Magdeburg l Nackt stampfen ihre Füße auf den Boden. Sie geben den Rhythmus des Liedes vor, das die Sängerin vorträgt und verleihen ihrem Auftritt Schwung. Schon am nächsten Morgen stecken diese Füße wieder in schweren Wanderschuhen und tragen Sabine Kuhnert weiter, durch ganz Deutschland, von Ort zu Ort. Ein halbes Jahr lang bleiben diese Füße immer in Bewegung.

Sabine Kuhnert hat alten Ballast abgeworfen, Job und Wohnung gekündigt und wandert ins Ungewisse. Kleidung und Möbel warten eingemottet im Keller bei Freunden. „Ich wollte wissen: Was passiert eigentlich, wenn ich einfach loslaufe und das Leben auf mich zukommen lasse?“, erzählt Kuhnert. Durch Konzerte finanziert sie sich. Ob in Stadtbibliotheken, Gesundheitszentren oder auch durch Gigs bei Gastgebern zu Hause. „Gerade Wohnzimmerkonzerte sind für mich etwas Besonderes, das ist eine tolle Atmosphäre und man kommt mit den Zuhörern gut in Gespräche“, sagt die 46-Jährige.

Es hat einen Hauch von ganz großem Abenteuer.

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Ballast abwerfen

Gerade erst war Sabine Kuhnert in Burg und Magdeburg, zuvor besuchte sie beispielsweise Eisenach, Weimar, Leipzig und die Dübener Heide. am heutigen Sonnabend wird sie in der Nähe von Hildesheim ankommen. Alles zu Fuß. Nichts steht weit im Voraus fest. Ihre Konzerte organisiert die Ful-daerin von unterwegs, per Laptop und Handy. Gern auch im Bistro als Arbeitsplatz. „Das ist nicht leicht, denn dort, wo ich hinkomme, kennen mich die Menschen ja noch nicht“, erzählt die Sängerin. Im Voraus weiß sie nicht, ob zwei Zuhörer oder 30 kommen.

Auch wenn die 17 Kilo ihres Rucksacks auf ihrem Rücken lasten – Druck verspürt die Sängerin während ihrer Wanderung nicht. Ballast gab es nur in ihrem „alten“ Leben, mit der Doppelbelastung, die viele Künstler spüren: Neue Projekte, neue Bands, Auftritte.

Viel Anerkennung, das schon. So gewann ihre Ladypop-Band „Sabinett“ den Hessischen Rock- und Pop-Preis. Auch ein Kabarett-Programm hat sie schon auf die Beine gestellt. Trotzdem war das Geld immer knapp. Deswegen die Jobs, um Geld zu verdienen: Als Videoreporterin, als Kellnerin, in Bürojobs, als Seniorenbetreuerin – sogar als Postbotin arbeitete sie. Zwei Leben in einem – das war belastend. Sabine Kuhnert hatte einen Burn Out.

Lebensweisheiten per Song

Die Idee zu der Reise kam der der Künstlerin nach dieser Lebenskrise. Und der Zeitpunkt passte, weil ihr Hexenhäuschen in der Rhön nicht mehr bewohnbar war und sie sich ohnehin was Neues suchen musste. Ihr Plan: Ein Leben im Hier und Jetzt. Neue Menschen und neue Ideen kennenlernen.

Ihren Songs merkt man keine Last an. Locker, fluffig, rhythmisch verpackt sie Botschaften zum Mitwippen: „Wenn Du was ändern willst, musst Du Dein Ändern leben, sonst ändert sich in Deinem Leben nichts“ oder „Lass los, lass alles gehn, was nicht zu Dir gehört, lass Dein Leben geschehn“.

Wo früher ein durchgetakteter Alltag herrschte, ist jetzt Improvisationstalent gefragt. Auch beim Auftritt. „Ich habe leider kein klassisches Musikinstrument gelernt, aber Rhythmus, das liegt mir“, sagt Sabine Kuhnert. Also hat sie sich ein Waschbrett selbst gebastelt. So ein „Skiffle“-Instrument benutzen beispielsweise Musiker bei Blues und Jazz. Sabine Kuhnert klopft mit Fingerhüten auf die Unterlage, eine Aluplatte, die sie sich über den Bauch gehängt hat. Sie schlägt die Schellen, die seitlich am Brett montiert sind, stampft mit den Füßen und klatscht mit den Händen.

Praktisch: Das leichte Brett schnallt sie ganz einfach hinten auf ihren Rucksack. Einen Becher für einen „Cup Song“ hat die Sängerin auch dabei. Becherakrobatik und Händeklatschen. Dazu Gesang a capella. Ihre Stimme kann einen großen Raum füllen.

Die Auftritte bleiben, der Stress ist weg.

Neuem begegnen

Entschleunigen, dem Trubel entkommen. Darum geht es auch in ihrem Programm „Glück zum Selbermachen“: Eine Mischung aus eingängigen Songs und kurzen Vorträgen, wie man Ruhe und Gelassenheit in sein Leben bringen kann. Erzählungen von eigenen Erfahrungen. Tipps, wie man die eigenen Lebensziele verwirklicht. „Wichtig ist mir, andere Menschen und neue Ideen oder Initiativen kennenzulernen“, betont Sabine Kuhnert. Sie will Gleichgesinnte treffen und neue Projekte entwickeln. Sie selbst interviewt auch Projektinitiatoren und stellt die Gespräche in ihren Blog. So beispielsweise die Initiative „Sauberes Mariental“, Achtsamkeitsexperten oder Nachhaltigkeitsinitiativen. In Wittenberg trat sie im Alten Rathaus auf. In Eilenburg in einem Wohlfühlcafé. In Burg in der Stadtbibliothek. Und wie sind die Menschen, auf die sie trifft? In Eisenach hat ein Ehepaar sie spontan zum Essen eingeladen. In Weimar klagte eine Frau, dass sie sich zu alt fühle, um noch Kurse anzubieten. Nach dem Gespräch hat sie es dann doch gewagt. „Es ist nie zu spät, seine Träume zu leben“, ist die Botschaft der Sängerin.

Couchoffice mit Laptop

Entspannung pur aber ist eine Illusion. Kaum angekommen, muss die Künstlerin bereits die folgenden Stationen organisieren. Oft kommt sie über Couchsurfing bei Privatpersonen unter – hier bekommt sie kostenlos einen Schlafplatz. Der verwandelt sich aber schnell zum „Couchoffice“ – zum mobilen Büro auf dem Sofa. Die nächsten Übernachtungen, die nächsten Auftritte werden mit Laptop und Handy vereinbart. Ihre Fans auf Facebook und Instagram versorgt sie mit Neuigkeiten, Bildern und Selfie-Videos von unterwegs. Es steckt viel Mühe hinter der Lockerheit. Aber wer will, kann ihr einen Kaffee oder Erkältungstee dazu spendieren – online per paypal.

Geld ist natürlich ein Thema. Mehr als zehn Euro am Tag kann sie nicht ausgeben. Sonst klappt es nicht. Trotzdem spendet sie zehn Prozent ihrer Einnahmen an die Björn Schulz Stiftung, die in Berlin ein Kinderhospiz betreibt.

„Ich habe meine Entscheidung nicht bereut“, betont Sabine. Ihr Traum für die Zeit nach der Reise: „Von meiner Musik leben zu können.“ Und noch ein Weiteres: „Ich hoffe, dass am Schluss der Reise ein Netzwerk aus Gleichgesinnten entstanden ist, mit dem ich gemeinsam neue Projekte umsetzen kann.“

Sie sagt: Es lohnt sich.

Eine Portion Mut

Schritt für Schritt wandert sie weiter auf ihrer Route. Bis Hamburg stehen die Stationen fest, auf ihrem Weg nach Süden ist noch Spielraum für Spontanität. „Ein Plan ist, durch den Harz zurückzukommen.“ Wer will, kann noch ein Konzert mit ihr vereinbaren. Der Weg ist das Ziel, und dazu gehört eine gehörige Portion Mut. Kälte macht ihr nichts aus, das vergeht beim Laufen. Starker Wind weht sie auch schon mal zur Seite – trotzdem, weiter geht´s über Stock und Stein.

„Viele fragen mich, ob ich Angst vor Wölfen habe“, lacht sie. „Aber die greifen Menschen doch überhaupt nicht an.“ Da fürchtet die Mittvierzigerin schon eher Wegstrecken direkt an Landstraßen entlang, die keinen Fußweg haben. „Acht Kilometer im Straßengraben machen keinen Spaß.“

Dieser Weg ist auch ein Sinnbild für ihren Lebensweg. „Ich treffe Menschen, die sich nicht in Schubladen stecken lassen – so wie ich. Menschen, die ihren Traum leben und dafür auf Sicherheit verzichten.“ Seine Sorgen zurücklassen, der Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen, alles auf sich zukommen lassen – Sabine Kuhnert möchte es am liebsten allen empfehlen. „Jeder kann glücklich werden, denn das Glück liegt in einem selbst.“ Und wo auch immer ihre Route sie entlangführt, eines steht fest: Sabine Kuhnert kommt am Ende bei sich selbst an.

Mehr zur Reise von Sabine Kuhnert:

Blog: www.sabine-kuhnert.de

Facebook: #glückzumselbermachen

#wanderluststattalltagsfrust“

Instagram: sabineentschleunigt