Was halten Sie als Kriminologin von dem Fall?

Bettina Goetze: Als ich vor drei Jahren die Vermisstenmeldung in den Abendstunden im Radio hörte, dachte ich zunächst, dass Kind habe sich im Wald verirrt. Entführungen von Kindern im Bundesgebiet sind schließlich selten. Als man aber das Kind auch nach dem Hubschraubereinsatz mit Wärmebildkameras noch immer nicht gefunden hat, habe auch ich über alternative Hypothesen nachgedacht. Ich muss dazu sagen, dass ich den Fall nur intensiv in den Medien verfolgt habe, in die Ermittlungen war ich nicht eingebunden. 2015 gab es unser Institut auch noch nicht. Insgesamt dürfte die Ungewissheit hierbei wohl das Schlimmste für die Angehörigen sein.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Inga noch lebt?

Das frage ich mich auch. Wenn Inga noch leben sollte, dann wäre ja nur vorstellbar, dass eine Person sie unter Zwang irgendwo festhält. Bei dem Gedanken schießen mir Parallelen zum Österreicher Fall Natascha Kampusch in den Kopf. Derartige Fälle sind allerdings äußerst selten. Deshalb sollten wir nicht mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von dieser Theorie ausgehen. So ehrlich muss man die Frage schon beantworten.

Welche Szenarien kommen denn für Sie in Betracht?

Wie gesagt, ein Verlaufen im Wald oder Wegrennen von Inga können wir ausklammern. Die Suchtrupps der Polizei einschließlich Fährtenhunden hätten das Kind spätestens einen Tag nach dem Verschwinden auch bei der großen Waldfläche gefunden. Die Polizei war sofort am Einsatzort und begann eine intensive Absuche der Gegend. Der Angriff eines Tieres im Wald erscheint mir auch nicht plausibel. Für diesen Fall hätte man sicher menschliche Überreste finden müssen.

Bilder

Wie könnte es passiert sein?

Deshalb bleibt nur eine erklärbare Version: Ingas Verschwinden steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit einer Person und damit einem Verbrechen. Mobile Täter, die sich zufällig an diesem Abend in der doch sehr bewaldeten, abgelegenen Umgebung befanden und auf ihr Opfer warteten, sind zwar immer in Betracht zu ziehen, aber eher unwahrscheinlich. Aus meiner Sicht wurde das Kind bei einer günstigen Gelegenheit von einer Person angesprochen, die Inga vermutlich kannte – und sei es durch kurze Gespräche auf dem Gelände – und im Anschluss an einen anderen Ort verbracht.

Falls es demnach ein pädophiler Täter sein sollte, wie könnte er aussehen?

Die Wissenschaft hat zum Thema Pädophilie mittlerweile sehr gute Forschungen praktiziert. Über die Zahl an pädophilen Menschen liegen aber bisher keine gesicherten Erkenntnisse vor. Internationale Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Prozent der Männer pädophile Neigungen aufweist. Es gibt aber auch Schätzungen im Bundesgebiet, die von einem geringerem Wert ausgehen. Der Großteil der Täter ist zwischen 19 und 50 Jahre alt. Die Altersstruktur ist damit recht heterogen. Ich würde also davon ausgehen, dass es sich um einen Mann handelt, vermutlich 40 bis 55 Jahre alt, erwerbstätig. Ich erinnere mich außerdem daran, in einer Studie gelesen zu haben, dass Pädophile häufig recht intelligent sind. Eventuell konsumiert er Foto- und Filmmaterial aus dem Bereich der Pornografie oder Kinderpornografie. In der Öffentlichkeit treten diese Männer sehr angepasst und korrekt auf. Sie dürfen sich hier keinen aggressiven Gewalttäter vorstellen. Vielmehr ist es der Typ lieber Onkel, der es mit allen gut meint. Nach außen treten sie häufig sehr selbstsicher auf, tief im Inneren sieht es aber anders aus, hier sind die Täter sehr gehemmt, versuchen das aber zu leugnen. Letztendlich leben viele Pädophile in einer Scheinwelt. Sie können ihr Gefühlsleben gut verbergen. Häufig agieren sie sehr freundlich und bauen ein Vertrauensverhältnis zu den Opfern auf. Die Täter sehnen sich nach kindlicher Nähe und Berührungen. Forschungsergebnisse haben auch belegt, dass die Täter häufiger in sozialen Einrichtungen tätig sind.

Meinen Sie damit, dass eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Täter auf dem Gelände zu finden ist? Wenn ja, dann müsste er ja bereits vernommen worden sein?

Zumindest wäre es eine logische Variante. Untersuchungen zeigen, dass viele Pädophile einen Beruf ausüben, der mit Kindern, Jugendlichen, Patentinnen und Patienten zu tun hat. Es geht oft um pädagogische Kontexte oder Fürsorge. Das bedeutet aber keineswegs, dass pädophile Menschen ausschließlich in diesen Berufsfeldern agieren, die Bandbreite ist recht groß. Natürlich darf man diese soziale Berufsgruppe nicht unter Generalverdacht stellen. Gleiches gilt für die Mitarbeiter des Diakoniegeländes Wilhelmshof. Aus meiner Sicht stammt der Täter aus dem sozialen Nahraum. Anders formuliert: Die Wahrscheinlichkeit, dass er einen starken Ortsbezug aufweist, ist viel höher, als dass ein Fremdtäter zufällig auf sein Opfer ausgerechnet auf diesem Areal gestoßen ist. Die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Fremdtäter liegt bei 20 Prozent im pädophilen Bereich. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich zu 80 Prozent Täter und Opfer vorab bereits kannten. Mich würde es nicht wundern, wenn sogar der Name des Täters schon in den Akten steht, und sei es nur, weil man ihn damals als Zeuge vernommen hat und er einfach durch das Raster fiel. Die Polizei hat sicher alles Mögliche versucht, um den Täter zu ermitteln. Sie stößt aber auch auf Grenzen. Manchmal fehlen die entscheidenden Beweise.

Es könnten doch auch Patienten oder Besucher als Täter infrage kommen. Das Gelände ist ja frei zugänglich ...

Natürlich ist das auch möglich. Da spricht aber die von mir bereits erwähnte statistische Wahrscheinlichkeit dagegen. Vor dem Hintergrund der Reduzierung des Entdeckungsrisikos ist es schwer vorstellbar, dass Täter und Opfer im Anschluss zu Fuß unterwegs waren. Ob die Umstände für einen Patienten oder Besucher der Einrichtung so passend sind, würde ich fast bezweifeln. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Täter dürfte sich bereits auf dem Gelände befunden haben, indem er einen Bezug dorthin aufweist. Wie dieser aussieht, das ist die zentrale Frage.

 

Was könnte man tun, um den Fall noch zu klären?

Sollte Inga nicht mehr leben, wäre es enorm wichtig, ihren Körper zu finden, um Spuren zu sichern. Auch kann zuverlässiges Profiling mit interdisziplinären Ansätzen hilfreich sein. Das werden die Ermittlungsbehörden vermutlich auch schon veranlasst haben. Wichtig ist auch immer die Qualität einer Vernehmung. Oft spielt die Taktik der Befragung eine entscheidende Rolle. Es gibt sehr gute Vernehmungsspezialisten, hier könnte man im Bedarfsfall auf Schützenhilfe von anderen Bundesländern zurückgreifen. Ferner besteht auch die Möglichkeit, eine Vernehmung einer sogenannten Aussageanalyse zu unterziehen. Hierbei handelt es sich um ein wissenschaftliches Prüfverfahren zur Glaubwürdigkeitsdiagnostik. Aus taktischen Gründen will ich hier aber keine weiteren Optionen nennen.

Hat das alles nach 3 Jahren noch Sinn?

Das müssen die Ermittlungsbehörden entscheiden. Für eine Neubetrachtung eines ungelösten Falles dieser Brisanz ist es nie zu spät. Mitunter kann es sich lohnen, einen sogenannten „Cold Case“ durch weitere Spezialisten erneut zu untersuchen, um den Blick für alternative Optionen nicht zu verlieren. Nicht vergessen werden darf, dass bei pädophilen Menschen eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit vorliegt. Medikamente können den Trieb eindämmen. Zudem wurde 2005 am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charitè das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ ins Leben gerufen. Dieses Angebot wird mittlerweile flächendeckend zur Verfügung gestellt. Aber häufig trauen sich die Täter gar nicht, sich öffentlich zu stellen. Pädophilie kann nicht geheilt werden.

Wenn es nach so vielen Jahren doch noch Zeugen gibt, worauf sollte man achten?

Das größte Gefahrenpotenzial für den Täter war der Moment, wo er das Kind ansprechen musste und es aufforderte, mitzukommen. Falls es tatsächlich Personen gibt, die auffällige Beobachtungen machten und dies nicht gemeldet haben, so kann ich nur dazu ermutigen, sich bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft zu melden. Zeugen sollten sich rückbesinnen, welche erwachsene Person sich übermäßig oft in der Nähe des Kindes aufgehalten oder es oft beobachtet hat. Auch das Verhalten nach einer Tat kann eine Rolle spielen. Vorstellbar wäre noch, dass sich niemand gemeldet hat, aus Angst vor einer Falschbezichtigung. In diesem Fall sollten sie sich trotzdem vertraulich an die Behörden wenden.

Wie dürfte der Täter mit seinem Wissen umgehen?

Er muss bis zum Ende seiner Lebenszeit täglich in den Spiegel blicken und mit der Tat leben, das kann auf Dauer zermürbend sein. Mir ist aber auch bekannt, dass viele Täter ihre Verbrechen einfach ausblenden und selten bereuen. Täter verdrängen die Anteile der Tat und wehren sie ab. Zum Muster der Schuldverdrängung kann aber auch gehören, aus dem gewohnten Umfeld auszubrechen. Ich will damit sagen, es könnte auch sein, dass der Täter irgendwann bei jemandem sein Herz ausschütten will.

Chronologie 2015

2. Mai: Das Mädchen verschwindet irgendwann zwischen 18.30 und 19.30 Uhr in Wilhelmshof, einem Ortsteil von Stendal. Die Polizei vermutete zunächst, dass sie im Wald Feuerholz sammeln wollte. Noch am Abend begann die Suche.

4. Mai: Zwei Tage nach Ingas Verschwinden weitet die Polizei die Suche aus. Mit 1000 Polizisten und Helfern von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk durchkämmt sie den 3500 Hektar großen Wald um Wilhelmshof. Dazu sind Hubschrauber und 60 Spezialhunde im Einsatz.

6. Mai: Die Einsatzkräfte beenden die Suche nach Inga im Wald. Sie hatten vier Tage und Nächte lang gesucht, Teiche ausgepumpt, Stolperfallen und Hänge geprüft.

7. Mai: Die Polizei spricht erstmals offiziell aus, dass ein Verbrechen wahrscheinlich ist.

12. Mai: Die Polizei schaltet zusammen mit der Initiative Vermisste Kinder die Internetseite www.wo-ist-inga.de

2. Juni: Die Polizei  lobt 25.000 Euro Belohnung für den entscheidenden Tipp zu Ingas Verbleib aus. Es ist die höchste Summe, welche die Polizei im Land ausgesetzt hat.  

3. Juni: Die Ermittler starten erneut eine Suche im Wald bei Wilhelmshof. Dieses Mal durchkämmen bis zu 375 Polizisten ein Waldstück fünf Kilometer von Wilhelmshof.

4. Juni: Die Polizei beendet die neuerliche Durchsuchung nach zwei Tagen ohne neue Spur.

Zur Person: Dr. Bettina Goetze

Dr. Bettina Goetze (39), Leiterin des Q118-Instituts für Kriminalanalytik und forensische Psychologie in Magdeburg, hat Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität studiert. Die Magdeburgerin promovierte auf dem Gebiet der Kindstötung durch die eigene Mutter und studierte zudem Kriminologie. Sie gründete das Institut mit.

Das Institut ist spezialisiert auf Aussageanalysen (Glaubwürdigkeitsdiagnostik), die den Anforderungen des BGH entsprechen. Die Experten arbeiten unter anderem auch auf dem Gebiet der Tatortanalyse sowie Täterprofilerstellung.