Wenn Konrad von ihrem alten Leben von vor zehn Jahren redet, schaut sie oft nach unten und fängt an, ihre Augen zu reiben. Die graue Haarsträhne fällt ihr dabei wieder ins Gesicht. Diesmal kommt das ganz gelegen, um die feuchten Augen zu verstecken. „Irgendwann habe ich mich in Foren belesen und bin dann zur Therapeutin gegangen.“ Mit Anfang 40.

Konrad vertraut sich ihrer besten Freundin an. Ihre Reaktion werde sie nie vergessen. „Sie meinte zu mir: Nee, du kannst mir doch nicht meinen besten Freund wegnehmen.“ Kurze Pause. „Und dann kam: Aber eine beste Freundin ist auch okay.“ Nachdem mehr und mehr Freunde von ihrer Geschlechteranpassung erfahren hatten, habe sich die Anzahl ihrer sozialen Kontakte schlagartig halbiert. Mit Hormonbehandlung, chirurgischen Eingriffen und dem gerichtlichen Verfahren vergehen drei Jahre.

Ein aufwendiges Verfahren

Transsexuelle müssen in Deutschland ein aufwendiges Verfahren durchlaufen, um Vornamen und Personenstand zu ändern. Eine Reform des Transsexuellengesetzes von 1981 gilt als überfällig. 2019 gab es einen neuen Entwurf, doch der stieß auf viel Kritik. Bisher müssen Transsexuelle zwei psychologische Gutachten einholen. „Die psychologische Diagnose stellt fest, wie dringend und beharrlich eine Person die entgegengesetzte Geschlechtsrolle ausleben möchte“, sagt Professor Manfred Infanger, der transsexuelle Frauen und Männer am Universitätsklinikum Magdeburg operiert. Die intensive Aus­einandersetzung mit den Folgen dieses Wechsels sei jedoch nur ein Gegenstand der Untersuchung. „Auch die körperlichen Voraussetzungen, der Hormonstatus und die körperliche und geistige Verfassung werden mit einbezogen.“

In dem neuen Gesetzentwurf war vorgesehen, die zwei psychologischen Gutachten künftig durch eine Beratung durch Ärzte und Psychologen zu ersetzen. Doch noch immer hätten diese am Ende die Geschlechterzugehörigkeit des Einzelnen bewertet. Selbstbestimmung? Fehlanzeige! Und so liegt die Änderung vorerst auf Eis, wie aus einer Kleinen Anfrage der FDP-Fraktion von Anfang Februar hervorgeht. „Hinsichtlich einer Reform des Transsexuellenrechts ist der politische Meinungsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung.

Aus medizinischer Sicht ist eine Änderung bereits beschlossen. Im neuen Katalog der Krankheiten ist künftig von „geschlechtlicher Nichtübereinstimmung“ die Rede. Bislang zählte Transsexualität im System der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den „psychischen Störungen“, ab 2022 gibt es die neue Rubrik „Zustände im Zusammenhang mit sexueller Gesundheit“.

Infanger sagt, die Nachfrage sei gestiegen. Aus Kapazitätsgründen könne er jedoch nur eine Operation pro Woche durchführen. Die Eingriffe seien risikoreich und Hormon-Präparate müssten ein Leben lang eingenommen werden. Und dennoch: „Wenn eine operative Geschlechtsanpassung durchgeführt wurde, ist es immer sehr erstaunlich, wie selbstbewusst und zufrieden der Patient auftritt.“ Man erkenne das nicht nur am Gang, sondern auch in der Ausstrahlung.

Alles auf Anfang. Das passt auch zu der Welt, wie sie Konrad vor rund zehn Jahren erlebt hat. Auf einmal fühlte sie sich nicht mehr nur als Frau – sondern wurde auch von ihrer Umwelt als solche wahrgenommen. „Dementsprechend war der erste Frauentag etwas Besonderes, alle haben mir auf einmal Blumen geschenkt, das war toll“, erinnert sie sich zurück. Nur ihr 23-jähriger Sohn, der kam nicht damit klar. Beide haben keinen Kontakt mehr. „Das muss ich akzeptieren“, sagt Konrad. „Gleichzeitig muss ich allerdings mein Leben leben.“

In einer neuen Welt

Die neue Aufmerksamkeit zum Frauentag, das war nur ein kleiner, neuer Baustein in einer Welt, „in der ich sogar anfangen musste, komplett anders zu denken“. Weil ihre neuen Erfahrungen als Frau danach verlangten. Dass Männer ihr auf der Straße hinterherschauen, das sei erstmal total ungewohnt gewesen. „Ich dachte mir: Jetzt verstehe ich die Frauen endlich.“ Konrad stoppt ihren Gedanken und hält kurz inne. Fast so, als überlege sie, ob sie das, was sie gerade denkt, auch wirklich aussprechen sollte. „Ja, es ist so, als Mann hatte ich es einfacher. Beruflich und auch sonst. Männer haben es einfacher, weil sie nicht auf ihr Äußeres reduziert werden.“

Konrad wurde zur Feministin. Heute sagt sie: „Ich bin eine Kampflesbe.“ Die Norddeutsche sieht diese Bezeichnung nicht negativ belastet, im Gegenteil. Sie engagiere sich halt viel für die Rechte von Frauen. Als sie in den Vorstand des Vereins „Lesbenfrühling“ berufen worden ist, „war das schon sehr besonders, einfach, weil man mich als Frau wahrgenommen hat“. In diesem Jahr gehört sie zum Organisationsteam des Christopher Street Days in Hamburg. „Im nächsten Jahr will ich mir noch einen Traum erfüllen und zum größten CSD der Welt nach Tel Aviv“, sagt Konrad.

Vor vielen Jahren gründete sie auch einen Verein für Transsexuelle. „Aber da bekam ich dann zu hören: Was willst du Lesbe denn hier?“ Das war nicht nur eine Anfeindung gegen sie als Transsexuelle, sondern gegen Konrad als Frau. Und man merkt: Das hat sie berührt. Nicht die einzige Anfeindung. An ihrem letzten Arbeitsplatz habe sie mehrmals sexuelle Belästigung erfahren. Auch dort war sie als Berufskraftfahrerin in einer Männer-Domäne unterwegs. Niemand wusste von ihrer Transsexualität. Auch heute ist ihr Beruf der einzige Bereich in ihrem Leben, in dem sie nicht von ihrer Vergangenheit erzählt. Die Angst, deshalb ihren Job zu verlieren, ist ein Grund. Die Angst vor körperlicher Gewalt ein anderer.

Deshalb will sie ihren richtigen Namen in der Zeitung auch nicht lesen. „Vor allem hier in Sachsen-Anhalt nicht, wo ich Angst vor der braunen Suppe habe.“

Damit ist Konrad nicht allein, sagt Falko Jentzsch, Vorstandsmitglied des Vereins CSD Magdeburg. „Viele Transsexuelle in Sachsen-Anhalt wollen ihren Namen nicht preisgeben, da gibt es einen spürbaren Unterschied zu anderen Bundesländern.“ Das Klima und der Ton im Land seien rauer geworden. „Transsexuelle haben einfach mehr Angst.“ Vom Land erhoffe er sich mehr geförderte Projekte, um Transsexuelle sichtbar zu machen. Was das angeht, sei vor allem Magdeburg bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Unscheinbar. Das will Konrad nicht sein. Bunt und laut schon eher. Vor allem seitdem sie ihre Stimme gefunden hat. „Entweder man nimmt mich so, wie ich bin, oder gar nicht.“