Verbrechen in MitteldeutschlandKellermord an Teenagerin in Dessau - warum musste Stefanie S. sterben? 

Nach einer Nacht im Jugendklub kam Stefanie S. nach Hause und wollte nur ihr Fahrrad anschließen. Dies wurde ihr zum Verhängnis. Ihr Nachbar Andy R. erdrosselte die erst 17-Jährige. Was war passiert? 

06.12.2022, 14:45
Juristin Kimberly Erlebach (r.) erzählt Autor Benjamin Telm in welchen Situationen Menschen zu Mördern werden können. Sie trafen sich dazu in  einem Fahrradkeller.
Juristin Kimberly Erlebach (r.) erzählt Autor Benjamin Telm in welchen Situationen Menschen zu Mördern werden können. Sie trafen sich dazu in einem Fahrradkeller. (Foto: Andreas Stedtler)

Dessau/MZ - Sie waren in einem ähnlichen Alter, besuchten beide denselben Jugendklub und waren zudem Nachbarn – in der Nacht des 28. Mai 2005 wurde er ihr Mörder. Stefanie S. ertappte ihren Nachbarn Andy R. dabei, wie er ein Fahrrad aus dem gemeinsamen Fahrradkeller stehlen wollte. Anstatt die Flucht zu ergreifen, brachte er sie für immer zum Schweigen.

Von außen betrachtet eine unverhältnismäßige Tat. So abstrus, verworren und nicht nachvollziehbar sie scheint, für den Täter ergab sein Handeln in diesem Moment wahrscheinlich Sinn. Denn in den seltensten Fällen handeln Täter aus reiner Mordlust oder aus Affekt.

Für das Gericht spielte später in der Verhandlung die Motivation eine tragende Rolle. Generell ist es eine interessante kriminologische Frage: Schafft die Situation den Mörder oder liegt das Potenzial zum Mord schon in ihm?

Mord, Missbrauch, Machenschaften: Die Nachwuchsjournalisten der MZ haben brisante Verbrechen in Mitteldeutschland recherchiert. Das multimediale Projekt unter: true-crime.mz.de Gemeinsam mit Beteiligten und Experten geben sie in neun Teilen einen Einblick in die Ermittlungen.

Die MZ hat mit einer Expertin des Strafrechts und der Kriminologie über Mordgründe gesprochen – und darüber, wie man zum Mörder „wird“. Zudem kommt eine ehemalige Freundin des Mordopfers zu Wort. Wie erlebte sie die Zeit nach dem Mord und wie geht sie heute damit um? Es geht um den Dessauer Kellermord.

Dessau: Opfer erwischt Nachbarn bei Fahrraddiebstahl

Die 17-jährige Stefanie S. kam in besagter Nacht zwischen Mitternacht und 1 Uhr von einem Jugendklub nach Hause. Die Elftklässlerin wollte nur noch ihr Fahrrad in den Keller bringen und dann den Freitagabend zu Hause ausklingen lassen.

Als sie den Keller betrat, ertappte sie jedoch Andy dabei, wie er ein Fahrrad stehlen wollte. Wahrscheinlich stellte Stefanie ihn zur Rede. Jedenfalls schlug er ihr mehrfach ins Gesicht, bis sie bewusstlos war. Daraufhin entfernte er den Spanngurt von einem Fahrradkorb, um die Schülerin zu erdrosseln, und entkleidete sie teilweise. Schließlich ergriff er die Flucht.

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Nach Mord an Teenager: Falsche Fährten für die Ermittler

Nach dem Fund der Leiche leitete die Polizei die Ermittlungen ein. Die Nachbarn des Hauses wurden befragt, nach Hinweisen gesucht. Niemand hatte etwas mitbekommen. Und Spuren konnten zunächst auch nicht festgestellt werden, genau das war jedoch verdächtig.

Es gab keine Einbruchsspuren – weder an der Eingangs- noch an der Kellertür. Die Haustür mit Sicherheitsschloss wurde nachts abgeschlossen. Und die Stahl-Kellertür fiel alleine ins Schloss, wenn sie nicht offengehalten wurde. 100 Meter von ihrer Wohnung entfernt wurde Stefanies Rucksack auf einem Stromkasten gefunden.

Er wirkte drapiert und lag zudem nicht auf dem Nachhauseweg des Opfers. Die Ermittler vermuteten, dass es so aussehen sollte, als wäre sie ihrem Mörder nicht erst im Haus begegnet. So geriet schließlich der 21-jährige gelernte Koch Andy in den Fokus – ein Nachbar, der zu dem Zeitpunkt eine Bewährungsstrafe verbüßte.

Verhaftung von Andy S. und sein Prozess

Andy kam in Untersuchungshaft. Behauptete, dass er sehr betrunken und auf Drogen gewesen sei, und sich daher nicht an den Abend erinnern konnte. Verschiedene gesicherte DNA-Spuren führten zunächst zu keinem Ergebnis.

Bis schließlich ein Fingerabdruck von Andy am Tatort und – mittels Luminol-Test – Blutspuren des Opfers in seiner Wohnung gefunden wurden. Darauf hin gestand er, zwar in dem Keller gewesen zu sein, jedoch nichts mit dem Tod Stefanies zu tun zu haben. Sie sei bereits tot gewesen, als er sie fand.

DNA-Spuren führen Ermittler zum Täter

Die Leiche habe er lediglich entkleidet, damit man ihn nicht fälschlich verdächtigte. Seines vermeintlichen Zustands wegen wäre er feinmotorisch gar nicht in der Lage gewesen, den Spanngurt zu entfernen, behauptete Andy zudem.

Im vorläufigen Gutachten wurde er zunächst als vermindert schuldfähig eingestuft. Mit einer Demonstration vor Gericht konnte jedoch bewiesen werden, dass es keiner größeren feinmotorischen Fähigkeiten bedarf, einen solchen Spanngurt zu entfernen. Ein möglicher Rausch war also kein Hindernis. Außerdem bestätigten Beamte, dass er bei der Inhaftierung nicht sonderlich auffällig war. Andy hielt aber an seiner Version fest.

Während des gesamten Prozesses war er nicht voll geständig – im Gegenteil. „Alle sind schuld!“, sagte er während der Urteilsverkündung und warf mit Vorwürfen an die Beteiligten um sich.

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Kellermord in Dessau: Kein Geständnis vor Gericht

Das Gericht war sich jedoch aufgrund der Summe der Indizien und Beweise – unter anderem dem Fingerabdruck, dem Blut in der Wohnung und dem Spanngurttest – sicher, dass Andy der Täter sein muss. Er habe Stefanie bewusst ermordet, um den missglückten Fahrraddiebstahl zu verdecken und um einer drohenden Freiheitsstrafe, insbesondere wegen seiner Bewährung, zu entgehen.

Der Tatort: Heute erinnert in dem Fahrradkeller in Dessau nichts mehr an die grausige Tat.
Der Tatort: Heute erinnert in dem Fahrradkeller in Dessau nichts mehr an die grausige Tat.
(Foto: Benjamin Telm)

Warum wurde versuchter Diebstahl mit Mord vertuscht?

Andy wollte laut Gericht den versuchten Diebstahl mit einem Mord vertuschen. Eine Tat, die dem Laien so unverhältnismäßig wie kaltblütig vorkommen mag. Für Experten des Strafrechts und der Kriminologie sei dies allerdings ein sehr häufiger Grund für Mord, sagt Kimberly Erlebach, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der juristischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

„Wegen der Aussetzung der Bewährungsstrafe ins Gefängnis zu müssen, war für Andy wahrscheinlich erst mal das größere Übel in diesem Moment.“ Aus kriminologischer Sicht schrecke die Androhung von Strafe selten ab. Viel relevanter sei das subjektive Entdeckungsrisiko. Die eigene Einschätzung der Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden. „Würden Täter schon davon ausgehen, bei der Tat erwischt zu werden, dann begehen sie die Tat erst gar nicht“, erklärt Erlebach.

Ist jeder Mensch in der Lage, einen Mord zu begehen?

Allerdings ist laut Erlebach bei weitem nicht jeder Mensch in der Lage, einen Mord zu begehen. Ob jemand dazu fähig sei, liege meistens an frühen kindlichen Erfahrungen. „Am wichtigsten ist die Sozialisation. Wie ist ein Mensch aufgewachsen? Hat er in seiner frühen Kindheit Gewalterfahrungen gemacht?“

Lernt ein Kind zum Beispiel, Gewalt als angemessenes Mittel zu nutzen, könne das prägend werden, indem die Person dann eher zur Gewalt neige. Freundeskreise, da sie meist auf Gemeinsamkeiten fußten, könnten Neigungen fördern.

Die Umwelteinflüsse, sei es die momentane Situation oder eben frühkindliche Erfahrungen, spielten immer eine wichtige Rolle. Dies gelte auch in Hinblick auf Alkoholeinfluss und die Psyche. „Aber die Entscheidung, eine Gewalttat zu begehen, wird immer noch von der Person selbst getroffen“, sagt die Expertin. Die genannten Faktoren begünstigen lediglich die Entscheidung zur Gewalttat und sind niemals ein alleiniger Grund.

Schock in Dessau nach Mord an Schülerin

Nach dem Mord waren der Schock und die Anteilnahme der Schüler und Lehrer an Stefanies Gymnasium groß. Für sie begann ein langwieriger Prozess der Verarbeitung. „Das war schwer für alle. Ein krasser Einschnitt, wenn man in die Klasse kommt und da fehlt jemand“, sagt eine damalige Klassenkameradin, die anonym bleiben möchte.

Nach der Tat war in den darauffolgenden Wochen nicht an Unterricht zu denken. „Am Montag in der Schule war es sehr beklemmend, keiner wusste, was er sagen sollte. Die Lehrer hatte es genauso mitgenommen.“ Es gab eine gemeinsame Trauerfeier mit Chor. Um Schüler und Lehrer bei der Verarbeitung zu unterstützen, habe das Gymnasium dann über mehrere Monate Gespräche und psychologische Betreuung angeboten, erzählt sie. Als Klasse hätten sie Stefanie zu Ehren ein Mosaik im Kunstunterricht gestaltet – alle zusammen, auch die Lehrerin.

Und über allem habe die Frage nach dem Warum geschwebt. Warum hat niemand etwas mitbekommen? Warum musste das passieren? „Drüber haben wir uns im Freundeskreis viel unterhalten“, erinnert sich die ehemalige Klassenkameradin.

An Stefanies Grab war die Anteilnahme noch lange zu sehen. Viele ihrer Freunde hinterließen Andenken. Lehrer von Stefanie und auch die Schulleitung wollen sich heute nicht mehr zu dem Mord äußern. „Das sei lange her“, heißt es.

In der Kirche zünde ihre Freundin noch heute jedes Mal eine Kerze für sie an. „Jetzt leben wir schon doppelt so lange wie sie. Wenn ich daran denke, was sie alles nicht erlebt – Kinder, Studium – dann nimmt mich das noch immer mit.“ Die frühere Freundin sagt: „Bei so einer Sinnlosigkeit heilt die Zeit auch keine Wunde.“