Zur Person

Jens Strackeljan (58) wurde in Wilhelmshaven geboren. Nach dem Studium des Allgemeinen Maschinenbaus an der Technischen Universität Clausthal promovierte und habilitierteer. Ab 2002 hatte er an der TU eine Professur für Festkörpermechanik inne. 2004 wechselte Strackeljan als Professor für Technische Dynamik an die Uni Magdeburg. 2006 wurde er Prodekan seiner Fakultät, 2008 Prorektor für Studium und Lehre. Seit 2012 ist Strackeljan Rektor der Universität. Im Juli wurde er mit großer Mehrheit zum dritten Mal vom erweiterten Senat wiedergewählt. Von der Landesrektorenkonferenz wurde Strackeljan am 1. Oktober für weitere zwei Jahre zum Präsidenten des Gremiums gewählt.

Magdeburg lSeit 2012 ist Jens Strackeljan Rektor der Universität Magdeburg. Zu Beginn seiner dritten Amtszeit spricht er im Interview über rückläufige Studienanfängerzahlen und die Notwendigkeit eines breiteren Studienangebotes an der Universität der Landeshauptstadt.

Herr Professor Strackeljan, gerade sind Sie in Ihre dritte Amtszeit als Rektor der Uni Magdeburg gestartet, und Sie wurden als Präsident der Landesrektorenkonferenz wiedergewählt. Es könnte schlechter laufen, oder?
Jens Strackeljan:
Ja, darüber freue ich mich natürlich. Die Universität Magdeburg ist in vielerlei Hinsicht auch sehr gut aufgestellt. Trotzdem stehen wir vor einem nicht ganz einfachen Wintersemester. Da wir besonders viele internationale Studierende haben, rechnen wir wegen der coronabedingten Reisebeschränkungen mit einem Einbruch der gesamten Studienanfängerzahl um rund 25 Prozent.

Können Sie da konkrete Zahlen nennen?
Wir haben 1200 Zulassungen an internationale Studierende ausgesprochen. In einigen Studienprogrammen haben wir einen Anteil von 90 Prozent – vor allem aus Ländern wie Indien, wo die Pandemie aktuell besonders wütet. Diese jungen Frauen und Männer können derzeit praktisch nicht zu uns kommen und suchen eventuell nach Alternativen. Dem wollen wir entgegenwirken, indem sich Internationale in diesem Semester erstmals ausschließlich online immatrikulieren können. Darüber hinaus stehen wir mit ihnen in engem Kontakt und beraten gemeinsam die nächsten Schritte. Wir sind eine Präsenzuniversität, Lehre muss daher mittelfristig wenigstens teilweise vor Ort erfolgen.

Welche Folgen hätte ein Einbruch der Studentenzahlen?
Ein so deutlicher Rückgang würde schnell Millionenverluste bedeuten. Für jeden Studienanfänger, jede Studienanfängerin erhält die Universität Hochschulpaktmittel vom Bund. Fehlen 100 Studierende, geht es schnell um mehr als eine Million Euro, die fehlen.

Könnte die Uni die Aufnahme von Studenten aus Risikogebieten überhaupt bewältigen?
Wir wären in jedem Fall überfordert, wenn 250 Personen gleichzeitig einreisen würden. Die aktuellen Einreiseregelungen besagen, dass die Gesundheitsämter keine Corona-Tests mehr aus dem Ausland akzeptieren. Auch Tests auf Flughäfen wird es nicht mehr geben. Ankommende Studierende müssen also in Quarantäne, bis sie einen Negativ-Test vor Ort nachweisen können. Wir könnten mit dem Studentenwerk und unseren Wohnheimen sicher 70 Studierende gleichzeitig managen. Kommen mehr, sind wir auf Unterstützung angewiesen.

Die Uni Halle rechnet mit stabilen Zahlen. Wie kommt das?
Von den Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders betroffen sind ganz klar die Hochschulen mit einem hohen Anteil internationaler Studierender. Neben der Uni Magdeburg gilt das in Sachsen-Anhalt auch für die Hochschule Anhalt. Die Universität Halle hat hingegen ein Studienangebot, das vor allem national nachgefragt und sehr breit aufgestellt ist, unter anderem mit Lehramt, Jura oder Wirtschaftswissenschaft. Dazu kommt, dass für Schüler geläufige Alternativen zum Studienbeginn, wie „work & travel“ im Ausland, coronabedingt in diesem Jahr entfallen.

Das Problem rückläufiger Einschreibungen ist nicht ganz neu. Schon 2019 ging die Zahl der Erstsemester an der Uni Magdeburg zurück. Warum?
Es ist in der Tat so, dass wir mit den Ingenieurdisziplinen und den Naturwissenschaften Studienfächer anbieten, die bundesweit weniger nachgefragt werden. Ausgenommen davon ist die Informatik, hier steigen die Studierendenzahlen. Das digitale Pfund wollen und werden wir nutzen, nach vorne schauen und neue, attraktive Angebote schaffen.

Land und Hochschulen haben sich vor Jahren auf eine Aufgabenteilung verständigt: Magdeburg musste sich auf die Ingenieurwissenschaften und die MINT-Fächer beschränken. Halle verzichtet auf die Ingenieurwissenschaften, bildet dafür aber Lehrer und Geisteswissenschaftler aus. Hemmt diese Beschränkung die Entwicklung der Uni Magdeburg?
Die Strukturteilung war ja prinzipiell sinnvoll und nicht falsch. Zutreffend ist aber auch: Demografische Umstände und hochschulpolitische Realitäten verändern sich, auch in Sachsen-Anhalt. Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen: Ja, eine Landeshauptstadt müsste daraus resultierend eigentlich mehr anbieten können. Im Lehramt ist es ja auch schon in Teilen zu Anpassungen gekommen.

Das unterstellt ein Ungleichgewicht zwischen den Städten ...
Das Pendel kann auch mal wieder in die andere Richtung ausschlagen, aber derzeit besteht dieses Ungleichgewicht. Das Land braucht eine leistungsstarke Universität mit technischen Studienangeboten, das ist auch eine Frage der künftigen Innovationsfähigkeit. Und dazu muss in Magdeburg das gesamte Umfeld passen.

 

Woran machen Sie das Ungleichgewicht fest?
Halle ist dank politischer Entscheidungen Sitz der neuen Cyberagentur des Bundes. Das heißt: Dort wird mit dauerhaft hohen Investitionen ein Exzellenzcluster für Cybersicherheit im Kontext Mensch entstehen, obwohl wir in Magdeburg in der Informatik hervorragend aufgestellt sind und nicht hinter Halle stehen. Für Halle und Mitteldeutschland ist das natürlich eine Riesenchance, denn die Wissenschaftslandschaft wird dieser politischen Setzung folgen.

Wir reden von einer Einrichtung ...
Ja, aber auch, wenn man sich die Infrastrukturentwicklungen beider Städte insgesamt anschaut, müssen wir hier in Magdeburg in Zukunft einiges tun. Im Raum Halle werden dank Struktur-Milliarden des Bundes als Ausgleich für den Kohleausstieg Einrichtungen entstehen, für die es durchaus auch im Norden wissenschaftliche In- frastrukturen und Kompetenzen gibt, zum Beispiel ein Reallabor für die Nutzung grünen Wasserstoffs. Das treibt mich schon um. Die Stadt Halle hat zudem einen ICE-Anschluss und den Flughafen Leipzig/Halle vor der Tür. Das Land muss hier unter dem Gesichtspunkt der Regionalentwicklung Setzungen vornehmen. So befindet sich die Automobilzulieferindustrie des Landes in einem rasanten Strukturwandel. Diesen können und wollen wir als Universität Magdeburg begleiten.

Bis wann müssten diese neuen Setzungen erfolgen?
Im Moment sehe ich noch keine Unterlassung, wir sind in die Planungen und Gespräche eingebunden. Ich hoffe, dass die Studierendenzahlen im Wintersemester 2021 uns einen ersten Hinweis auf die Richtung geben, in die es geht. Brechen die Zahlen stark ein, könnte das langfristig Auswirkungen auf den Standort haben und Investoren werden fragen: „Liefert ihr uns die Absolventinnen und Absolventen, die wir brauchen oder müssen wir uns woanders umschauen?“

Beim Lehramt darf die Uni Magdeburg wegen des hohen Bedarfs seit 2018 neben dem Erstfach Wirtschaft und Technik auch wieder Pädagogen mit dem Erstfach Mathe in Kombination mit Deutsch, Physik, Ethik oder Sport anbieten. Wie wird das angenommen?
Sehr gut! In diesem Jahr werden wir wieder rund 50 Erstsemester im Lehramt mit dem Erstfach Mathematik begrüßen können. Damit werden wir unsere Zielzahl von 200 Erstsemesterplätzen sicher erreichen. Das ist angesichts einer begrenzten Zahl von Abiturienten im Land sehr erfreulich und zeigt, dass der eingeschlagene Weg richtig ist. Es wird aber auch die hohe Nachfrage nach diesem Angebot klar, Lehramtsstudenten kommen auch aus den Nachbarbundesländern wie Niedersachsen oder Brandenburg nach Magdeburg.

Ginge noch mehr?
Wir haben eigene Fachdidaktiken in den Fächern Deutsch oder Sozialkunde. Es wäre ein Leichtes, diese auch unabhängig von der bisherigen Pflicht-Kombination mit Mathe oder Wirtschaft und Technik anzubieten.

Wir haben viel über Strukturen gesprochen. Standorte aber kosten Geld. Die Frage stellt sich gerade auch bei der Universitätsmedizin. Sachsen-Anhalt leistet sich als finanzschwaches Bundesland mit zwei Standorten eine vergleichsweise üppige Infrastruktur. Sind künftig Fusionen oder eine gemeinsame Holding denkbar?
Am politischen Kompromiss zweier Uni-Klinika im Land wird nicht zu rütteln sein. Die Idee einer Holding haben wir uns angeschaut, die Einspareffekte – etwa für Einkauf oder Personalverwaltung – wären sehr gering. Einkaufsverbände etwa gibt es bereits, und sie sind viel größer und schlagkräftiger, als wir es je sein könnten. Die Möglichkeiten sind also begrenzt. Was aber machbar wäre, ist die Lenkung von Patientenströmen, beispielsweise, indem bestimmte Bereiche an bestimmten Standorten angesiedelt werden.

In Magdeburg steht die Fusion der Uniklinik mit dem Städtischen Klinikum im Raum. Wird sie kommen?
Wenn wir uns die Behandlungs- und Operationszahlen, die Fachgebiete, die Einzugsgebiete und vor allem das verfügbare Fachpersonal anschauen, führt aus meiner Sicht an einer Fusion kein Weg vorbei. Schon jetzt bauen beide Häuser an einer gemeinsamen ambulanten Versorgung in der Stadt Magdeburg.

Wie wird das Wintersemester für jene, die kommen können, ablaufen?
Wir werden die Lehre – je nach Praxisbezug und Gruppengröße – in Präsenz und/oder Online anbieten. Bei der Präsenzlehre gilt Abstandspflicht und ein Hygienekonzept auf den drei Campus. Um das umsetzen zu können, werden sich Studierende vor der Teilnahme an der Präsenzlehre registrieren müssen. Es wird in jedem Fall für alle eine Herausforderung, aber wir wollen gern unseren Beitrag dafür leisten, dass die Situation in der Stadt weiter bleibt, wie sie aktuell ist. Dass wir als Einrichtung, die aus ganz Deutschland und der Welt junge Menschen nach Magdeburg zieht, das Risiko für positive Fälle erhöhen, ist uns bewusst. Ich kann aber versichern, dass wir mit der Situation verantwortungsvoll umgehen werden. Trotz der Herausforderungen heißen wir gemeinsam mit der Stadt die Studierenden aus aller Welt herzlich willkommen!