Volksstimme: Herr Senius, die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei 6,6 Prozent. Wie sieht Ihre Prognose für 2020 aus?
Kay Senius: Die Prognose ist angesichts der aktuellen konjunkturellen Delle schwieriger als in den Vorjahren, in denen wir eine sehr stabile Wachstumsphase hatten. Es kommt jetzt darauf an, mit welcher Intensität sich die Faktoren Demografie, dem Haupttreiber beim Abbau der Arbeitslosigkeit, und die Konjunktur auswirken. Ich gehe davon aus, dass wir auch im kommenden Jahr Arbeitslosigkeit abbauen werden, allerdings nicht in dem Maße, wie es in den Vorjahren der Fall war.

Gehen Sie davon aus, dass es es 2020 eine Krise geben wird?
Die konjunkturelle Delle ist vor allem den komplexen Wechselwirkungen der internationalen Märkte geschuldet. Eine Krise ist das noch nicht. Insbesondere der Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt reagiert aufgrund der geringeren Exportabhängigkeit und des vergleichsweise hohen Dienstleistungsanteils weniger empfindlich auf konjunkturelle Einflüsse. Die Analysen namhafter Wirtschaftswissenschaftler weisen ja jetzt auf eine Entspannung der Lage hin. Ich bleibe da optimistisch.

Fachkräfte sind rar: Kann das im März in Kraft tretende Fachkräfteinwanderungsgesetz Abhilfe schaffen? Qualifizierten Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Staaten soll es den Weg nach Deutschland erleichtern.
In Sachsen-Anhalt sind wir auf qualifizierte Zuwanderung von Fachkräften angewiesen. Und zwar zeitnah. Das bedeutet, dass die Politik Wege finden muss, um unser Land für Fachkräfte attraktiver zu machen. Dazu gehört auch eine entsprechende Beschleunigung von Anerkennungsverfahren für ausländische Berufs- und Studienabschlüsse. Wir erhoffen uns hier durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz einen Schub. Darüberhinaus besteht für die Länder ja auch die Möglichkeit, zentrale Ausländerbehörden einzurichten durch die Anerkennungsverfahren beschleunigt würden. Leider hat das Land Sachsen-Anhalt diese Möglichkeit bisher nicht in Erwägung gezogen, was ich sehr bedauere.

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Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung des Teilhabechancengesetzes? Es gilt nun seit fast einem Jahr. Wie viele Langzeitarbeitslose konnten integriert werden?
Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung. Wir fördern in Sachsen-Anhalt mittlerweile über 1200 Menschen über das neue Gesetz. Viele dieser Menschen hatten bis vor kurzem kaum Chancen auf einen Job und gehen nun einer sinnstiftenden Beschäftigung nach und werden wieder gebraucht. Das hat sowohl für sie selbst positive Folgen als auch für ihre Angehörigen und Familien. Mich freut besonders, dass die private Wirtschaft sich so stark an der Integration beteiligt. Das hat mit den guten Förderkonditionen zu tun, aber auch mit dem Verantwortungsbewusstsein vieler Unternehmer. Ich hoffe, dass auch nach Ablauf der Förderung viele von den Unternehmen übernommen werden. Die Grundlage für einen nachhaltigen Ansatz legen wir auch dadurch, dass wir die Beschäftigten nach der Arbeitsaufnahme in vielen Fällen durch Coaches begleiten lassen. Das stabilisiert die Beschäftigungsverhältnisse.

Viele Unternehmen in Sachsen-Anhalt finden keinen guten Nachwuchs mehr. Warum?
Der Ausbildungsmarkt ist derzeit von vielen offenen Ausbildungsstellen geprägt. Es gibt immer weniger Bewerber. Ein Grund ist die demografische Entwicklung, aber auch die zunehmende Studierneigung. Die Chancen für Bewerber waren aber auch noch nie so gut, einen guten Ausbildungsplatz zu finden. Die Unternehmen haben immer größere Schwierigkeiten, ihre Stellen zu besetzen. Viele finden nur noch schwer oder teilweise gar keine Nachwuchskräfte mehr. Es muss zum einen darum gehen, auch die Jugendlichen in eine Ausbildung zu bringen, die Startschwierigkeiten haben. Dabei unterstützen wir mit entsprechenden Förderangeboten. Auf der anderen Seite muss es gelingen, den Wert einer guten Ausbildung stärker als bisher in den Vordergrund zu rücken. Denn eine gute Ausbildung ist eine ebenso gute Grundlage für eine Karriere oder gute Gehälter wie ein Studium. Wir werden jetzt auch die Gymnasien viel stärker in den Fokus unserer Berufsberatung nehmen, um das gesamte Bewerberpotenzial zu erschließen.

Lassen Sie uns über Branchen sprechen, um die es derzeit nicht so gut steht. Der Windenergieanlagenhersteller Enercon hat etwa in Magdeburg massiv Arbeitsplätze abgebaut. Haben die Beschäftigten eine Perspektive? Und müsste die Politik nicht ähnliche Anstrengungen unternehmen wie bei den Beschäftigten in der Kohleindustrie?
Natürlich stellt uns jeder Strukturwandel vor Herausforderungen, wenn er mit Entlassungen oder Jobverlusten verbunden ist. Aktuell haben wir noch einen sehr aufnahmefähigen Arbeitsmarkt. Wer einen Berufsabschluss in technischen Berufen hat, die auf dem Markt nachgefragt sind, der wird kaum oder nur kurz arbeitslos sein. Anders bei denjenigen, die ohne Ausbildung sind oder etwa im Helfersegment arbeiten – da braucht es gegebenenfalls noch entsprechende Anpassungsqualifizierungen, um eine Integration zu erreichen. Insgesamt ist es bei allen Facetten des Strukturwandels wichtig, eine kluge und nachhaltige Ansiedlungsstrategie zu fahren, bei der es auch um die Kompensation von gut bezahlten Industriearbeitsplätzen geht, wie es bei der Kohle der Fall ist. Einen entscheidenden Faktor bei einer solchen Strategie spielt das Thema Mobilität, also die Erreichbarkeit von Arbeit auch in den eher ländlichen Räumen.

Werden Automobilzulieferer 2020 in die Krise schlittern?
Bei der Autoindustrie beobachten wir zwei Komponenten des Strukturwandels. Einmal die Digitalisierung, die Produktions- und Vertriebsprozesse verändert. Und den Wandel vom klassischen Verbrenner zum elektrischen Antrieb. Beide haben Umstrukturierung zur Folge. Die Zukunft von Zulieferern wird davon abhängen, wie gut sie sich auf digitale Prozesse und technische Innovationen einstellen. Wir und andere Partner begleiten diesen Prozess mit der Qualifizierung von Beschäftigten in Betrieben. Das Qualifizierungschancengesetz hat dafür eine erste Grundlage gelegt. Nun muss es darum gehen, die Qualifizierung von Beschäftigten zukunftsfest zu machen und Fördermöglichkeiten im Rahmen des Strukturwandels zu erweitern. Dafür hat die Bundesregierung das „Arbeit-von-Morgen-Gesetz“ (Kurzarbeitergeld soll vereinfacht, Weiterbildung ge-fördert werden; d. Red.) angeschoben. Im kommenden Jahr soll es dem Bundestag vorliegen.

Herr Senius, zum Schluss eine persönliche Frage. Wie haben Sie den Anschlag in Halle erlebt? Befürchten Sie auch einen Image-Schaden für den Standort Sachsen-Anhalt?
Wie alle Menschen in Halle war ich geschockt. Ich habe mir nie vorstellen können, dass ein solches Verbrechen hier bei uns passieren kann. Übrig bleibt bei mir vor allem Trauer um die Opfer. Die furchtbare Tat hat auch international für Aufsehen gesorgt. Aber die Hallenserinnen und Hallenser haben durch ihre Reaktionen auch eindrucksvoll gezeigt, dass Fremdenfeindlichkeit und Hass keinen Platz in unserer Stadt haben. Das macht Mut.

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