Zukunftsinstitut

Das Zukunftsinstitut wurde 1998 gegründet. In Deutschland hat die Gesellschaft ihren Stammsitz in Frankfurt/Main. Niederlassungen gibt es unter anderem in Berlin und Wien.

Das Forscher- und Beraterteam erkundet Fragen der Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Wo sind Veränderungen absehbar? Welche Trens werden unsere Gesellschaft prägen?

Das Institut veröffentlicht regelmäßig Studien und berät Unternehmen und Institutionen. Mehr Infos unter: www.zukunftsinstitut.de

Magdeburg l Zukunftsforscher Daniel Dettling plädiert für die Stärkung von Regionen und Kommunen. Und er spricht sich für das Ende der „Ost-West“-Vergleiche aus. Volksstimme-Chefredakteur Alois Kösters sprach mit dem Wissenschaftler.

Herr Dettling, wie sahen denn vor 30 Jahren Zukunfts-Projektionen aus?
Daniel Dettling: Auch die Zukunftsforscher hatten die Wiedervereinigung nicht auf dem Schirm. In Ost wie West wurde eher linear gedacht. Alles bleibt wie es ist - mit ein paar Veränderungen. Die Westdeutschen erwarteten eine Entwicklung hin zum Postnationalen. Gemeint ist die stärkere Integration Deutschlands in die Europäische Union unter Preisgabe von nationaler Souveränität. Die Ostdeutschen wollten von Internationalisierung und Völkerfreundschaft nach der Wende zum Entsetzen der Westdeutschen nichts mehr wissen. Ihnen ging es um die nationale Einheit, nationale Solidarität und nationale Souveränität.

Die Entstehung des neuen Nationalismus schon in den 1990ern?
Ja, die Ostdeutschen folgten nicht der westdeutschen Erzählung der „postnationalen Nation“. Sie waren die ersten, die wie später ganz Osteuropa, die nationale Souveränität betonten.

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Das sind sehr verschiedene Zukunftserwartungen, die sich kaum auf einen Nenner bringen. Weder innenpolitisch noch bei der Ausgestaltung einer europäischen Gemeinschaft.
Es ist durchaus eine Synthese von Globalismus und Nationalismus denkbar. Wir Zukunftsforscher sprechen von Glokalisierung (ein Verbindungswort aus Globalisierung und Lokalisierung, Anm. d. Red.). Der Prozess der Globalisierung hat seit 1990 zu einer Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern geführt, aber auch zu mehr Handel und Wohlstand insgesamt. Der Trend zur Lokalisierung dagegen bricht erst langsam auf.

Der Nationalstaat ist zu klein geworden, um die großen Fragen – Klimawandel, weltweite Migration - zu lösen. Er ist aber auch zu groß, um den Herausforderungen bei Bildung, Integration oder Schaffung von Arbeitsplätzen gerecht zu werden. Das könnte besser regional und lokal geregelt werden, wenn Bundesländer und Regionen gestärkt werden. Warum sollte die Altmark genauso viele Flüchtlinge aufnehmen wie die Börde? Das muss nicht Magdeburg oder Berlin entscheiden. Der Staat würde weiter steuernd eingreifen, um gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen und bleibt zuständig für die nationale Solidarität, Stichwort Hartz IV oder Grundeinkommen. Alles andere können die Regionen und Kommunen besser entscheiden.

Was ist, wenn keine Region Flüchtlinge aufnehmen will?
Niemand soll zu seinem Glück gezwungen werden. Viele Kommunen sehen Zuwanderung aber als Chance und haben mehr aufgenommen als die zentrale Quote vorsieht. Nur so können sie ihre Infrastruktur in Zukunft finanzieren. Eine intelligente Zuwanderungspolitik setzt sich nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Glokalisierung bedeutet im Zusammenhang mit der Digitalisierung auch Dezentralisierung. Die lokale Ebene wird aufgewertet, die regionale Vernetzung und Wertschöpfung wird wichtiger. Das ist auch eine Chance für den ländlichen Raum.

Der Trend ist eher umgekehrt. Länder geben Kompetenzen an den Bund. Kommunen haben kaum Mittel, um zu gestalten. Die Menschen wollen in die Städte.
Wir müssen den urbanen Raum weiter denken. Das Umland gehört dazu. In Magdeburg sind das 50 Kilometer plus. Das bedeutet natürlich auch mehr Umverteilung zugunsten der Peripherie. Der bekannte Ökonom Paul Collier hat in seinem neuen Buch („Der soziale Kapitalismus“) beschrieben, warum der Konflikt zwischen den Städten und dem ländlichen Raum die größte soziale und politische Herausforderung ist. Er fordert eine Art Steuer zugunsten des ländlichen Raums.

Die Gewinner der Urbanisierung – gutverdienende Singles und Immobilienbesitzer in der Stadt - sollen mehr Steuern zahlen, eine Art Abgabe für die Peripherie. Das Geld steht als Risikokapital für Startups, soziale Infrastruktur und Regionalförderung im ländlichen Raum zur Verfügung. Die aktuelle Diskussion in der Regierungskommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ um Behördenverlagerung und Förderung im ländlichen Raum geht in diese Richtung. Wir können nicht zuschauen wie Regionen absaufen, rechtspopulistisch wählen und sich als Verlierer sehen.

Die Ökonomen vom Ifo-Institut oder vom Wirtschaftsinstitut in Halle raten genau den umgekehrten Weg zu gehen.
Ökonomen sind meist schlechte Zukunftsforscher, weil sie linear denken und sich disruptive Veränderungen nicht vorstellen können. Wirtschaft erklärt auch nur die Hälfte der Geschichte. Der Fall der Mauer und die Deutsche Einheit war eine politische Disruption. Hätte die Politik damals auf die Ökonomen gehört, wäre es nicht zu einer Wiedervereinigung von Ost und West gekommen. Es gibt heute aber auch andere Ökonomen. Professor Jens Südekum zum Beispiel sagt, dass die Prämie für Landflucht die falsche Antwort ist.

Das Thema im Osten ist die Desindustrialisierung. Bis auf wenige Leuchttürme ist es nach 1990 nicht gelungen, sie aufzuhalten. Nun scheint es so, dass selbst die alten, großen West-Industrien schwächeln. Die Autoindustrie ist in der Krise. In dieser Situation versprechen Politiker, dass sie neue Arbeitsplätze schaffen, während sie den Kohle-Bergbau abwickeln.
Der Trend ist langfristig: Die industriellen Arbeitsplätze nehmen seit Jahrzehnten ab. Das wird mit der weiteren Automatisierung und Digitalisierung auch so weitergehen. Aufgewertet wird dagegen kreative Arbeit, Wissensarbeit. Ingenieure, Computerexperten werden in Zukunft noch besser bezahlt werden. Aber es wird auch zu einer Aufwertung der sozialen und immateriellen Arbeit kommen. Pflege, Gesundheit, Erziehung, Ernährung, Mobilität, Tourismus – das sind die Wachstumsmärkte der Zukunft. Diese Märkte sind natürlich kleinteiliger auch aufgrund der zunehmenden Individualisierung in der Gesellschaft. Das Weltwirtschaftsforum in Davos geht davon aus, dass zwei Drittel der Jobs, die 2030 eine Rolle spielen, heute noch gar nicht bekannt sind.

Aber wo kommt die Wertschöpfung her, die einen so starken Dienstleistungsmarkt möglich macht?
Zum Teil aus der digitalisierten Industrie selbst. Die genannten Dienstleistungen werden auch staatlich induziert und auch die Nachfrage der privaten Haushalte steigt. Wertschöpfung wird in Zukunft diverser, vielfältiger.

Werden wir in 30 Jahren noch zwischen Ost- und Westdeutschen unterscheiden?
Nein, das glaube ich nicht. „Ost-West“ ist ein Konstrukt, mit dem die Leute immer weniger etwas anfangen können. Es lenkt nur ab von den eigentlichen Fragen.

Die Grenze definiert sich zurzeit durch gemeinsame biografische Erfahrungen und Daten zum Gehalt, Wirtschaftswachstum, auch zum Wahlverhalten.
Statistiken sind auch nur ein Versuch der Komplexitätsreduzierung. Die eigentliche Grenze verläuft im Kopf: Sehe ich mich als Akteur, Gestalter von Veränderung oder als Opfer? Die Frage ist doch zum Beispiel, wie lässt sich die Altmark schöner, wohlhabender und stärker machen? Das setzt andere Kräfte frei, als wenn wir nur über West- und Ostdeutsche reden. Dann ist nämlich keiner von uns betroffen, sondern der Ostbeauftragte, den ich im Übrigen für überflüssig halte, ist zuständig oder die Bundeskanzlerin oder Brüssel. Beschreibungen wie „Ost-West“ und Ost-Beauftragte führen nur dazu, dass wir uns als Opfer und Zuschauer sehen und nicht als Zukunftsgestalter.

Vielen Dank, Herr Dettling. Ich hoffe, dass wir in 30 Jahren noch einmal über das Thema sprechen können.

Mehr Informationen zum Thema Mauerfall gibt es hier.