Magdeburg l Eine dünne , aber folgenreiche ADN-Meldung stand am 11. Juli 1989 in den DDR-Zeitungen: „Nach kurzer stationärer Behandlung einer Gallenkollik wurde der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker am Montag aus dem Krankenhaus entlassen. Er trat am gleichen Tage planmäßig seinen Jahresurlaub an.“ Die Mitteilung sollte bekunden, dass Honecker nicht unheilbar krank ist, wie es Gerüchte nach dessen überstürzter Abreise vom Bukrarester Ostblock-Gipfel besagten.

Doch fehlte die Information, wer nun die Staatsgeschäfte führte. Das war nämlich nicht Egon Krenz, der für Honeckers Kronprinz gehalten wurde. Der greise Generalsekretär bestimmte vielmehr Günter Mittag, den berüchtigten Wirtschaftslenker der DDR, zum Statthalter.

In Agonie versunken

Ein Fehler, der sich rächen sollte. Während der Stellvertrerschaft Mittags uferte die Fluchtbwegung aus, nahmen die ökonomischen Schwierigkeiten zu, formierten sich Oppositionsgruppen. Entscheidungen wären nötig gewesen. Mittag konnte oder durfte sie nicht treffen. Das Land versank in Agonie.

Heinz Keßler, damals Verteidungsminister und Politbüromitglied schrieb später: „Bis zu diesem Zeitpunkt war es ausnahmeslos nicht nur erwartet, sondern vorbereitet worden, dass Egon Krenz der Nachfolger von Erich Honecker wird. Aber von diesem Zeitpunkt an (...) merkte Erich Honecker, dass Gorbatschow und die Seinen hier bei uns in der DDR eng zusammenwirkten.“

Krenz wurde also zu den Gorbatschow-Jüngern gezählt, während Mittag, Honecker und übrigens auch Keßler auf ihren reformfeindlichen Linie abwichen. Dennoch hielt Keßler von Mittag wenig: „Ich will nicht bestreiten (...) das Mittag von Ökonomie viel verstand, aber von Politik (...) hat er nicht sehr viel verstanden und menschlich war er nicht der angenehmste.“ Davon konnten die Kombinatsdirektoren der DDR, die von Mittag einmal im Jahr zusammengefaltet wurden, ein Lied singen. Dabei war es Mittags Wirtschaftspolitik, die das Land schnurgerade in Richtung Ruin führte. Doch hatte es der gelernte Eisenbahner und studierte Ökonom es sowohl unter Walter Ulbricht als auch später unter Honecker geschafft, sich unverzichtbar zu machen.

Von den Ränkespielen in der Berliner Zentrale wusste das Volk in der Provinz wie immer wenig bis nichts. Die Medien hatten dieses Thema weisungsgemäß zu ignorieren.Ihre Informationen bezogen die meisten DDR-Bürger ohnehin aus dem „Westrundfunk“, Teile Sachsen oder der Uckermark mangels Empfangsmöglichkeiten ausgenommen.

Aus diesen Quellen war zu erfahren, dass zunächst tröpfelnde Fluchtbewegung zum wahren Strom anschwoll. Immer mehr DDR-Bürger wollten nicht auf die Genehmigung von Ausreiseanträgen warten und versuchten, über Botschaftsasyl in den Westen zu kommen. Das begann in der bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und setzte sich in den Botschaften von Budapest, Prag und Warschau fort. Die Vertretungen werden teils wegen Überfüllung geschlossen. Erst am 5. August gab die DDR-Führung im Fernsehen zu, dass es eine Fluchtbewegung in die Botschaften gebe.

Um den Treck nach Westen einzudämmen, waren von der SED-Bezirksleitung Magdeburg bereits Monate zuvor Arbeitsgruppen eingesetzt worden, die die DDR-müden Mitbürger von ihrem Vorhaben abringen sollten. Etwa mit einer neuen Wohnung. Häufig werden die Anträge wegen schlechter Behausungen gestellt.

Viel Erfolg hatten die Genossen nicht. Im Bezirk Magdeburg kamen im August 1989 auf 10 .000 Einwohner 26 Antragsteller. In Magdeburg, das die Spitze bildete, waren es sogar 46 Ausreisewillige auf 10 .000 Einwohner. Insgesamt fliehen im August fast 21.000 Menschen aus der DDR in den Westen 12.812 Einwohner dürfen legal die Seiten wechseln.

Die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei (BdVP) Magdeburg stellt am 30. August 1989 resigniert fest: „Die Republikflucht ist in allen Bereichen der Bevölkerung als bestimmendes Thema festzustellen und wird eine Fortsetzung finden.“

Die Leute fehlen

Mit gravierenden Auswirkungen für die angeschlagene Wirtschaft. Als Honecker Ende September abgemagert und verhärmt ins Amt zurückkehrte, fehlten im Magdeburger SKET bereits 25 Prozent der Beschäftigten für die Drei-Schicht-Besetzung.

Die Risse im System waren nicht mehr zu kitten. Im Gegenteil: Nachdem der Generalsekretär von den eigenen Leuten unter Führung von Egon Krenz abgesetzt wurde, verwandelte sich die DDR in binnen Kurzem in einen Scherbenhaufen.