Internationaler Pride Month

Von Mann zu Frau: Transgender Elna Maria Rackwitz erzählt von ihrem Weg zum "neuen Ich"

Die Welt befindet sich mitten im internationalen Pride Month. Ein Aktionsmonat, in der die LGBTQ-Community im Fokus steht. Auch Elna Maria Rackwitz aus Sachsen-Anhalt gehört dazu, denn geboren wurde sie mit einem männlichen Geschlecht. In einem exklusiven Volksstimme-Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Von Linda May van Bui 17.06.2021 • Aktualisiert: 18.06.2021, 09:27
Die 55-Jährige unterzog sich im Jahr 2019 einer geschlechtsangleichenden OP.
Die 55-Jährige unterzog sich im Jahr 2019 einer geschlechtsangleichenden OP. Foto: Elna Maria Rackwitz

Halle - Elna Maria Rackwitz wurde als Alexander Rackwitz geboren. Die 55-Jährige lebt heute in Halle und arbeitet dort in der häuslichen Intensivpflege. Drei Mal war sie in ihrem vorherigen Leben, als Mann, verheiratet. Entstanden sind daraus zwei Töchter, die mittlerweile schon 22 und 25 Jahre alt sind.

Elna Maria Rackwitz habe die klassische Vater- und Ehemann-Rolle bis zur Umwandlung zwar gelebt, aber ein ganz besonderer Wunsch plagte die studierte Erziehungswissenschaftlerin bereits seit ihrer Kindheit - der Wunsch nach einem weiblichen Erscheinungsbild. Im exklusiven Volksstimme-Interview stellt sie sich unseren Fragen rund um ihre Transformation.

Volksstimme: Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie sich als Mann nicht ganz wohlfühlten?

Elna Maria Rackwitz: „Ich habe das schon relativ früh als Kind gemerkt. Es war die Lust am ‚anders kleiden‘. Ich habe dann Sachen meiner Mutter anprobiert und fand es total toll. Aufgewachsen bin ich auf dem Land. Das war zu diesen Zeiten eine Herausforderung für mich. Ich war 10 Jahre alt, da war natürlich immer die Scham dabei. Wenn man auf dem Dorf aufwächst, dann darf es keiner erfahren. Da war etwas, was ich leben wollte, aber nicht durfte.“

Wann und wie haben Sie sich geoutet? Wie haben Freunde und Familie reagiert?

„Das ist unterschiedlich verlaufen. Meiner zweiten Ehefrau habe ich mich anvertraut, als unsere zweite Tochter geboren wurde. Das war ungefähr 1998/ 1999. Der Schritt, mich zu outen, war natürlich schwer. Die Angst, nicht akzeptiert oder ausgelacht zu werden, ist immer mitgeschwungen. Aber ich habe es nie geschafft das zu leben, was andere als Normalität empfinden. Meine damalige Ehefrau ließ sich dann scheiden.

2010 bin ich nochmal eine Ehe mit einer Frau eingegangen und habe im Rahmen der Beziehung auch versucht als Ehemann zu leben. Ich habe sie einfach so sehr geliebt. Aber das habe ich auch nicht hingekriegt. Ich habe mich immer falscher gefühlt. Ich habe dann eine Hormontherapie begonnen, dadurch veränderte sich mein Körper. Die Brüste haben angefangen zu wachsen. Da hat sie sich von mir getrennt, weil sie das nicht aushalten konnte.

Geoutet habe ich mich ganz offiziell dann erst 2015 mit der Hormontherapie und 2017 dann auch äußerlich. Da habe ich dann auch offensichtlich weibliche Kleidung getragen.

Das Outing war aber eher ein Prozess in dem ich natürlich auch Freunde verloren, doch mittlerweile auch Neue gewonnen habe. Meine Familie hat relativ kulant reagiert. Natürlich haben meine Töchter etwas Zeit gebraucht, um sich daran zu gewöhnen. Das Verhältnis ist aber bis heute harmonisch..“

Collage von Elna Maria Rackwitz, die den Prozess zur Frau bebildert.
Collage von Elna Maria Rackwitz, die den Prozess zur Frau bebildert.
Foto: Elna Maria Rackwitz/ Christiane Götschel

Hatten oder haben Sie noch immer mit Diskriminierung deswegen zu kämpfen?

„Natürlich gab’s die, klar. Wenn ich auf der Straße war, da wurde komisch geguckt und komisch reagiert. Ich meine, ich bin groß und falle auf. Wir irritieren. Ich selbst habe starke Diskriminierung glücklicher Weise nicht kennengelernt - durch sicheres Auftreten, Selbstbewusstsein und Schlagfertigkeit.

Eine Bekannte, ebenfalls Transfrau, hingegen schon. Vor zwei Jahren an Weihnachten wurde an ihre Wohnungstür ‚Transen ins Gas‘ geschrieben. Sie bekam auch mal den Spruch ‚Wenn wir an der Macht sind, seid ihr die ersten, die wir tot machen‘ an den Kopf geknallt.

Diskriminierung ist im Moment aber auch auf politischer Ebene präsent. Die Ablehnung des Selbstbestimmungsgesetzes oder der Vergleich der AfD, von Trans-Menschen mit Schweinen und Kühen, sind nur einige Beispiele.“

Wann und wie haben Sie Ihren Körper verändert? Gab es Komplikationen?

„Nach zwei Burn-Outs habe ich gemerkt, dass ich was verändern muss. Im Juni 2015 wandte ich mich an einen Leipziger Spezialisten und ließ mich beraten. Da begann ich dann mit einer Hormontherapie. Das war für mich der glücklichste Tag im Leben. 
Es war mein innerer Wunsch Brüste zu haben und weiblich auszusehen.

Trotzdem hat die Therapie und das damit einhergehende Runterfahren des Testosterons, auch Nebenwirkungen gezeigt. Schüttelfrost, Unwohlsein und depressive Phasen zum Beispiel. Ich habe jetzt immer noch taube Füße von den Auswirkungen dieser Therapie. Das wird erst mit den Jahren besser. Aber das Östrogen hat natürlich auch meine Wahrnehmung verändert. Farben, Gespräche und Eindrücke wurden anders.

Die Entscheidung zur OP kam relativ spät. Im November 2019 ließ ich mich auf Empfehlungen hin bei einem Magdeburger Professor an der Uniklinik operieren. Mit dem Ergebnis bin ich richtig zufrieden, Auch mein Lebensgefühl hat sich positiv verändert. Die Sexualität ist so schön wie noch nie!“

Konnten Sie Ihre persönlichen Dokumente ändern lassen?

„Das Transsexuellen-Gesetzt ist so: Wenn du dich entscheidest, deinen Namen und deine Dokumente ändern zu lassen, dann benötigst du zwei Gutachter. Mit diesen wird dann ein Gespräch geführt, in dem du befragt wirst. Du musst dich da echt seelisch ausziehen. Die nehmen dann natürlich auch viel Geld. Nachdem das alles dann noch vor Gericht abgesegnet wurde, muss man zu sämtlichen Ämtern, um die Dokumente ändern zu lassen.

Insgesamt hat mich dieser ganze Prozess 2200 Euro gekostet, was ich nun in Raten begleiche. Das wissen die meisten nicht, dass es uns auf dieser rechtlichen Schiene so schwer gemacht wird.“

Wie gehen aktuelle Date-Partner mit Ihrer Geschichte um?

„Naja ich bin bi und stehe auf beide Geschlechter. Ich gehe natürlich offen mit meiner Veränderung um. Doch mir fällt auf: Männer können nur ganz schwer damit umgehen. Entweder sind wir Exoten oder werden als ‚She-Males‘ gesehen – Frauen, bei denen das männliche Geschlechtsteil noch vorhanden ist. Viele denken, dass wir in der Porno-Industrie arbeiten würden.“

Sie haben eine tiefe Stimme – wollen Sie das noch ändern oder haben Sie sich bewusst dafür entschieden?

„Im Moment fühle ich mich wohl mit meiner tiefen Stimme. Natürlich könnte ich eine Stimm-Therapie machen oder einen OP-Eingriff vornehmen lassen - aber es ist ok, so wie es ist. Im Urlaub habe ich mal mittels logopädischer Übungen eine 'neue Stimme ausprobiert'. Dabei habe ich mich so unwohl gefühlt. Daher belasse ich es bei der Entscheidung. Zu viel Veränderung in diesem Alter und in diesem kurzen Zeitraum kann ich auch nicht aushalten.“

Ist das Thema Transgender oder allg. LGBTQ in Sachsen-Anhalt präsent?

„Naja es gibt ja die Außenstelle des TIAM e.V. (Trans-Inter-Aktiv Mitteldeutschland) in Magdeburg und das Begegnungs- und Beratungs-Zentrum „Lebensart“ e.V. in Halle (kurz: BBZ). Beides sind gemeinnützige Vereine, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzen. Ich selbst engagiere mich im BBZ als Gruppenleiterin, berate Menschen, denen es wie mir erging und versuche sie auf diesem schweren Weg zu begleiten.

Trotzdem gibt es Aufklärungsbedarf und den Bedarf nach Wissensvermittlung - und das schon unter den jungen Menschen. Wenn mehr Leute in Schulen gehen würden, um Vorträge und Präsentationen zu halten, um uns zu repräsentieren – das würde schon viel helfen. Es würde betroffene Pubertierende unterstützen. Im Lehrplan wird es doch kaum beleuchtet, dass man sich auch zwischen ‚nur männlich‘ und ‚nur weiblich’ empfinden kann. Dabei sind rund drei Prozent - eine Dunkelziffer in dem Fall - der Bevölkerung Trans. So könne man so viel seelisches Leid und Suizide verhindern.“

Wie geht es Ihnen heute?

„Also ich habe eine Arbeit, die mich erfüllt. Ich habe Freundinnen. Ich schreibe gerne Gedichte und könnte bald ein Buch veröffentlichen. Ich habe eine schöne Wohnung. Mir geht es gut. 

Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Aber ich habe dafür natürlich auch viel dafür geopfert und getan.“