Greifswald/Halle/Athen (dpa) l Nach dem Nachweis des gefährlichen West-Nil-Virus bei einem Bartkauz im Zoo von Halle beginnen Experten dort mit dem Einsammeln von Mücken. Dazu würden Mückenfallen mit Lockstoffen aufgestellt, teilte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems am Donnerstag mit. Zudem würden Wasserflächen nach Eiern und Larven abgesucht, sagte eine Sprecherin des Instituts. Stechmücken gelten als Überträger des Erregers, der erstmals bei einem Vogel in Deutschland nachgewiesen wurde. Auf welchem Weg der Erreger den Bartkauz infizierte, wissen die Forscher bislang nicht. Allerdings gehen sie davon aus, dass auch hiesige Stechmücken-Arten das Virus übertragen können.

Angesichts des ersten Nachweises des Krankheitserregers bei einem Vogel in Deutschland steht das Robert Koch-Institut nach eigenen Angaben mit dem FLI, dem Gesundheitsamt in Halle und dem Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt in Kontakt. "Untersuchungen von Zoo-Angestellten sind nach unserer Kenntnis aktuell nicht geplant", sagte Klaus Stark vom RKI. "Wenn aber klinische Verdachtsfälle auftreten, müssen sie schnell abgeklärt werden." Generell müsse die Ärzteschaft in der Region Halle dafür sensibilisiert werden, Patienten mit Verdacht auf Enzephalitis oder Meningitis auf das Virus zu untersuchen.

Erster Befund in Deutschland

Wichtig ist auch die Ursache nach der Quelle. "Wir haben bislang nur den einen Befund in Halle und müssen jetzt von diesem Befund aus versuchen, die Eintragspforten und -wege zu rekonstruieren", sagte der FLI-Leiter des Instituts für neue und neuartige Tierseuchenerreger, Martin Groschup. Der langanhaltende trockene Sommer könne das Auftreten des Erregers befördert haben. In kürzeren und nassen Sommern komme der Entwicklungszyklus des Virus in Mücken nicht so gut in Gang.

Das Institut geht davon aus, dass heimische Mückenarten als Überträger infrage kommen. Laborexperimente hätten gezeigt, dass etwa die Gemeine Stechmücke (Culex pipiens) das Virus nicht nur in sich tragen könne, sondern auch in der Lage sei, den Erreger zu übertragen, sagte die Leiterin des Referenzlabors für West-Nil-Virus am FLI, Ute Ziegler.

Großes Mückenmonitoring

Zusammen mit anderen Instituten ist das FLI an einem Mückenmonitoring beteiligt, bei dem seit 2015 an 144 Standorten in Deutschland Mücken gefangen, tiefgekühlt und dann gezielt auf Krankheitserreger untersucht werden. Bei diesem Monitoring seien andere virale Erreger wie Usutu, Sindbis und Batai nachgewiesen worden – aber bislang kein West-Nil-Virus. In Deutschland fehlt damit der Nachweis in der freien Natur, aber in anderen Regionen Europas sei die Gemeine Stechmücke als Überträger bereits nachgewiesen.

In einem seit 2010 laufenden Wildvogel-Monitoring wurden in Deutschland jährlich Hunderte Vögel auf Erreger, unter anderen auch das West-Nil-Virus, untersucht. Bislang habe es keine Nachweise des Erregers bei Wildvögeln gegeben. Potenziell kämen aber Zugvögel als Einträger des Virus in Betracht.

Sperlingsvögel besonders empfänglic

"Es ist aus anderen Gebieten bekannt, dass infizierte Wildvögel das Virus in sich tragen können und sich die heimische Stechmücke am Vogel infiziert und den Erreger so weitergibt", sagte Ziegler. Als besonders empfänglich für den Erreger gelten Sperlingsvögel – vor allem Raben, Krähen und Häher – sowie einige Greifvogel- und Eulenarten wie der Bartkauz. Möglich sei auch, dass infizierte Mücken mit Gepäck oder in Fahrzeugen aus Urlaubsgebieten nach Deutschland transportiert worden sind.

Der erste Nachweis des auch für den Menschen gefährlichen West-Nil-Virus wurde bei einem Bartkauz im Zoo Halle nachgewiesen. Das sagte Zoochef Dennis Müller am Mittwochabend. Das Tier sei Mitte August gestorben und routinemäßig zur pathologischen Abklärung geschickt worden. Das Ergebnis habe den Tierpark überrascht. Weitere Zootiere seien jedoch nicht erkrankt. Es bestehe keine Gefahr für Besucher. Daher werde der Tierpark auch am Donnerstag wie gewohnt öffnen. Besucher müssen sich allerdings darauf einstellen, im Zoo Halle keine Bartkäuze mehr zu stehen.

Tod durch Usutu-Virus

Der Grund: Die nordischen Eulen sterben derzeit bundesweit vermehrt am Usutu-Virus, einem engen Verwandten des West-Nil-Virus. Das traf auch den Bergzoo: "Wir hatten ein Bartkauz-Pärchen und beide sind innerhalb von einer Woche gestorben", sagte Müller. Ein Tier verendete am Usutu-Virus, das zweite am erstmals hierzulande bei einem Vogel nachgewiesenen West-Nil-Virus. "Ich möchte keine Tiere halten, die ich dann in kurzen Abständen verlieren muss", begründete Müller die Entscheidung. Bartkäuze stammen aus Skandinavien. Es sei zu vermuten, dass ihr Immunsystem für subtropische Viren, die warme Temperaturen brauchten, besonders anfällig sei, sagte Müller.

Südeuropäische Länder melden derzeit verstärkt tödliche Fälle von West-Nil-Fieber vor allem bei älteren Menschen. In Deutschland tritt die Erkrankung nur sehr selten auf, bisher hatten sich alle Betroffenen im Ausland infiziert.

Viele Südeuropäer erkranken

In südeuropäischen Ländern erkranken in diesem Jahr vergleichsweise viele Menschen, wie der Epidemiologe Klaus Stark vom Robert Koch-Institut in Berlin sagte. Die Gründe seien unklar, Einfluss hätten zum Beispiel bestimmte Mücken- und Vogelpopulationen sowie das auch dort schon lange anhaltende Sommerwetter.

Allein in Serbien gibt es seit Jahresbeginn 21 bestätigte Todesfälle, wie die Behörden am Mittwoch mitteilten. In Griechenland starben bisher 16, in Italien mindestens 10 Menschen nachweislich an dem Virus. In den drei Ländern wurden insgesamt rund 400 weitere Infektionen nachgewiesen. Auch aus Rumänien, dem Kosovo, Bosnien, Kroatien, Ungarn und Frankreich wurden bestätigte Fälle gemeldet.

Erkrankungen können tödlich enden

Die tatsächliche Zahl der Infizierten dürfte noch weitaus höher liegen: Die meisten Erkrankten haben keine oder nur harmlose Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen – und gehen deshalb nicht zum Arzt. Bewohnern betroffener Gebiete wurde im griechischen Staatsrundfunk geraten, Verdampfer oder andere Mittel gegen Insekten zu nutzen.

Typische Symptome von West-Nil-Fieber sind Muskelschmerzen, geschwollene Lymphknoten und Fieber. Bei etwa einer von 100 Infektionen komme es zu einem schweren, das Gehirn betreffenden Krankheitsverlauf, erklärte RKI-Experte Stark. Ein Teil dieser Erkrankungen ende tödlich.

Bei Vögeln bleibe eine Infektion mit dem West-Nil-Virus meist symptomlos, erläuterte das Institut. Eine Reihe von Vogelarten sei jedoch empfänglich für den Erreger, so dass es zu massiven Epidemien mit Todesfällen kommen könne.

Mit Usutu-Virus verwandt

Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts werden seit vier Wochen deutschlandweit vermehrt tote Wildvögel gefunden – meist am Usutu-Virus verendete. Das West-Nil-Virus ist eng verwandt mit diesem Erreger. Wildvogel-Proben, die an das Nationale Referenzlabor für West-Nil-Virus-Infektionen am FLI geschickt werden, werden stets auf beide Viren untersucht.